Vor ein paar Wochen hat Christoph Neuberger auf dem Kommunikationskongress darauf hingewiesen, dass durch das Socialweb eine vertiefte Wissenskluft zu erwarten ist. Diese Diskussion wird beim Aufkommen neuer Technologien regelmäßig geführt, doch diesmal halte ich sie für sehr ernst zu nehmen. Und da Christoph Neuberger dieses Problem ausgerechnet auf einer Tagung von PR-Leuten angesprochen hat, nehme ich dies als Lizenz, ein paar Aspekte dieser Diskussion aufzugreifen. Zudem scheint das Thema für jeden Lehrenden, aber auch für Journalisten relevant. Dabei will (und kann) ich nicht ganz neue Ideen aufwerfen, sondern persönliche Anknüpfungspunkte suchen, die mir zur Zeit durch den Kopf spuken. Dabei stelle ich mir die Frage, inwieweit bestimmte Personengruppen für andere die Rolle von Lotsen im Netz übernehmen könnten und inwieweit das Socialweb verstärkt im Zusammenhand mit Medienkompetenz zu sehen ist. (Achtung, es folgt ein länglicher Beitrag.)
Zunächst scheint klar, dass der Umgang mit dem Socialweb (oder was auch daraus entstehen mag) über kurz oder lang als wichtige kulturelle Qualifikation gelten wird – vielleicht gar als eine (von vielen) Basisqualifikationen, so wie es der Umgang mit dem Mobiltelefon oder E-Mails längst ist. In wesentlichen Bereichen des privaten sowie des professionellen Alltags werden Funktionen, die die Interaktion oder Identitätsbildung unterstützen, selbstverständlich sein – ob das nun Social Software-Formate sind wie wir sie heute diskutieren, ist dabei zweitrangig.
Das Socialweb ermöglicht ganz neue Arten der Zusammenarbeit, das Publizieren ohne teure Produktionsmittel, den Aufbau und die Pflege von Sozialkapital und noch vieles mehr. Und vor allem: Das Socialweb sorgt für eine weitere Content-Explosion, die zu meistern es wieder eigene Tools entwickelt. Aus dieser Gemengelage ergeben sich für mich zwei große Herausforderungen:
- Medienkompetenz: Dahinter verbergen sich sehr viele Aspekte, doch unter anderem geht es um die Frage, wie möglichst viele Menschen befähigt werden, aktiv am Socialweb teilzuhaben. Das soll nicht heißen, dass irgendjemand dazu überredet werden soll, sondern dass zu vermitteln ist, welche (Un-)Möglichkeiten sich hier auftun – sprich: Wie das Ganze funktioniert. Ähnlich wie schon zum Thema Computer oder dann zum WWW könnte diskutiert werden, inwiefern das Socialweb einen Platz in Curricula von Schulen oder Hochschulen haben sollte. Womöglich wird dies jedoch eine zähe Diskussion, denn in vielerlei Hinsicht wissen manche Schüler mehr als ihre Lehrer, und zum anderen glaube ich nicht, dass das Socialweb in klassische Unterrichtsmodelle hineinpasst. Im Gegenteil: Das Socialweb ist Anti-Command/Control. Damit unterstützt es alternative didaktische Ansätze wie z.B. „Lernen durch Lehren„. Solche Konzepte haben zwar eine wachsende Gemeinde unter den Didaktikern, stoßen aber bei anderen auf Ablehnung. Klar ist, dass das Socialweb nicht in Frontalunterricht (oder Vorlesungen) gepresst werden kann. Weltweit gibt es eine Diskussion unter Didaktikern zu diesen Aspekten (z.B. auf der EduBlogger Konferenz), doch scheint sie in Deutschland noch nicht so richtig angekommen zu sein.
- Navigation: Ich habe oben den Begriff „Content-Explosion“ verwendet. Natürlich ist ein Ziel von Medienkompetenz, aus einer Flut von Informationen die für mich jeweils relevanten herauszufiltern. Gleichzeitig sehe ich aber, dass dies nicht jeder Einzelne bewerkstelligen kann – zumal solches Ansinnen weder wirklich produktiv noch im Sinne des Socialweb wäre, das ja unter anderem sehr stark auf Peer-to-Peer-Kommunikation aufbaut. Also auf den Gedanken, dass da draußen eine Menge Leute sind, die von einem Thema, das mich interessiert, viel mehr wissen als ich und – open source your mind! – dies der interessierten Community zur Verfügung stellen. Sie sind das menschliche, also wirklich intelligente Pendant zur Such-Maschine. Damit steigt also im Socialweb der Bedarf an digitalen Lotsen, die Schneisen in das Contentdickicht schlagen und anderen so unter anderem Effizienz schenken. (Da solches in einem Netzwerk geschieht, haben alle etwas davon, die Schenker werden also auch beschenkt).
