Wissenschaft, Terror, Nebelkerzen

Seit etwa einer Woche verfolge ich (nicht systematisch, aber regelmäßig) die Berichterstattung über den Fall des inhaftierten und vorgestern vorläufig frei gekommenen Berliner Soziologen Andrej H. Der Fall ist so schillernd wie unklar, die Berichterstattung darüber interessant. Klar ist, der Fall erfüllt viele Nachrichtenwerte: Es geht um Terrorismusvorwürfe, Google als Ermittlungstool, gar die Freiheit der Wissenschaft. Prominente Wissenschaftler und hunderte andere erheben ihre Stimme. Trotz Stasi 2.0-Diskussionen der vergangenen Wochen kommt das Thema in den bekannteren Blogs jedoch kaum an. Das hat mich überrascht. Denn viele klassische Medien berichten. Es wäre spannend, mehr darüber zu wissen, wie und unter welchen Bedingungen die Wechselwirkungen zwischen klassischen Medien und Blogs funktionieren.

Zum Fall selbst schrieb SpOn unmittelbar nach der Verhaftung des Wissenschaftlers:

„Als Verdachtsmomente gegen B. führen die Karlsruher Strafverfolger nach Angaben der Verteidiger unter anderem an, dass ein 1998 von ihm veröffentlichter wissenschaftlicher Artikel „Schlagwörter und Phrasen“ enthalte, „die in Texten der ‚militanten(n) Gruppe (mg)‘ gleichfalls verwendet werden“. Die Häufigkeit der Übereinstimmung sei „auffallend und nicht durch thematische Überschneidungen erklärlich“. Außerdem sei er als promovierter Politologe „intellektuell in der Lage, die anspruchsvollen Texte der ‚militante(n) Gruppe (mg)‘ zu verfassen“. „

Sehr seltsam, das alles. Wären die genannten Punkte wirklich die entscheidenden in diesem Verfahren, wäre es unfassbar. Doch irgendwie erscheint ein großer Teil des Falles wie hinter einem Vorhang. Das findet auch telepolis, wo ich den bisher besten Artikel zum Thema gefunden habe. In Kürze: Da verbleiben viele Fragezeichen – auch auf Seiten der Verteidigung. Fragt sich, wer die größten Nebelkerzen in diesem Spiel gezündet hat und was bleibt, wenn sich der Rauch verzogen hat.


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4 Kommentare

  1. Auf die „klasssischen“ Medien ist im Zusammenhang mit einer authentischen Berichterstattung in puncto „Terror“ oder „Widerstand des Volkes“ nicht mehr zu zählen. Geschrieben wird grundsätzlich das, was die Leser lesen wollen und was möglichst wenig kritisch ist, vor allem möglichst wenig kritisch gegenüber dem Staat oder großen Gönnern wie beispielsweise liquiden Anzeigenkunden.

    Von politischer und finanzieller Macht gefesselte Medien sind keinen Deut besser als zensierte Medien, wenn es nicht am Ende auf das Gleiche rauskommt.
    Wer vorher überlegen muß, ob sein Artikel nicht gleichbedeutend mit seiner Kündigung ist, kann nicht mehr frei und ohne Vorbehalte berichten. Aus diesem Grunde werden die Bürger beim Thema „Stasi 2.0“ oder merkwürdigen Machenschaften im Zusammenhang mit dem Thema Terror an der kurzen Leine gehalten. Oder hat bisher auch nur eine einzige Zeitung etwas über „NoPSIS“, „82Megaohm“ oder „Schäuble! Wegtreten!“ geschrieben?
    Mir ist keine bekannt. Und das wird sich auch nicht ändern, weswegen die „Berichterstattung“ in diesem Punkt nur von Bürger zu Bürger funktionieren kann und nur unter Einsatz des Bürgers.

    Das Problem, welches sich hierbei stellt, ist die indoktrinierte Angst der Bürger. Die Angst, die wir gefälligst vor dem bösen Terroristen haben sollen. Diese Angst lähmt uns, viele von uns können nicht offen zu sein. Das muß sich ändern!

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  2. Gerade vor dem Hintergrund der von Dir erwähnten Aktivitäten im Netz hat es mich erstaunt, dass (nach meiner Wahrnehmung) zum beschriebenen Fall die Berichterstattung in den Medien bisher intensiver war als in Blogs. Das wäre vermutlich anders gewesen, wenn es kein Wissenschaftler, sondern ein Blogger wäre, um den es ging. Überspitzt: Eine Abmahnung ist in den meisten Blogs intensiver diskutiert als dieser Fall (der mir wie gesagt nach wie vor nicht vollständig klar ist)

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  3. Leider hinterlässt diesmal der Artikel von Thomas Pleil einige Fragezeichen bei mir, ist doch erstens der Grundsatz „in dubio pro reo“ fundamentaler Grundsatz einer funktionierenden Demokratie, ist kritische Wissenschaft zweitens auf die Gewährleistung demokatischer Voreinstellungen angewiesen. Siehe Artikel von Richard Sennett und Saskia Sassen.

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  4. So, jetzt funzen die Kommentare wieder….

    Sehe beide Punkte ebenso. Mir ging es aber in meinem Text weniger darum, den Fall vorzustellen (denke, in den von mir verlinkten Artikeln wird er ganz gut beschrieben), sondern ich wollte die Aspekte „Öffentlichkeit“ und „Themenkarriere“ mit Blick auf klass. Medien und Blogs kurz anreißen.

    Außerdem wollte ich darauf hinweisen, dass in diesem Fall offensichtlich nicht offen kommuniziert wird.

    Klar ist dagegen, dass die bisher bekannt gewordenen Argumente der Behörden unterirdisch sind und sich die Frage nach der Entwicklung einer Demokratie, in der so argumentiert wird, stellt.

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