„Gib mir keinen Like“ – Kleiner Semesterrückblick

„Gib mir keinen Like“ – Kleiner Semesterrückblick

Wie läuft es denn im Studiengang Onlinekommunikation? Und: Was hast Du dieses Semester eigentlich so gemacht? Diese beiden Fragen habe ich in letzter Zeit öfter gehört, deshalb auch hier ein kleiner, ganz persönlicher Rückblick auf das Sommersemester 2016. Ein Stichwort lautet: „Gib mir keinen Like“ – so heißt eine Low Budget-Kampagne, die ein Studententeam entwickelt hat.

Vier Semester gibt es nun den Studiengang Onlinekommunikation (#onkomm), vor ein paar Tagen haben wir den ersten Jahrgang ins Praxissemester verabschiedet, der zweite hat sein Grundlagenjahr abgeschlossen. Was mich besonders freut: Die meisten sind noch dabei, unsere Abbrecherquote ist also niedrig, und ich habe den Eindruck, dass sich die meisten Studierenden als Teil einer Community und wir Lehrenden uns als Team verstehen.

Die für mich persönlich wichtigsten Neuerungen in diesem Semester: Das Thema Content Strategie hat nun so viel Raum, dass ich hierzu eine eigene Lehrveranstaltung anbieten konnte, in die wir auch das Content Strategy Camp #cosca16 integrieren konnten. (Fürs nächste Semester bereite ich Content Development & Curation vor). Und wir haben es geschafft, mit 20 Studenten bei der re:publica dabei zu sein. Über beide Veranstaltungen haben die Studies ausführlich berichtet, unter anderem im Blog PR-Fundsachen, aber sie haben auch getwittert, gesnapt und Facebook gefüttert. Bei Kollegen haben die Viertsemester unter anderem auch Online Monitoring/Opinion Mining sowie Web Analytics in jeweils eigenen Modulen auf dem Lehrplan gehabt, Themen, die früher in kurzen Lerneinheiten in anderen Veranstaltungen untergebracht werden mussten.

Low Budget in der Lernagentur

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Kleiner Preview: Mit dem Festival zum SciFi-Autoren Stanislaw Lem soll auch eine junge Zielgruppe angesprochen werden (Bild: Lernagentur Onkomm).

 

Besondere Bedeutung im Semesteralltag haben sicher die Lernagenturen. Jan-Kristian Jessen (qundg) und ich haben eine von vier solchen Projekt-Veranstaltungen angeboten und eine Gruppe von etwa 15 Studies dabei gecoacht, als studentische PR-Agentur für drei Kunden zu arbeiten. In allen Fällen ging es zunächst um die Entwicklung von Kommunikationsstrategien, dann aber auch um deren (erste) Umsetzung oder die Vorbereitung dazu – jeweils unter dem Vorzeichen von Budgets von nur ein paar hundert Euro. Eine Aufgabe war die Unterstützung der Markteinführung japanischer Bausteine (Nanoblocks). Zweitens wurde für das Polen-Institut in Darmstadt ein Konzept entwickelt, um ab Herbst ein Festival zum SciFi-Autoren Stanislaw Lem zu begleiten. Und im dritten Projekt ging es im Auftrag des hessischen Landesverbands Evangelische Frauen um die Entwicklung einer Kampagne, die für einen reflektierten Umgang mit Bewertungen im Netz sensibilisieren soll. Heraus gekommen ist hierbei das Motto „Gib mir keinen Like“. Die Idee ist, die Vielschichtigkeit von Bewertungen im Netz bewusst zu machen: Dazu gehören die willkommene Orientierung, wenn es um die Bewertung von Produkten geht, aber auch die Schwierigkeiten, wenn Menschen sich von Likes abhängig machen oder wenn Fake-Bewertungen in Shops zu finden sind.

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Mit dem Paradoxen zu spielen ist eine Idee, die zum Thema Bewertungsgesellschaft entstanden ist (Bild: Onkomm-Lernagentur).

Erfreulich: Die von den Studenten ausgedachten Maßnahmen werden in den nächsten Wochen und Monaten umgesetzt, ein paar Baustellen säumen bis dahin noch den Weg. Aber mir hat besonders gut gefallen, wie das Team detailliert eine Übergabe an Nicht-PR-Profis vorbereitet hat – unter anderem durch eine Social Media-Schulung, Leitfäden, Redaktionspläne etc. Für mich ist das ein kleiner Punkt, weshalb ich denke, dass sich die Idee bewährt hat, im Studiengang Onlinekommunikation die Felder Marketing, PR und Corporate Learning zusammenzubringen (die Themen aller Lernagenturen sind hier).

Neue Professur in Sicht

Wie geht es nun weiter? Durch den Hochschulpakt zwischen dem Land Hessen und den Hochschulen sollen wir weiterhin mehr Studienplätze an Fachhochschulen schaffen. Für uns bedeutet dies, dass Onlinekommunikation künftig pro Jahr 75 Studienplätze haben soll, ursprünglich waren 60 vorgesehen (aufgrund der großen Nachfrage hatten wir aber ohnehin schon bisher mehr Studies). Positiv dabei ist, dass wir entsprechend mehr Ausstattung bekommen. Hoffentlich sehr rasch wird bei uns u.a. eine neue Professur für Online-Markenführung und -Management ausgeschrieben (und für einen Kollegen suchen wir bald und zwei halbe Vertretungen für das Gebiet Multimedia-Technologie).

Und wie fühlt sich das Ganze nun an?

Diese Frage hatte mir einer meiner Kollegen am Tag unserer Projektpräsentationen gestellt. Kurz zusammengefasst: Ich freue mich sehr, wie alles ins Laufen gekommen ist und habe den Eindruck, dass die Studierenden beider Jahrgänge schon einiges mitgenommen haben. Für die achtzig Viertsemester hat es geklappt, ein Praktikum zu bekommen und viele der bisherigen Zweitsemester jobben neben dem Studium bereits in Agenturen, Marketing- oder Kommunikationsabteilungen.