Vertiefen wir den Gedanken der Navigation: Wenn wir also Lotsen durch den digitalen Content (nunja, vielleicht ja bald auch durch die Real World?) benötigen, fragt sich, was solche Lotsen auszeichnet. Hier sehe ich (derzeit) vier Faktoren:
- Autorität: Damit ist gemeint, dass jemand zu einem bestimmten Thema Autorität z.B. im Sinne von Fachwissen zugeschrieben wird.
- Community: Das adressiert die Frage, welche Position jemand in einem sozialen Netzwerk besitzt. Wie gut ist jemand vernetzt, ist er dadurch in einen lebendigen Austausch von Meinungen und Informationen eingebunden, kann er Netzwerkpartner für bestimmte Fragen aktivieren?
- Marke/Reputation: Diese Begriffe sehe ich in einem engen Zusammenhang, wobei beispielsweise für bestehende Marken (seien es Marken von Verlagshäusern oder Pharmaunternehmen) eine Herausforderung darin besteht, sich auch in der Welt des Socialweb Reputation zu erarbeiten – wobei hier sicherlich die Wahrnehmung einer Marke in der Real World eine entscheidende Rolle spielt. Gleichzeitig gehört an diese Stelle die Überlegung, dass im Socialweb auch einzelne Personen als Marke wahrgenommen werden können.
- Technische Kompetenz: Wer schnell durch riesige Informationsmengen navigieren möchte, muss nicht nur RSS-Feeds abonnieren können, sondern auch in der Lage sein, weitergehende Tools zu nutzen, beispielsweise, um Meta-Feeds zu erzeugen.
Nun stellt sich im nächsten Schritt die Frage, wer die Rolle solcher Lotsen übernehmen kann. Natürlich gibt es sie seit jeher bzw. haben viele diese Rolle längst angenommen. So kann man argumentieren, dass zum Beispiel ein großer Teil der Blogger Lotsenfunktionen per se übernehmen, etwa wenn sie auf die ihnen wichtigen Fundstellen hinweisen, sie diskutieren.
Dennoch sehe ich einen zunehmenden Bedarf an Lotsen durch das Netz. Wer könnte diese Rolle übernehmen?
- Journalisten: Dieser Hinweis ist überfällig, ist es doch ureigene Aufgabe des Journalismus, Orientierung zu bieten, zu strukturieren, zu gewichten und so fort. Das Socialweb sollte zumindest für ihre Recherche eine selbstverständliche Quelle sein.
- Open Source-Denker: also alle, die den Open Source-Gedanken nicht nur auf Software beziehen, sondern auch auf Wissen. Konkret sehe ich da beispielsweise Wissenschaftler und Lehrer in der Pflicht, schließlich werden sie von der Allgemeinheit finanziert. (Ich weiß: die genannten Berufsgruppen sind nicht automatisch open Source-Denker, sollten es aber vielleicht sein). Und natürlich kann jede Privatperson, die sich mit einem Thema gut auskennt, in diese Rolle schlüpfen.
- Bürgerschaftliche Institutionen: Ich würde mir wünschen, dass Institutionen wie Stiftungen, NGOs, aber auch Verbände, viel mehr als bisher ihre Aufgabe als Lotsen sehen – immer bezogen natürlich auf ihr Thema. So könnten z.B. Umweltverbände mit den Mitteln des Socialweb einen kontinuierlichen und unabhängigen Informationsfluss zu ihren Themen aufrecht erhalten. Unterstützung hierin leisten wiederum Organisationen wie z.B. virtual activism.
- Unternehmen: Hier schimmert jetzt der PR-Mensch in mir durch, und vermutlich werden sich an diesem Vorschlag einige reiben. Doch ich sehe es durchaus als Möglichkeit der PR, wenn Unternehmen solche Lotsendienste übernehmen, beispielsweise zur Entwicklung von Branchen oder Technologien. Angst, dass es sich dabei um einseitige Beeinflussung handelt, habe ich übrigens nicht viel. Schließlich sorgt das Socialweb für Transparenz, und wer als Lotse immer nur in eine Richtung guckt, dürfte schnell ins Stolpern geraten.
Und schließlich stellt sich die Frage, wie eine solche Lotsenfunktion wahrgenommen werden kann. Ausgangspunkt ist hierfür sicherlich immer die Kompetenz des Lotsen. Ohne diese nützen auch die schönsten Tools und Formate wenig. Doch diese sind im Sinne von Werkzeugen sicherlich unabdingbar. Wichtig erscheint dabei, Relevantes zu aggregieren und zugänglich zu machen. Das kann ein RSS-Stream aus bestimmten Themenblogs sein (vgl. dazu mein kleines Blogdigger-Experiment oder die Seite Medienstrategien), das kann eine Seite sein, auf der die Community einzelne Beiträge verfügbar macht und diese bewertet und kommentiert (z.B. NewPR), ein themenbezogener Feed oder ganz andere Formate. Entscheidend erscheint mir, dass aus dem Long Tail der Themen für den Einzelnen wertvolle Kanäle entstehen.
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