Russisch-deutsche Krisenbetrachtungen

Eigentlich klingt es ein wenig widersprüchlich, wenn sich ein Geburtstagssymposion ausgerechnet mit Krisen beschäftigt. Doch um die internationale Wirtschaftskrise und die gleichzeitige Krise vieler Medien ist kaum herumzukommen; insofern lag die Diskussion dieser Themen mit Fokus auf den Vergleich zwischen Russland und Deutschland zum 15jährigen Bestehen des FRDIP Ende letzter Woche doch nahe. Hinter dem Akronym FRDIP verbirgt sich das Freie Russisch-Deutsche Institut für Publizistik an der Moskauer Lomonossow-Universität.

Bereits vor einigen Jahren hatte mir einer meiner früheren Professoren, Jürgen Wilke, von seinen Lehreinsätzen in Moskau erzählt, und ich habe die Idee eines russisch-deutschen Austauschs sofort als sehr spannend empfunden. Insofern habe ich mich besonders gefreut, nun selbst für einen Vortrag an die Lomonossow-Universität geladen zu sein.

Auf dem Symposion selbst wurden die aktuellen Krisen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet – beispielsweise die aktuellen Entwicklungen der Mediennutzung und die Suche nach zukunftsfähigen Geschäftsmodellen für Qualitätsjournalismus, insbesondere online und gedruckt. FAZ-Mitherausgeber Werner D’Inka stellte gar die Frage in den Raum, ob es in zwanzig Jahren noch Qualitätsjournalismus gebe. Die Einblicke in das russische Mediensystem zeigten, dass die Wirtschaftskrise dort noch viel problematischer ist, da für viele journalistische Bereiche einfach das Publikum fehle (v.a. für Wirtschaftsjournalismus) und nun auch noch die Anzeigeneinnahmen weggebrochen sind – bei gleichzeitigem Fehlen eines öffentlich-rechtlichen Modells bei Radio und Fernsehen. Dafür, so berichteten russische Kollegen, sei der russische Staat zur Unterstützung der Medien bereit, allerdings um den Preis zunehmender Kontrolle. Kein Wunder, dass für junge russische Journalisten der Einstieg in den Beruf immer schwieriger wird, vor allem außerhalb der Zentren Moskau und St. Petersburg, berichtete eine Kollegin.

Andere Vorträge beschäftigten sich mit Medieninhalten, Öffentlichkeit und Kommunikation in der Krise selbst. Hierzu gehörte auch mein Vortrag, in dem ich meine Beobachtungen zur Veränderung von Öffentlichkeit durch Online-Kommunikation – insbesondere im Social Web – vorstellte.

Besonders spannend für mich waren darüber hinaus die Einblicke in das FRDIP und sein Studienangebot, das sich an russische Studenten richtet, die gut deutsch sprechen und typischerweise das Ziel haben, für deutschsprachige Medien oder deutsche Unternehmen in Russland zu arbeiten. Seit diesem Wintersemester gibt es im Studienangebot auch einen Doppelmaster in „Communication and Journalism„, der gemeinsam mit der FU Berlin angeboten wird. Die Dozenten kommen aus Moskau, St. Petersburg, Berlin und von anderen deutschen Hochschulen. Dieser Studiengang ist übrigens ein Ergebnis des Petersburger Dialogs.

Hier noch mein Vortrag zur Konferenz:

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