Gleichzeitig ist für mich natürlich ein etwas komisches Gefühl, dass wir nun die letzten Absolventen des Studiengangs Online-Journalismus verabschiedet haben, die sich für einen PR-Schwerpunkt entscheiden konnten. Dort habe ich zwölf Jahre lang sehr gern unterrichtet. Mit der Gründung von Onkomm jedoch war es uns sinnvoll erschienen, das Thema PR dort und nicht als Schwerpunkt in einem Journalismus-Studiengang anzubieten. Einen beiden Studiengänge fortsetzenden Master beginnen wir gerade auf den Weg zu bringen. Ich denke, das kann für die Studierenden und uns Dozenten sehr spannend sein….

 

 

(Headerbild vom cosca16: Alina Drewitz für PR-FundsachenCC BY 2.0)

Data Driven Public Relations: Wie sich die Unternehmenskommunikation verändert

Data Driven Public Relations: Wie sich die Unternehmenskommunikation verändert
Daten werden auch in PR bzw. im Kommunikationsmanagement zum Thema. Dies zeigt unter anderem der vor wenigen Tagen veröffentlichte European Communication Monitor (ECM) 2016 (pdf-Download). Ich habe mir die Ergebnisse dieser europaweiten Studie zum Thema Big Data angeschaut und gehe im zweiten Schritt konkreter darauf ein, wie Daten die PR künftig verändern können.<

Studie: Die Wahrnehmung der PR-Profis

Der in diesem Jahr zum zehnten Mal durchgeführte ECM ist die größte Studie zu aktuellen Entwicklungen der PR. Unter Leitung von Ansgar Zerfaß (Uni Leipzig) wurden in diesem Jahr mehr als 2.700 PR-Profis befragt. Eines von mehreren Themen der aktuellen Studie: Big Data. Es zeigt sich, dass 72 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass Big Data die PR-Praxis in den nächsten Jahren deutlich verändern wird – allerdings berichtet erst ein Fünftel von Aktivitäten in dieser Richtung; einige möchten bis Ende 2017 einsteigen, aber immerhin fast jeder zweite Befragte will erst mal außen vor bleiben. In anderen Worten: Das Thema gilt für die meisten als Zukunftsthema, aber was es damit auf sich hat, ist oft nicht so recht klar.

Interessant finde ich ja, was die Praktiker daran hindert, in ihren Kommunikationsabteilungen bzw. in Agenturen Big Data zu nutzen: Von elf möglichen Gründen werden der Mangel an analytischen Fähigkeiten, zu wenig Zeit und der Mangel an technischen Fähigkeiten als größte Hemmschuhe genannt – gesetzliche Einschränkungen oder ethische Bedenken spielen dagegen die geringste Rolle.

Werden Daten bereits eingesetzt, so am ehesten für die Planung von Kommunikationsstrategien, weniger häufig für die Messung von Ergebnissen und am seltensten, um laufend Kommunikationsmaßnahmen anzupassen.

Doch was verstehen PR-Profis überhaupt unter Big Data? Typischerweise meinen sie damit große Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen, deren laufende Verarbeitung neue Erkenntnisse bringt. Dieses im ECM ermittelte Verständnis ist relativ nahe an den wissenschaftlichen Definitionen des Feldes. Soweit der ECM.

Bisherige Bedeutung von Daten in der PR

Im Gegensatz zur PR ist die Nutzung von Daten im Online-Marketing oder im Customer Relations-Management teilweise selbstverständlich. Doch welche Rolle könnten Social Media Analytics, Smart Data oder Big Data künftig in der Stakeholderkommunikation spielen – also über die Kundenkommunikation hinaus? Einen Anschub, mich mit dieser Frage etwas genauer zu beschäftigen, habe ich durch die Akademische Gesellschaft für Unternehmensführung & Kommunikation bekommen, die Wissenschaftler und Praktiker zusammenbringt. Neben anderen Forschern und Praktikern habe ich bei einem von ihr organisierten Forschungsworkshop einen Vortrag halten und das Thema diskutieren können.

Wie verändern also nun Daten die Unternehmenskommunikation? Betrachten wir zunächst die Gegenwart. Ich spreche übrigens nicht gern von „Big Data“ weil mir der Begriff zu technokratisch wirkt, andere sprechen bereits vom Ende von Big Data und reden nur noch von künstlicher Intelligenz. Wie auch auch immer – drei Anwendungsszenarien von Daten sind in meiner Wahrnehmung seit einiger Zeit in der Unternehmenskommunikation zumindest in Teilen üblich:

  1. Issues Management: Durch systematisches Online-Monitoring können Unternehmen relevante Themen frühzeitig identifizieren, bewerten und ggf. reagieren. Die Frage ist dabei allerdings, auf welche Art diese Daten analysiert und genutzt werden. Die Palette reicht von Sentinent Analysen bis hin zu Netzwerkanalysen, die beispielsweise erlauben, Influencer zu einem bestimmten Thema zu identifizieren bzw. Befürworter oder Gegner.
  2. Controlling: Im Vergleich zur Papierwelt müssen viele Daten heute gar nicht mehr erst mühsam erhoben werden, sondern „nur“ noch systematisch erfasst, ausgewertet und interpretiert werden, um die Wirksamkeit von Kommunikationsmaßnahmen zu prüfen. Hierzu gehört beispielsweise auch, Verbreitungswege von (digitalen) Informationen nachvollziehen zu können.
  3. Kundenansprache/Marketing: In der Kundengewinnung (z.B. durch Tracking) werden Daten schon lange genutzt; auch der Kundenservice bzw. das Customer Relationship Management kann durch Daten – etwa durch Social Media Analysen – verbessert werden.

