Zigarettenindustrie: Astroturfing-Verdacht

In dieser Woche haben wir in einer Lehrveranstaltung über PR-Ethik und speziell über Astroturfing diskutiert – also Kommunikationsstrategien, bei denen der wahre Absender verschleiert wird bzw. der Eindruck erweckt wird, eine Botschaft komme von einer Graswurzelbewegung. Hier bin ich noch Beispiele bzw. Links schuldig geblieben. Erwähnt habe ich unter anderem, dass die Zigarettenindustrie vor einigen Wochen beschuldigt wurde, YouTube zu missbrauchen, um nationale Werbeverbote zu umgehen und Jugendliche als Raucher zu gewinnen.

Wie gesagt, es ist ein Verdacht. Veröffentlicht wurde dieser im Sydney Morning Herald:

„A global authority on tobacco marketing, Professor Simon Chapman, of the School of Public Health at Sydney University, has accused tobacco manufacturers of hijacking YouTube by flooding it with videos of glamorous, smoking teens.“

Hier sind zwei dadurch ausgelöste Berichte (1 | 2) in anderen Blogs. Interessanterweise sind die dort eingebundenen Beispielvideos in beiden Fällen auf YouTube nicht mehr verfügbar.

Ich habe mich deshalb auf YouTube noch ein bisschen nach rauchenden Menschen umgesehen und dort sehr viele Clips entdeckt. Die Autoren bleiben dabei immer im Unklaren. Durchweg bin ich auf Pseudonyme gestoßen. Auffallend ist, dass ein offenbar großer Teil der Clips, beispielsweise mit rauchenden Frauen (fast 1.000 Treffer), als nicht jugendfrei gekennzeichnet sind und nur nach Anmeldung abgerufen werden können. Ob sich da wohl überzeugte Nichtraucher eingeschaltet haben und die Clips als „unangemessen“ gemeldet haben?

Doch auch bei den offen verfügbaren finden sich eine Menge Videos , die erstaunlich professionell wirken, wie z.B. dieses:

Verwundert hat mich daran auch, dass hier Musik von The Police verwendet wird, die wohl kaum lizenzfrei sein dürfte. Beides spricht nicht gerade für eine Privatperson als Urheber. (Klar, auch dies ist nur ein Verdacht).

Die Kampagne gegen Astroturfing ist übrigens hier zu Hause. Ich bin ihr vor einigen Monaten beigetreten, weil ich der Meinung bin, dass gerade in der PR-Ausbildung deutlich werden muss, dass zu PR immer ein offenes Visier gehört – weshalb ich z.B. auch die neulich aufgekommene Idee gemieteter Demonstranten für völlig indiskutabel halte. Einen Link mag ich auf diesen Dienst erst gar nicht setzen…

Ach ja, wer ist eigentlich der australische Forscher, Simon Chapman, der den Verdacht äußerte? Ein Blick in seine Publikationsliste zeigt, dass er sich schon lange mit den Strategien der Zigarettenindustrie beschäftigt – unter anderem geht es dabei auch um Strategien, die Risiken von Passivrauchen zu verharmlosen, berichtete The Lancet vor etwa zwei Jahren über eine Studie von Chapman. Schon 1992 hat er die wissenschaftliche Zeitschrift „Tobacco Control Journal“ auf den Weg gebracht. Und ein nahezu unendlicher Fundus mit Studien rund ums Rauchen – einschließlich Kommunikations- und Lobbystrategien der Industrie – ist die von Chapman verantwortete Tobacco Control Supersite, die sich allerdings auf Australien und Asien konzentriert.

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