PR-Verbände unter ein Dach? Oder: Wo spielt die Musik?

So, nach den vielen Diplom-Kolloquien diese Woche habe ich ein wenig Zeit, mich mal wieder ein bisschen im Netz umzuschauen. Besonders neugierig war ich auf die Resonanz zum PR-Tag der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) – immerhin eine der wichtigsten Veranstaltungen der Branche. Zwei Aspekte finde ich (aus der Außenperspektive) bemerkenswert:

Obwohl es wirklich viele deutschsprachige PR-Blogs gibt, hält sich die Resonanz im Web auf den PR-Tag in engsten Grenzen. Schlappe vier Postings findet Google Blog Search, und diese thematisieren die Inhalte der Tagung kaum – oder machen sich lustig über die DPRG. Dabei hat die DPRG nun 2.500 Mitglieder, so viele wie noch nie. Das sind aber immer noch 300 weniger als die Konkurrenz, die doch mal aus Stillstandsprotest gegründet worden war. Zurück zu den wenigen Berichten zum PR-Tag: Man könnte schon fragen, ob es der DPRG nicht gelingt, Themen zu setzen, die auch in virtuellen Öffentlichkeiten weiterdiskutiert werden, oder der Verband internet-affine PR-Leute schlicht nicht interessiert. Beim PR-Tag ging es diesmal übrigens um Produkt-PR. Zwar sind die Vorträge nicht dokumentiert (Ausnahme: „Glaube als Produkt“), immerhin aber die Diskussion, in der es v.a. um Marken, Emotionen und Web 2.0 ging.

Feststellung zwei: Die DPRG weiß, dass es so nicht weiter geht: In seiner Einleitung betonte Präsident Ulrich Nies (Video), dass eine klarere Positionierung des Verbandes (wie auch der PR insgesamt) überfällig sei. Bis Ende diesen Jahres soll dieser Positionierungsprozess für die DPRG abgeschlossen sein. Bemerkenswert: Auf dieser Basis, so Nies, könnte dann mit anderen Organisationen – gemeint ist wohl v.a. der Pressesprecher-Verband – verhandelt werden. Die Vision: „Ein gemeinsames Dach für die Kommunikationslandschaft.“ Ich bin gespannt und hoffe. Vielleicht ginge dann in einem nächsten Schritt manches einfacher voran. Die Professionalisierung. Inhaltliche Diskussionen. Und so fort.

Mal sehen, wie sich die Verbände künftig positionieren. Die Vernetzung innerhalb einer Berufsgruppe ist heute sicher kein USP eines Verbandes mehr. Da haben selbst die großen PR-Verbände auf internationaler Ebene manches verschlafen, denn die Musik beginnt zumindest im englischsprachigen Raum in verbandsunabhängigen sozialen Networks wie MyRagan oder The Communicators‘ Network zu spielen, auf die Markus Pirchner neulich hinwies. Lustigerweise haben übrigens gerade Mitglieder des nicht gerade unbedeutenden Verbandes IABC eine Gruppe innerhalb MyRagan eröffnet. Insgesamt hat diese Plattform in etwa sechs Wochen mehr als 5.600 PR-Leute als Mitglieder gewonnen.

Markus hat übrigens die Idee eines deutschsprachigen Networks für die PR-Branche ins Gespräch gebracht. Also eine Art Branchen-XING. Ich finde die Idee spannend, der Bedarf und die konkrete Ausgestaltung, die Trägerschaft etc. müssten jedoch ermittelt werden.

Nachtrag (15.6.): Petra Sammer hat inzwischen einen ausführlichen Artikel zum PR-Tag veröffentlicht – ohne zu verschweigen, dass aktuelle kritische Auseinandersetzungen mit PR, z.B. in der Titelstory des „manager magazin“ (ich würde auch den Beitrag zu Radio-PR im „journalist“ ergänzen), nicht thematisiert wurde.


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2 Kommentare

  1. Thomas, auf ein „deutschsprachiges Network“ würde ich mich nicht festnageln lassen wollen, obwohl das natürlich wenigstens mal ein Anfang wäre :-)
    Ich sehe das eher aus einer (kontinental-)europäischen Perspektive, ausgehend von der Annahme, dass die europäischen PR-Branchen einander (im weitesten Sinn) kulturell näher stehen als etwa der US-amerikanischen. Das ist jetzt nicht als Plädoyer einer eurozentristischen Abgrenzungshaltung zu verstehen; im Gegenteil: ich bin davon überzeugt, dass viele Themen, mit denen sich die PR-Theorie und -Praxis zu befassen hat, globalen Charakters sind. Anderseits gibt es eine außereuropäische Sicht, die durchaus von einem europäischen Typus von PR spricht.
    Insofern wäre ein europäisches PR-Netzwerk eine Möglichkeit der Selbstdefinition und der Entwicklung eines Selbstverständnisses.
    Dass jedem praktischen Schritt in diese Richtung eine Bedarfserhebung vorauszugehen hätte, ist klar. Wobei ich sicher bin, dass weder Ragan noch Melcrum das für ihre Plattformen getan haben. Die haben es einfach „getan“ und geschaut, was dabei heraus kommt bzw. was die Nische „hergibt“. Das Investment dürfte sich ja in Grenzen gehalten haben (Stichwort: Portokasse).

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  2. Danke für die Konkretisierung, Markus. Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine deutschsprachige oder eine europäische Community vorzöge. Mein Eindruck ist, dass gerade im deutschen Sprachraum erst einmal eine Vernetzung und Selbstverortung gut täte. Und ich glaube, dass zum jetzigen Zeitpunkt der überwiegende Teil der Praktiker wenig Interesse/Bedarf an einem internationalen Austausch hat. Aber das sind ehrlich gesagt Vorurteile ;-)
    Und ja, vielleicht sollte man einfach mal machen…

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