Zu all diesen Bereichen gibt es zahlreiche Tools und Dienstleister, vor allem aber ganz unterschiedliche Verfahren. Wird sich da in nächster Zeit noch viel tun? Ich denke schon. Zum einen bezogen auf die Anwendung: Für viele Unternehmen ist noch immer üblich, Kommunikation auf Sicht zu betreiben. Ich gehe davon aus, dass systematische Datenanalysen in den drei genannten Anwendungsfeldern selbstverständlicher werden, beispielsweise auch im Mittelstand. Zum anderen gehe ich davon aus, dass sich die Verfahren deutlich weiter entwickeln und Möglichkeiten, die im Moment eher in der Wissenschaft angewandt werden, den Weg in Unternehmen finden.

Doch zunächst ist natürlich die Frage, über welche Arten von Daten wir sprechen, wenn wir uns nur mal online umschauen. Betrachten wir zum Beispiel das Social Web: Hier entsteht eine Menge Content durch die Nutzer – Bilder, Texte, Videos, Audios und ich würde auch Bewertungen als eigene Kategorie von User Generated Content betrachten.

All dies lässt sich im Prinzip automatisiert auswerten und gegebenenfalls aus unterschiedlichen Datenquellen zusammenführen. Um klar zu machen, was das bedeuten kann, ein paar Beispiele. Die Analyse von Daten in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter erlauben, detaillierte Beziehungsgeflechte zu identifizieren. Es lassen sich aber auch Stimmungen von Nutzern, Gewohnheiten (Zeiten, Orte, Kontexte) erschließen, ebenso individuelle Interessen, aber auch das Bildungsniveau oder politische Standpunkte. Allein: Solche Analysen sind derzeit noch sehr aufwändig und dürften bisher eher im Rahmen von Forschung und von den großen Plattformbetreibern wie Facebook oder Google erstellt werden als von einzelnen Unternehmen. Während die digitalen Konzerne (einschließlich Uber, Amazon oder Spotify) die systematische Auswertung von Daten tief im Geschäftsmodell verankert haben, ist nun die Frage, welche Optionen es überhaupt für die Kommunikation traditioneller Unternehmen gibt.

Fallbeispiel: Von Obama lernen

Eines der bekanntesten Beispiele, das zeigt, wie datengetriebene Kommunikation aussehen kann: Die Kampagne des Teams von Barack Obama – mit allen Optionen und Abgründen. Bereits vor vier Jahren waren an der Obama-Kampagne zahlreiche Datenanalysten beteiligt, die – so die häufige Interpretation – überhaupt erst die Wiederwahl des US-Präsidenten möglich gemacht haben. Rückgrat ihrer Arbeit war die Datenbank aller registrierter Wähler, die enorm um zusätzliche und fragmentiert vorliegende Daten angereichert worden war: soziodemografische Daten, Facebook-Freundschaften, die Einstellung zum Kandidaten und zu bestimmten Themen, wie sie sich aus Äußerungen im Social Web oder aus Statements in Umfragen ergeben haben, etc. Mit Hilfe von Scores konnte  – offenbar ziemlich treffend – vorhergesagt werden, wer zur Wahl geht, wer spenden wird, wer auf welcher Seite steht oder unentschlossen ist.

Jetzt aber die kommunikationsstrategische Besonderheit: Die eigentliche Kampagne richtete sich mehr und mehr an die Unentschlossenen – mit auf sie speziell zugeschnittenen Botschaften. Man müsste intensiv diskutieren, was ein solches Vorgehen, in dem es nicht mehr um das Herstellen einer Mehrheitsmeinung geht, für eine Demokratie bedeutet. Klar ist: Nach deutschem Verständnis sind solche Datenpools und die geschilderte Nutzung auch heute noch weitgehend undenkbar. Dennoch ist dieses Fallbeispiel spannend, um über mögliche Entwicklungen nachzudenken bzw. darüber, was wir wollen oder nicht.

Drei Szenarien für die Zukunft

Detail

Ich will für den Moment drei Szenarien vorstellen, die künftig durch die systematischere Nutzung von Daten in der Unternehmenskommunikation denkbar sind. Diese Szenarien sind nicht unabhängig voneinander zu sehen, sondern hängen zusammen. Wie realistisch diese Szenarien sind oder ob ich wichtige andere Optionen übersehe – dazu freue ich mich natürlich über Rückmeldungen.

  1. Individualisierte Kommunikation

Unternehmenskommunikation unterlag traditionell überwiegend den Bedingungen der Massenkommunikation – sehr häufig mit unabhängigen Medien als Distributionskanälen. Mindestens seit einem Jahrzehnt diskutieren wir nun, dass nicht nur Face to Face, sondern auch in der Onlinekommunikation eine direkte Kommunikation zwischen Unternehmen und Stakeholdern möglich ist. Dies geschieht beispielsweise durch das Schaffen neuer Kommunikationskanäle, hauptsächlich im Social Web, oder durch die Aufbereitung von Informationen, die im Idealfall von Stakeholdern zur richtigen Zeit einfach gefunden oder (künftig z.B. per Bot) zugespielt werden. Auf diese Weise geschieht bereits eine Art von Individualisierung in der Kommunikation. Mit Hilfe von Daten – denken wir etwa an eine Kombination aus Netzwerk- und Sentinent-Analyse – wird nun jedoch möglich, Stakeholder sehr viel differenzierter wahrzunehmen und einzuschätzen. Und: Sie könnten wesentlich individueller angesprochen werden – etwa, wenn auf ihre individuellen Bedenken in einer Argumentation viel genauer eingegangen wird, als wenn man sich um Sorgen einer statistischen Mehrheit kümmert.

  1. Content Distribution und UX

Die Verwendung von Daten kann zweitens für die Nutzer eine ganz neue User Experience schaffen und Nutzern helfen, kontextbezogen Informationen zur Verfügung zu haben.

