Öffentliche Wissenschaft: Gedanken zur Kommunikation

Öffentliche Wissenschaft ist ein Konzept, das seit einiger Zeit in der Diskussion – und mittlerweile auch politisch gewollt ist. Öffentliche Wissenschaft ist weit mehr als die bisher üblicherweise eingesetzten Strategien der Wissenschaftskommunikation, die hauptsächlich auf das Verbreiten von Informationen abzielt. Doch welche Rolle könnte (Online-)Kommunikation dabei spielen, wenn es darum geht, die Gesellschaft stärker in die Wissenschaft einzubinden? Ein paar Gedanken zu einem Impulsvortrag, den ich Ende der Woche halten werde.

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Wenn Wissenschaft sich der Gesellschaft öffnen soll: Welchen Beitrag kann Onlinekommunikation leisten? Im Bild: Das Fraunhofer LBF in Darmstadt.

Wissenschaft ist per se öffentlich. Zumindest sollte sie es sein, wenn sie öffentlich gefördert wird. Ist sie es nicht, so liegen die Verantwortung und das Interesse dafür meist bei ökonomischen Akteuren. Also zum Beispiel bei Geldgebern, beim Militär,  oder – auf anderer Ebene – bei Verlagen. Beide möchten mit Wissenschaft Geld verdienen. Und bis zu einem gewissen Grad ermöglichen sie zunächst ja auch Wissenschaft. Öffentliche Wissenschaft als Konzept verschiebt den Fokus. Im Mittelpunkt steht die Gesellschaft, ihr Wissenszuwachs und im angewandten Sinne ihre Probleme und ihre Beteiligung. Dies beinhaltet zahlreiche diskutierenswerte Aspekte, unter anderem die öffentliche Kommunikation. Ich meine: Diese beginnt mit Begrifflichkeiten und schlage vor, dass wir uns von dem Begriff des Wissenstransfers verabschieden.

Die Schader-Stiftung in Darmstadt widmet der öffentlichen Wissenschaft eine weitere Tagung, zu der sie Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen geladen hat. Eine wichtige Rolle werden dabei strukturierte Diskussionsrunden spielen, so genannte Dialog-Cafés. Eines von sechs dieser Dialog-Cafés beschäftigt sich mit der Kommunikation, zu der ich zu Beginn einen Impuls geben darf.

Zunächst ein paar Stichworte, die grob meine Wahrnehmung des Rahmens umreißen, in dem wir uns bewegen. Wir stehen vor Herausforderungen, deren Lösung oder Nicht-Lösung unser Leben und das künftiger Generationen massiv beeinflussen wird. Denken wir zum Beispiel an die Entwicklung von Gesellschaften, im Süden, im Osten, im Nahen Osten oder in den Industrieländern. Es geht um Fundamente des politischen Zusammenlebens, das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, das Verhältnis zwischen Bürgern, um Gerechtigkeit, um Meinungsfreiheit, Privatheit und vieles mehr. Beziehen können wir dies unter anderem auf Gesundheit, Versorgung oder Umwelt und es geht um Menschenbilder, denken wir nur an Religionen oder denken wir an Technologie, die uns nicht nur unterhält, sondern auch Arbeit und zunehmend Entscheidungen abnimmt. Kommen wir von der Weltrisikogesellschaft zur granularen Gesellschaft?

Was ich sagen will: Wir brauchen vielfältige und weitreichende Diskurse mit vielen Menschen und zwischen vielen Disziplinen. Nur ein Beispiel: Entwicklern muss klar sein, welche Entscheidungen über Menschen sie in Algorithmen programmieren. Aber wir können nicht einer Berufsgruppe die ganze Verantwortung zuschieben. Wir müssen Leitplanken aushandeln und setzen. Offene Wissenschaft kann einen Beitrag dazu leisten. Selbst im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung hat das Thema zumindest eine Nennung gefunden:

Wir wollen neue Formen der Bürgerbeteiligung und der Wissenschaftskommunikation entwickeln und in einem Gesamtkonzept zusammenführen.“

