Sieben Thesen zum Internet

„Auf dem Weg zum sozialen Netz?“ habe ich einen Vortrag genannt, den ich gestern abend in Karlsruhe gehalten habe. Eingeladen hatte die Abas AG, ein Softwareunternehmen, das jährlich etwa 1.000 seiner Kunden zu einem Kundenforum einlädt. Die Teilnehmer waren Vertreter mittelständischer Unternehmen verschiedener Branchen und hatten bisher nur wenig mit Social Media zu tun. Mein Job: Ich versuchte, einige aktuellen Entwicklungen des Internets und deren Bedeutung für Unternehmen zu skizzieren. Dies habe ich mit sieben Thesen versucht.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich den Vortrag vor der Media Coffee-Diskussion (hier bei Robert Basic) vorbereitet habe. Hier nun also die Thesen:

  1. Das Internet ist für einen großen Teil der Bevölkerung in allen Lebenslagen selbstverständlich geworden. Es beeinflusst zunehmend unsere Realitätswahrnehmung.
  2. Im Internet entstehen eigene Öffentlichkeiten. In einigen Bereichen der öffentlichen Kommunikation tritt Internet-Öffentlichkeit in Konkurrenz zur Öffentlichkeit der klassischen Massenmedien. Aus Sicht der Unternehmenskommunikation relativiert sich damit die Bedeutung der Massenmedien.
  3. Das Internet befindet sich mit dem Siegeszug von Social Software in einem gewaltigen Umbruch weg vom „Read only Web“ hin zu einem interaktiven Netz.
  4. Das Internet verstärkt gesellschaftliche Trends wie z.B. Personalisierung, Bedeutung von Peers („Word of Mouth“), Dialoganspruch, Wunsch nach Transparenz, Storytelling oder Selbstorganisation.
  5. Social Software hilft dem Einzelnen sowie Organisationen, ihr soziales Netzwerk auszubauen und zu pflegen. Damit kann Social Software helfen, Sozialkapital zu vermehren.
  6. Social Software ist nicht nur Sache von Privatpersonen, sondern hat Einfluss auf Unternehmenskommunikation, eBusiness und Wissensmanagement.
  7. Das Socialweb stellt ein hohes Maß an Transparenz her. Für Unternehmen ergeben sich künftig neue Möglichkeiten des Data Minings. Umgekehrt haben Wissen und Meinungen z.B. zu Produkten und Unternehmen noch nie so schnell des Weg in Öffentlichkeit gefunden. Die Chancen & Risiken beider Entwicklungen werden erst in Ansätzen wahrgenommen.

Natürlich sind diese Thesen für die Community nicht wirklich neu und nicht allein auf meinem Mist gewachsen – vielmehr sind sie ein Versuch, einige Aspekte der aktuellen Diskussion möglichst einfach zusammenzufassen – sozusagen ein Mashup von Ideen und Erkenntnissen, wobei ich davon überzeugt bin, dass man auch andere Aspekte hervorheben könnte. Anregungen dazu sind wie immer herzlich willkommen…

Nicht als eigene These, sondern als Folgerung aus der fünften These habe ich an Beispielen wie Weblogs oder „sozialen“ eCommerce-Seiten wie Amazon oder eBay erläutert, dass im Netz laufend neue Konversationen entstehen. Aus PR-Sicht muss eine Organisation analysieren, welche relevanten Konversationen existieren und überlegen, ob es sinnvoll ist, sich daran als akzeptierter Partner daran zu beteiligen – oder im Einzelfall eigene Kommunikationen zu starten bzw. ihr Gastgeber zu sein, wie es der Haltungsturner formuliert; Björn Hasse spricht vollkommen zu Recht von der Moderation durch PR. Übrigens im Kern ein längst bekannter Gedanke, den Roland Burkart Anfang der 90er Jahre seinem Modell der verständigungsorientierten Öffentlichkeitsarbeit zu Grunde gelegt hat. Wobei ich jede Rolle der PR – auch die des Moderators – nicht als absolut, sondern als situativ sehe, d.h. PR kann und soll je nach Situation unterschiedliche Rollen einnehmen.

Zurück zum Vortrag: Besonderen Spaß gemacht hat mir die anschließende ausführliche Diskussion. Dort haben wir u.a. auch die Frage vertieft, was man tun sollte, wenn Konversationen aus Unternehmenssicht nicht ideal laufen. Meine Position: Mit Hilfe von Rechtsmitteln kann man schwerlich zu einem akzeptierten Kommunikationspartner werden. Vielmehr ist es notwendig, ein anderes Denkmodell anzuwenden. Ebenfalls diskutiert haben wir das Problem von Manipulationen, etwa durch beauftragte Amazon-Rezensionen, „Verschönern“ von Wikipedia-Beiträgen oder Kommentar-Spielchen wie im Falle Jamba. Meine Einschätzung dazu: Für solche unsauberen Aktionen ist das Socialweb grundsätzlich anfällig. Gleichzeitig besteht kein geringes Entdeckungsrisiko (vgl. These 7) und damit große Gefahr für die Glaubwürdigkeit. Die Entdeckung einer solchen Aktion zieht mindestens den Ausschluss aus der Konversation nach sich, womit das Image und womöglich sogar der Absatz eines Unternehmens gefährdet sind. Andere Fragen drehten sich um den Zeitaufwand eines Corporate Blogs, wie man ein solches bekannt macht und wie man seinen Erfolg misst.

Bemerkenswert – und vollkommen berechtigt – ist übrigens das große Interesse von Unternehmensvertretern an den Möglichkeiten für das Wissensmanagement durch Social Software. Dieser Aspekt wird nach meinem Eindruck in vielen Diskussionen vernachlässigt. Doch davon an anderer Stelle mehr. Den Teilnehmern der gestrigen Runde herzlichen Dank für die angenehme und anregende Diskussion und die anschließenden Gespräche im kleinen Kreis!

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