Beispiel a):
Im Moment sind (Corporate) Websites weitgehend statische Gebilde. Durch die Verwendung von Daten ließe sich dies ändern. Wird beispielsweise ausgewertet, dass ein Nutzer über einen Facebook-Post zum Thema Ausbildung auf eine Corporate Website kommt, könnten sich deren Navigation oder die zuerst gezeigten Inhalte anders darstellen als bei einem Nutzer, der sich für eine Tätigkeit in leitender Funktion interessiert. Auch ist möglich, dass wiederkehrenden Nutzern jeweils individuell zusammengestellte Startseiten einer Webpräsenz gezeigt werden.

Beispiel b):
Im Moment produzieren manche Unternehmen im Rahmen ihres Content Marketing Fluten eigener Beiträge, die jedoch nicht für alle Stakeholder gleich relevant sind. Denkt man beispielsweise an einen Mobilfunkanbieter, so lässt sich die Content Distribution mit Hilfe von Daten bzw. Algorithmen verbessern – etwa, wenn dem Android-Nutzer vor allem Artikel zu Android-Apps ausgespielt werden und dem Aktionär Informationen zu wirtschaftlichen Perspektiven des Unternehmens. Einzelne Unternehmen arbeiten nach meiner Kenntnis derzeit an solchen Konzepten. Für deren Umsetzung werden dann jedoch unter anderem umfassende Meta-Informationen zu jedem Beitrag benötigt.

  1. Predictive PR

Mit Hilfe von (Live-)Analysen lässt sich schnell vorhersagen, welche Botschaften bzw. Aussagen bei einzelnen Stakeholdern wie gut ankommen. Das geht natürlich über bisherige Möglichkeiten hinaus. Lange wird schon im Online-Journalismus live verglichen, welche Aufbereitung eines Themas erfolgreicher ist (A/B-Testing). Solche Verfahren der Live-Messung können einfach auf das Content Marketing übertragen werden, denken wir beispielsweise an Online-Magazine. Werden jedoch nicht nur Nutzerreaktionen live gemessen, sondern Nutzerdaten detailliert gesammelt und ausgewertet, lassen sich diese auch für Vorhersagen nutzen. In der Kundenkommunikation wird dies schon lange gemacht, etwa von Mobilfunkanbietern oder Firmen wie Netflix oder Spotify. Neue Vertragsangebote, Musik- oder Filmvorschläge basieren natürlich auf der Analyse der Kundendaten und errechneten Erwartungen, etwa bezogen auf die Buchung zusätzlicher Dienste oder das Anschauen eines Filmes.

Lässt sich dies auf die PR übertragen? In bestimmten Bereichen schon, denke ich. Der Bezug zur politischen Kommunikation ist natürlich offensichtlich, aber ich könnte mir auch vorstellen, dass sich künftig die Wirksamkeit bestimmter Markenbotschaften oder von Botschaften in der Krisenkommunikation klarer abschätzen lässt – bezogen auf bestimmte Stakeholder wie etwa Umweltgruppen, Anwohner oder Investoren.

Fazit

Die Verwendung von Daten – vor allem Web Analytics und Social Media Analytics – in der Unternehmenskommunikation ist zwar in Ansätzen zu beobachten, vor allem nach meinem Eindruck im Social Media Monitoring. Neue Verfahren und Anwendungsszenarien werden aber künftig weit mehr Arbeitsgebiete der PR betreffen als bisher. Heterogene Daten können unter anderem auch in der internen Kommunikation, in der Krisen- und Katastrophenkommunikation, im Campaigning oder im Kommunikationscontrolling eingesetzt werden. Die Auflistung lässt sich sicher fortsetzen.Und vieles, das muss ich zugeben, ist im Moment noch schwer vorstellbar. Ich freue mich darauf, über solche Fragen in nächster Zeit mit Data Scientists weiter zu diskutieren.

Entscheidend ist aus PR-Sicht für mich jedoch immer, den Kern der Kommunikation nicht aus dem Blick zu verlieren. Daten sind dann sinnvoll, wenn sie bei den eigentlichen Aufgaben der Kommunikation helfen: die Reputation ausbauen und sichern, die License to operate schützen sowie Stakeholder – von Mitarbeitern über Kunden bis zu Aktionären – mitzunehmen. Gerade mit Blick auf das Obama-Beispiel scheint mir klar zu sein: Die Verwendung von Daten erfordert sehr detaillierte ethische Diskussionen und eine genaue Abwägung, wann diese im Sinne der Akzeptanz kontraproduktiv ist. Insofern sind Daten für mich künftig ein Thema für Corporate Social Responsibility (CSR), und ich finde es erschreckend, dass die Befragten im European Communication Monitor ethische Fragestellungen bei der Verwendung von Daten als kleinstes Problem sehen. Dabei will ich nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von Daten argumentieren, plädiere aber für eine seriöse Auseinandersetzung mit möglichen Nebenwirkungen, und zwar am besten bevor die großen Datenmaschine angeworfen wird.

Bildnachweis (Header + Detailfoto): Tobias Tanzyna für die Akademische Gesellschaft

Wissensmanagement: Refind entwickelt Social Bookmarking weiter

Täglich stolpern wir über spannende Links, auf die wir einmal wieder zurückkommen möchten. Die kann man natürlich im Browser als Lesezeichen speichern. Oder man nutzt Social Bookmarking und gibt seine Fundstücke öffentlich frei und entdeckt selbst bei anderen interessante Links. Mit Refind gibt es in diesem Feld nun ein neues Angebot, das spannend ist, weil die klassischen Anbieter wie diigo zwar still und freundlich funktionieren, aber in letzter Zeit nicht mehr sehr innovativ waren. Erste Eindrücke eines Dienstes, der das Entdecken von Informationen und das persönliche Wissenesmanagement unterstützen kann.