In Bezug auf die Wissenschaft will ich zwei Ebenen ansprechen:

  1. So sehr wir in den Disziplinen die hohe Spezialisierung benötigen, um wissenschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, so sehr halte ich es für notwendig, dass transdisziplinäre Dialoge stattfinden. Die Frage ist, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in einen Austausch kommen.
  2. Die andere Ebene betrifft den Austausch zwischen Wissenschaftlern und anderen Akteuren in der Gesellschaft: den Bürgern. Bei diesem Austausch kann es sich genauso um Diskurse handeln wie um konkrete Zusammenarbeit. Allerdings: Wissenschaftskommunikation hat das Prinzip Dialog in weiten Bereichen noch nicht ernst genommen.

Drei grundlegende kommunikative Felder sehe ich, um vor allem, um einen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu unterstützen:

  1. Zuhören: Unternehmen und NGO gehen davon aus, dass ihnen das Zuhören bei öffentlichen Diskussionen hilft, ihre Arbeit besser zu machen – also Probleme zu erkennen, Sorgen ihrer Stakeholder und auch Möglichkeiten der Vermittlung sowie Notwendigkeiten des Dialogs. Dies kann mit Hilfe von Online-Monitoring oder in Bürgerdialogen, wie sie z.B. die GSI in Darmstadt organisiert, stattfinden. Wissenschaftliche Institutionen stehen bei solchem instituionalisiertem Zuhören jedoch ganz am Anfang.
  2. Pressearbeit: Abgesehen von spezifischen, aber punktuellen Konzepten wie dem Wissenschaftsjahr spielt die Pressearbeit und damit die Unterwerfung unter mediale Logiken in der Wissenschaftskommunikation vielerorts noch eine zentrale Rolle. Damit sind mehrere Probleme verbunden: Komplexes und Langfristiges passt oft nicht in diese Logik; Medienberichterstattung erlaubt hauptsächlich eine reine Informationsverbreitung und schließlich ist die Frage, inwiefern mit welchen Medien Stakeholder in Zeiten des Mediennutzungswandels künftig noch erreicht werden können.
  3. Social Media: Die Analyse der Social Media-Kommunikation großer Wissenschaftseinrichtungen in den USA hat vor kurzem gezeigt, dass diese typischerweise reine Einwegekommunikation betreiben. Die Autoren kritisieren, dass die meisten Institutionen nicht einmal in der Lage sind, zu antworten, wenn sie adressiert werden. Dies kann vielfältige Ursachen haben. Ich meine aber, es wäre ein Denkfehler, das Prinzip Dialog an institutionelle Kommunikatoren zu verlagern. Glaubwürdiger Dialog kann nur stattfinden, wenn Wissenschaftler ihn selbst führen.

Sollten wir den Begriff des Wissenstransfer beerdigen?

Für die Diskussion gebe ich vier erste Anregungen zur Kommunikation im Rahmen von Open Science:

  1. Mindset: Wenn wir davon ausgehen, dass Begriffe ein Framing schaffen, sollten wir genauer anschauen, welche Begriffe wir verwenden. „Wissenstransfer“ ist für mich im Zusammenhang mit offener Wissenschaft ein wenig geeigneter Begriff. Er setzt das bisherige Verständnis unidirektionaler Wissenschaftskommunikation fort und grenzt sich vom Dialogbegriff, von Wissensaustausch und Kollaboration ab.
  1. Working out Loud: Das Konzept wird von seinen Befürwortern als Antwort auf die Anforderungen an das Arbeiten in Netzwerken gesehen. Elemente dieses Konzeptes sind das Sichtbarmachen der eigenen Arbeitsschritte, nicht nur ihrer Ergebnisse. Die Hoffnung: Dies führt im besten Fall zur Verbesserung der eigenen Arbeit durch Rückmeldungen, der Beteiligung an anderer Stelle und dem Aufbau von Netzwerken mit interdisziplinären Beziehungen und Zusammenarbeit. Systematisch eingesetzt wird das Konzept in Unternehmen wie IBM oder Bosch. In der Wissenschaft geht der punktuelle Einsatz von ScienceBlogs in eine ähnliche Richtung; in den Kinderschuhen stecken jedoch Maßnahmen der Öffnung wie zum Beispiel das Streaming von Konferenzen oder das Live-Twittern. Wichtige Effekte solcher Bausteine aus meiner Sicht: Ein solcher Ansatz zwingt ganz nebenbei zur Verständlichkeit für unterschiedliche Stakeholder und öffnet vor allem Diskussionen.
  1. Open Innovation: In ersten Ansätzen, beispielsweise in Österreich, werden Open Innovation und Wissenschaft zusammengebracht. Darüber hinaus: Aus dem Feld der Open Innovation kennen wir Mechanismen und Online-Tools, die es erlauben, auch große Gruppen an Innovationsprozessen zu beteiligen und über verschiedene Stufen jedem zu ermöglichen, Themen und Ideen einzubringen, die dann bei Bedarf auch durch alle Interessierten gewichtet, aber auch weiterentwickelt werden können. Die Einsatzmöglichkeiten solcher Mechanismen für eine offene Wissenschaft wären zu diskutieren.
  1. Online meets Offline: Nach aller Erfahrung zur Entwicklung von Netzwerken bzw. Communities sind gemeinsame Themen und Interessen Voraussetzungen für deren Entwicklung. Persönliche Beziehungen verstärken dies jedoch bei weitem. Deshalb halte ich es für sinnvoll, nicht nur über medien- bzw. online-gestützten Austausch zu sprechen, sondern auch Präsenzformate für die offene Wissenschaft zu nutzen wie etwa Barcamps.

Literatur
Offene Wissenschaft zwingt (auch) zu neuen Publikationswegen.
Natürlich gibt es auch kritische Punkte:

Die Befähigung: Zu fragen wäre zum Beispiel, inwiefern Wissenschaftler generell diskursfähig sind, wenn dieser Diskurs außerhalb ihres bekannten Territoriums stattfindet. Damit zusammenhängend stellt sich die Frage nach der Web Literacy, also der Kompetenz online auf den jeweils geeigneten Plattformen professionell und zielführend zu kommunizieren. Hierzu gehören auch schwierige Fragen der Verantwortung, etwa, um zu vermeiden, dass die Kommunikation von Wissenschaftlern nicht in einen Überbietungswettbewerb kommt und etwa falsche Hoffnungen geschürt werden.

Motivation und Anreiz, sich auf eine solche Kommunikation und den damit verbundenen Aufwand einzulassen. Patrick Dunleavy, Politikwissenschaftler an der London School of Economics ist zum Beispiel davon überzeugt, dass Onlineaktivitäten von Wissenschaftlern nicht nur die gesellschaftliche Debatte unterstützen, sondern auch der Reputation von Wissenschaftlern zuträglich ist. Ähnliches hatte bereits die Weltbank festgestellt: Demnach wirkt sich die Sichtbarkeit wie sie durch Wissenschaftsblogs entsteht, letztlich auch auf die Wahrnehmung der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit aus. Und schließlich – dies sage ich als Mitglied der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler – stellt sich für jede/n die Frage nach der eigenen Verantwortung und den eigenen Anteil an einem größeren Ganzen.

Technikdeterminismus und manipulativer Einfluss: Die Entwicklung von Social Media hat einmal mehr gezeigt, dass naives Vertrauen in die Kraft technischer Werkzeuge fehl am Platz ist. Sie sind eben Werkzeuge, vor deren Einsatz noch viel Grundsätzliches zu klären ist. Dazu zählt unter vielem anderen auch die Frage der gerechten Beteiligungsmöglichkeiten und damit verknüpft die Sorge der Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit durch den Einfluss einzelner gesellschaftlicher Gruppen über den Hebel „offene Wissenschaft“.

Es ist ein anstrengender Weg. Ich freue mich auf die Diskussion.


Ergänzung, 17.11., 22.30: Ich habe per Twitter und Facebook schon einige wertvolle Hinweise zum Thema bekommen, vielen Dank dafür! Aktualisierung hier folgt.

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