Social Bookmarking: Qual der Wahl

Als das damals so genannte Web 2.0 zu seinem Hype Anlauf nahm, zählte Delicious wohl zu den populärsten Diensten – mittlerweile ein eher scheintoter Service. Wie viele andere auch bin ich vor Jahren umgezogen – manche zum Beispiel zu Pinboard; ich bin bei diigo gelandet. Insgesamt gibt es natürlich etliche Social Bookmarking-Dienste, die sich in manchen Details unterscheiden: Das Search Engine Journal listet mehr als 50 Social Bookmarking-Services auf. Die typischen Basisfunktionen sind das Speichern von Links mit Hilfe von Bookmarklets; abgelegt werden dann Headline und Beschreibung des Links, und natürlich gehört eine Verschlagwortung mit Tags dazu. Manche Dienste erlauben auch die Entscheidung, ob der Link privat für mich oder öffentlich abgelegt werden soll. Die Grundidee besteht natürlich darin, Links öffentlich zu speichern, so dass andere sie auch entdecken können. Diigo bietet zusätzlich auch die Option, Links in Nutzergruppen abzulegen und auf Websites Sticky Notes (die man nur selbst sieht) zu hinterlassen. All dies ist meist kostenlos. Wer sicherheitshalber Kopien von Websites gespeichert haben möchte, muss üblicherweise bezahlen, besonders günstig erscheint mir da Pinboard mit derzeit 11 $ im Jahr. Und während sich diigo in den letzten Jahren praktisch nicht weiter entwickelt hat, bietet Pinboard beispielsweise auch die Möglichkeit, eigene Tweets zu archivieren oder Favoriten aus Diensten wie Pocket zu importieren. An dieser Stelle geht jetzt Refind weiter.

New Kid in Town: Refind

Was genau bietet nun Refind, und was macht es anders als bisherige Dienste? Zunächst: Das Ganze ist noch relativ neu und man bekommt seinen kostenlosen Account (bisher?) nur auf Einladung. Diesen Mechanismus kennen wir ja von vielen neuen Diensten. Ich habe für interessierte Leserinnen hier mal eine Einladung, die 24 Stunden gültig ist (also bis 2.7.16, 10 Uhr).

Betrachtet man die dort abgelegten Bookmarks, so gibt es drei verschiedene Ansichten – die reine Liste, die klassische Ansicht mit Teaser oder eine erweiterte Ansicht, die sich erst auf zweiten Blick von Feeds in anderen Social Networks unterscheidet. Hübsch daran: Wie bei Medium oder Facebook wird neben Überschrift, Teaser und Tags auch ein Bild angezeigt. Praktisch: Refind zeigt die geschätzte Lesezeit eines gespeicherten Artikels an. Insgesamt dient der Dienst einerseits natürlich der Ablage eigener Links, andererseits betont er stärker als manche andere Anbieter den Netzwerkgedanken: Wer Refind aufruft, bekommt als erstes den Bookmark-Feed der Leute, denen man folgt, angezeigt. Jeder Link ist gleich mit einem Button zum Speichern im eigenen Archiv versehen.

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Ausführliche Ansicht eines Bookmarks

So weit, so gut – nach Highlights klingt das noch nicht. Es gibt aber ein paar besondere Funktionen bei Refind:

  1. Integration: Im Gegensatz zu Diigo muss ich keine mühsame Webautomation mit IFTTT bemühen, um bei Twitter geteilte Links oder Likes bei Pocket direkt ins Bookmark-Archiv zu bekommen; dies kann ich stattdessen direkt in den Refind-Einstellungen aktivieren.
  2. Verteilen: Wer’s mag, kann seine Schätzchen beim Speichern auch gleich vertwittern bzw. in anderen Services verbreiten.
  3. Newsletter: Man kann anderen Nutzern seine Links automatisch als Newsletter zusammenstellen lassen. Diese Newsletter werden per E-Mail täglich oder wöchentlich verschickt.Ich habe dies gerade erst ganz frisch angelegt, wer neugierig ist, kann meinen Newsletter gern mal probeweise abonnieren. Praktisch: Als Abonnent benötigt man keinen Refind-Account.
  4. Alerts: Sucht man innerhalb von Refind etwas, kann man diese Suche als Alert speichern und bekommt eine Mail, wenn ein entsprechender Link von einem User gespeichert wurde (maximal einmal am Tag).
  5. Reminder: Wenn man weiß, dass man einen Link zu einer bestimmten Zeit – etwa zum Vorbereiten eines Vortrags – wieder braucht, kann man beim Abspeichern schon einen Reminder für diesen Link setzen.
  6. Read later: Sobald man einen Link speichert, hat man die Möglichkeit, ihn zu markieren, um ihn dann in einem eigenen Bereich – seiner aktuellen Leseliste – angezeigt zu bekommen. Sehr schick: Falls man den vorgemerkten Link dennoch vergisst, bekommt man nach ein paar Tagen eine schlaue Erinnerungsmail: Man kann dort anklicken, dass man den Artikel nun gelesen hat – oder nochmal erinnert werden möchte.
  7. Mobil: Klar, es gibt Apps.

Ein paar weitere Funktionen – etwa Statistiken – empfinde ich eher als Spielerei. Wer sich genauer für die einzelnen Funktionen interessiert, findet diese im Blog von Refind beschrieben.

Mein Eindruck

Refind ist für meinen Geschmack ziemlich schick gemacht und bringt ein paar Funktionen, die andere nicht haben. Gerade das Entdecken von Links im eigenen Netzwerk geht sehr bequem und ist natürlich spannend. Refind gelingt es aus meiner Sicht, die eigentliche Idee des Social Bookmarkings, also den sozialen Aspekt, wieder stärker zu betonen.

Die Newsletterfunktion setzt dies fort und bildet die Brücke vom Wissensmanagement zum digitalen Kuratieren – und zwar per Push-Kommunikation. Ob solche Newsletter für viele Nutzer interessant sind, muss man mal abwarten. Ich kann mir selbst nicht vorstellen, mehr als einen oder zwei zu abonnieren, aber den Kurator richtig ausgewählt, könnte das interessant sein. Vor allem stelle ich immer wieder fest, dass viele Praktiker und Studierende manchmal froh wären, einen so niederschwelligen Dienst wie einen Mail-Newsletter nutzen zu können – auch wenn es mit Flipboard, Pocket etc. viele andere Optionen gibt, Lesetipps zu beziehen.

Schade finde ich dagegen, dass RSS-Feeds bei Refind offenbar komplett gekillt sind. Bei diigo habe ich einzelne Tags direkt als Feed abonniert, ebenso die Bookmarks anderer Nutzer. Aber vermutlich wird RSS den meisten Leuten kaum fehlen und die Newsletterfunktion sowie die Alerts kompensieren dies und sind für die meisten Nutzer vermutlich bequemer. Was Refind auch nicht bietet: Das Erstellen einer dauerhaften Kopie einer Website (ich habe das eigentlich noch kaum mal gebraucht).

Nach wie vor ist Social Bookmarking für viele Webworker vollkommen unverzichtbar, insgesamt jedoch war es schon immer eine Nischenanwendung. Mein Eindruck ist, dass es sich für vor allem für diejenigen lohnt Refind genauer anzuschauen, die bisher einen solchen Dienst noch nicht nutzen. Gerade durch die angesprochenen Integrationen und die Kombination aus einfachem Monitoring, Wissensmanagement und Kuratieren kann ich mir vorstellen, dass einige Nutzer das Tool als bequemes Universalwerkzeug empfinden und sich sparen können, für alltägliche Workflows mehrere Tools zu nutzen.

Und was mach‘ ich jetzt?

Und wie gehe ich künftig mit Refind um? Als Heavy-User von Social Bookmarking bleibe ich erst mal bei meinem Workflow und bei diigo als zentralem Speicher meiner Links und der verschiedenen IFTTT-Rezeptchen. Wer wechseln möchte: Es gibt für einige Dienste (und Leselisten im Browser) Importfunktionen.

Auch auf Pocket als Read-it-later-App möchte ich erst mal nicht verzichten, zumal ich dort die mir wichtigen Artikel auch offline lesen kann, also etwa, wenn die Bahn mal wieder zwischen Funklöchern flitzt.  Ich habe jedoch Refind so eingestellt, dass der Service mehr oder weniger das selbe macht wie diigo: Auf Twitter geteilte und geherzte Links sowie Favoriten von Pocket wandern zu Refind. Und alle paar Tage schaue ich mal, was ich in meinem Refind-Netzwerk so entdecken kann. Bis auf Weiteres.

Update: Meine Erfahrungen mit Refind

(30.7.2016) Inzwischen nutze ich Refind seit genau einem Monat, und ich habe festgestellt, dass ich den Dienst in meine Arbeitsroutinen fest integriert habe. Dabei speichere ich nicht nur viele Links, die ich irgendwo finde – das Besondere ist, dass Refind für mich so sticky ist, dass ich tatsächlich regelmäßig vorbei schaue, um Links zu entdecken. Wie ich es wahrnehme, beschäftigt sich die Community bisher sehr intensiv mit Marketing,  Design, Journalismus, Online- bzw. Tech-Themen, neuer Arbeit etc. – für mich also ein spannender Themenpool. Besonders hilfreich finde ich, dass ich in einem Stream die Links meines Netzwerkes angezeigt bekomme, regelmäßig scrolle ich jedoch auch durch die Liste der mit für mich interessanten Tags versehenen Artikel – Refind präsentiert die von mir häufig verwendeten Tags etwas prominenter. A propos Tags: Praktisch finde ich auch, dass man beim Speichern eines Beitrags gleich mal von anderen genutzte Tags automatisch übernimmt, aber dies jederzeit ändern bzw. ergänzen kann. Überrascht hat mich schließlich die Dynamik des Netzwerkes: Nach einem Monat hatte ich über 1.000 Follower. Darunter sind sicher sehr viele, die sich nur mal kurz umschauen, aber solange ich immer wieder Leute finde, denen ich gern zurück folge, ist das sehr erfreulich.

Wie bleiben Kommunikationsprofis fit im Job? Umfrage zum lebenslangen Lernen

Wie bleiben Kommunikationsprofis fit im Job? Umfrage zum lebenslangen Lernen

Wer meint, mit dem Bachelor- oder Masterzeugnis in der Hand endlich ausgelernt zu haben, hat sich getäuscht. Für viele geht es im Job erst richtig los mit dem Lernen. Dessen Form allerdings verändert sich: Statt vorgegebener Themen und formaler Kurse steht für viele Berufstätige das informelle und eigenverantwortliche Lernen nun im Vordergrund. Wer fachlich fit bleiben will, muss Strategien des lebenslangen Lernens haben. In ihrem PhD-Projekt untersucht Pia Sue Helferich am Beispiel von PR-Profis, wie das Social Web hier helfen kann. Es wäre toll, wenn Ihr sie unterstützen und bei der derzeit laufenden Befragung mitmachen würdet.

Die Frage des lebenslangen Lernens beschäftigt mich seit einigen Jahren. Zunächst aus eigenem Interesse: Schließlich forsche und lehre ich zu Onlinekommunikation, also einem Feld, das sich rasend schnell verändert. Und auch wenn ich jedes Jahr ein Seminar zu Online-PR anbiete, so muss ich jedes Mal einige Inhalte aktualisieren. Ganz ähnlich geht es Beraterinnen in PR-Agenturen: Empfehlungen, die vor zwei Jahren auf der Höhe der Zeit waren, würden sie heute vielleicht so nicht mehr geben. Oder ein Beispiel aus unserer Hochschule: Der erste Jahrgang des Studiengangs Online-Journalismus verließ die Hochschule vor elf Jahren; das Wissen, das damals erlernt wurde (thematisches Fachwissen und nicht Kompetenzen wie Schreiben) ist zum großen Teil überholt, und die ehemaligen Studierenden müssen die Veränderungen mitbekommen und lernen, was diese für ihre Arbeit bedeuten. Laufend verändern sich Mediennutzung, Meinungsbildung, Plattformen, deren Funktionen, Codes genauso wie die Akzeptanz von Kommunikationsformen etc..

Strategien des informellen Lernens

Und weil ich lange Zeit in meinem engeren Umfeld wenige Sparringspartner zum Thema Online-PR hatte, habe ich durch Ausprobieren mir selbst Lernstrategien überlegt, um als Dozent auf dem Laufenden zu bleiben. Neben eher formalen Veranstaltungen wie Tagungen (sehr wichtig, wenn es um Forschung geht), spielen für mich Fachliteratur und besonders das Web eine wichtige Rolle: Vor etwa zwölf Jahren etwa bezog ich einen großen Teil aktuellen Wissens zur Onlinekommunikation aus internationalen Blogs.

Doch seit dieser Zeit frage ich mich auch, wie man eigentlich Studierende an der Hochschule darauf vorbereiten kann, dass sie Strategien entwickeln, um auch später fachlich auf dem Laufenden bleiben zu können. Einer meiner zentralen Ansätze ist – wie schon mehrfach hier berichtet – das Social Web zu nutzen: Lernen, indem man sich mit anderen vernetzt, indem man Blogs liest, Leuten, die etwas zu sagen haben, auf Twitter folgt etc. – und natürlich selbst sein Wissen teilt: Durch eigenes Publizieren im Netz oder in Diskussionen im Seminarraum. Hinzu kommen als weitere Möglichkeiten die Teilnahme an Barcamps, Webmontagen, später im Beruf dann an Arbeitskreisen in Verbänden – kurz: Communities of Practice. Irgendwann in der Berufskarriere kommen dann oft auch klassische Strategien wie der Besuch formaler Schulungen dazu.

Barcamps sind ein Beispiel, wie man in einer Community informell lernen kann.
Barcamps sind ein Beispiel, wie man in einer Community informell lernen kann.

Forschungsprojekt: Wie halten sich Kommunikationsprofis fachlich fit?

Gleichzeitig ist eine sehr spannende Forschungsfrage, wie denn Kommunikationsprofis selbst ihr lebenslanges Lernen organisieren, wenn sie einmal ein paar Jahre im Beruf sind. Genau dies ist das Thema der PhD-Arbeit von Pia Sue Helferich, die übrigens unter anderem Mitarbeiterin in unserem Projekt “Mittelstand 4.0 Agentur Kommunikation” ist. Dort haben sie ihre Kollegen die Aufgabe, Multiplikatoren zur Digitalisierung von Marketing und Kommunikation auf dem Laufenden zu halten.

Doch zurück zum Forschungsprojekt, in dem es sehr stark um gemeinsames informelles Lernen in Communities und Networks of Practice geht: Bereits durchgeführt hat Pia 16 ausführliche Interviews mit Kommunikationsprofis. Die ersten Ergebnisse: Die Interviewpartner lernen hauptsächlich durch Interaktion mit anderen, learning by doing und Gespräche auf Veranstaltungen oder mit Hilfe von Social Media. Die Strategien der Interviewpartner lassen sich nach individuellen und sozialen Strategien unterteilen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist das persönliche Netzwerk der Interviewpartner: Personen des persönlichen Netzwerks empfehlen – online oder im persönlichen Gespräch – wichtige Themen, neue Kontakte oder stehen für Diskussionen und Gespräche zur Verfügung.

Was wieder zurück zum Studium führt: Alle Interviewpartner halten Lebenslanges Lernen für wichtig, sind sich aber auch darin einig, dass dieses Lernen erst einmal erlernt werden muss. Formale Weiterbildungen hatten übrigens im Rahmen der Interviews wenig Relevanz, wenn es um Branchenthemen geht, sondern eher in Bereichen wie Projektmanagement oder Führungsskills.

So, und jetzt kommt der nächste Forschungsschritt: Mit Hilfe der bereits erwähnten Onlinebefragung sollen nun die Ergebnisse der qualitativen Forschung auf breitere empirische Basis gestellt werden. Wir wären also sehr froh, wenn möglichst viele Kommunikationsprofis den Online-Fragebogen ausfüllen würden. Das Ganze dauert ein paar Minuten, aber wir hoffen auf interessante Erkenntnisse.

Wie geht es weiter?

Nach der Auswertung der Online-Befragung ist dann ein weiterer qualitativer Forschungsschritt vorgesehen, und zwar in Form von Gruppendiskussionen. Zu Beginn des kommenden Jahres sollte das Ganze abgeschlossen sein.

Und dann? Sehen wir mal, im Moment sind wir am Überlegen, künftig Kommunikationsprofis darin zu unterstützen, mit Hilfe von Vernetzung und dem Social Web in ihrem Job auf dem Laufenden zu bleiben. Das Ganze geht also mehr in die Richtung “das Lernen im Social Web” zu befähigen als formale Weiterbildungen anzubieten. Zwar wird für Hochschulen natürlich auch immer wichtiger, berufsbegleitend ganze Studiengänge anzubieten, aber Menschen beim lebenslangen informellen Lernen zu coachen, finden wir auch sehr spannend. Eine Idee, die auch auf andere Berufe übertragen ließe.

 

Fotos vom cosca16: Alina Drewitz für PR-Fundsachen, CC BY 2.0

Ein Blick auf digitale Multis und kritisierte Handwerker

Ein Blick auf digitale Multis und kritisierte Handwerker

Der Wochenrückblick zu Netzthemen, Online-Marketing und PR

In dieser Woche gab es gleich zwei Studien zur Mediennutzung, einen Riesendeal von Microsoft, das Eingeständnis aus Cupertino, dass auch in der iWelt externe Entwickler wichtig sind und harsche Vorwürfe an die Anbieter von Medien- und Influencerdatenbanken.
Beginnen wir erst mal mit einem ursprünglich analogen Thema: Journalismus. Dass es dem ökonomisch immer schlechter geht, wissen wir. The Atlantic hat nun die frische US-Studie „State of the News Media“ zum Anlass für eine längere Analyse genommen und betont, wie wichtig Facebook & Co. für die Medienhäuser ist, um Traffic zu bekommen, während zeitgleich die Tech-Firmen den größten Teil des Werbegewinns für sich behalten. Anders ausgedrückt: Im Web wird eine Menge Geld verdient – nur nicht von den News-Anbietern. Wussten wir eigentlich schon, aber jetzt mit aktuellen Zahlen.

Studien zur Mediennutzung

Jaja, die Revolution. Sie kam mancherorts anders als gedacht.
Jaja, die Revolution. Sie kam mancherorts anders als gedacht.

Noch mehr Zahlen lieferte dieser Tage der internationale Digital News Report 2016 von Reuters (pdf). Besondere Erkenntnis: Die Generation der 18 bis 24-Jährigen interessiert sich weniger für Nachrichten als früher – egal, ob es im Fernsehen oder online. Immerhin informieren sich immer noch 86 Prozent der Befragten mehrmals in der Woche, in dieser Altersgruppe geschieht dies hauptsächlich online. Fatal: Das Vertrauen in Journalismus ist bei jungen Erwachsenen am geringsten.

Schlauere Anwendungen durch Öffnung für Entwickler?

Reden wir zur Abwechslung mal über Apple. Es scheint, dass der iKonzern gerade nicht so vom Glück verfolgt wird: Da haben sie in Cupertino lange ihre Entwicklerkonferenz WWDC vorbereitet und dann posaunt Microsoft zeitgleich seinen 26 Milliarden-Deal zur Übernahme von LinkedIn in die Welt. Und ein paar Tage später wird auch noch bekannt, dass in Peking erst mal einige iPhone6-Modelle nicht mehr verkauft werden dürfen – Plagiatsvorwurf.
Das Apple-Event hatte übrigens manchen enttäuscht, denn es ging „nur“ um Software. Die News sind aber gar nicht so unwichtig: Erstmals dürfen Entwickler von Fremdanwendungen auf Apple-Apps wie Siri, Maps, Nachrichten oder News zugreifen. Endlich, möchte man sagen. Denn wenn wir schon laufend über Bots und schlaue Assistenten sprechen, darf ruhig auch Siri mal etwas aufgeschlaut werden und andere Apps steuern, um zum Beispiel auf Zuruf ein Taxi bestellen zu können.
Natürlich gibt es im Detail noch viele andere Neuerungen im Apple-Universum, am drolligsten fanden aber manche, dass Apple seinen Messenger bunter macht und auf Animationen und Emojis bzw. Sticker setzt. Dass das mehr als Kinderkram ist, erläutert Connie Chan vom Venture Capital-Unternehmen Andreessen Horowitz in einem ausführlichen Blogpost. In Apps wie WeChat und Line spielen Sticker demnach als neue Ausdrucksmöglichkeit eine große Rolle, auch in der beruflichen Kommunikation. Interessanterweise werden Sticker in WeChat wie Sammelkärtchen behandelt: Bekommt man einen neuen zugeschickt, kann man ihn aus dem Chat heraus in seiner Sammlung speichern. Künstler können Sticker verkaufen, Unternehmen – wie bei Snapchat – gebrandete Sticker in Umlauf bringen. Abgesehen von der Sammelleidenschaft ermöglichen Sticker laut Chan neue Möglichkeiten des Storytellings. Anders ausgedrückt: Wir kommunizieren weniger textlastig, sondern immer visueller. Snappy.

Gut, Apple geht also mehr in Richtung vernetzter Anwendungen und visuellem Messaging. Und wie war das mit Microsoft? Die haben Facebook als Vorbild, aber natürlich vor allem Berufstätige im Blick. Sprich: Was der Newsfeed von Facebook in der Freizeit, soll der Feed von LinkedIn im Beruf sein, so Bill Gates. Natürlich kann man sich auch schlaue Möglichkeiten der Teamarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg vorstellen, denkt man an eine Verknüpfung zwischen dem Netzwerk und dem weit verbreiteten MS Office.

Adressbroker in der Kritik

Jetzt aber mal zurück aus der Welt des großen Kapitals zum irdischen Handwerk in unseren Landen. Nein, ich meine nicht Fleischer und Installateure, sondern modernes digitales Handwerk. Eine nicht immer geliebte Ausprägung davon beschäftigt sich mit Adressdaten, die dann anderen zur Verfügung gestellt werden. Ein uralter Hut, wenn es um Redaktionsadressen geht. Ein alter Hut, wenn es um Blogger und andere Influencer geht. Sollte man man meinen. Seit gut sechs oder acht Jahren diskutieren wir drüber. Jetzt aber ist Richard Gutjahr die Hutschnur geplatzt, und ich kann ihn ja verstehen. Er bekommt jeden Tag viel zu viel für ihn unbrauchbares PR-Geblubber und macht deshalb den großen Adress-Brokern Vorwürfe.

Die eine Frage dabei ist für mich, ob deren Methoden des Datensammelns legitim sind. Ich meine: Nur auf opt-out zu setzen, wie es teilweise offenbar üblich ist, ist eine schwache Nummer. Eigentlich hätte der vor vielen Jahren einmal diskutierte Button „No PR“ im Impressum von Blogs vermutlich manches vereinfacht, hätte er sich durchgesetzt. Die andere Frage ist für mich, was Unternehmen und Agenturen so mit Adressen von Bloggern und Influencern treiben. Sie einfach in Presseverteiler zu nehmen, ist halt unprofessionell – leider aber nicht selten, wie ich selbst immer wieder feststelle. Der Vollständigkeit halber hier noch die Reaktionen von News Aktuell und Cision.