Drei Jahre im Social Web – ein Jahr Textdepot

Ja, Leser von Fachblogs lieben kurze Beiträge. Dieser hier ist ziemlich lang und persönlich. Muss auch mal sein.

Bei den ersten, die das Social Web für sich entdeckten, war ich bei weitem nicht. Aber mir ist gerade aufgefallen, dass es nun gut drei Jahre sind, in denen ich mich damit intensiv beschäftige – und dass das Textdepot gerade ein Jahr alt geworden ist. Damit kommt es so langsam aus den Windeln heraus. Doch zurück zum Social Web: Mir ging es von Anfang an um die Frage, welche Bedeutung die dann Web 2.0 genannte Entwicklung für die PR von Unternehmen, aber auch von Nonprofit-Organisationen hat. Hierzu schreibe (und forsche) ich – in Blogs oder wissenschaftlichen Publikationen. Deshalb an dieser Stelle nur ein kurzes subjektives Innehalten mit Blicken nach außen und innen:

Als ich meinen ersten Artikel zu Blogs und ihrer Bedeutung für PR geschrieben habe, konnte kaum ein Praktiker (und kaum ein Journalist) etwas damit anfangen. Langsam ebbt der zwischenzeitliche Hype ein wenig ab. Das ist gut so. Denn Hype sorgt nicht automatisch für Verständnis und Überlegung. Dass sich aber im Netz etwas tut, das es zu beachten gilt, haben einige verstanden.

Eine Menge Business Blogs und andere Social Media-Projekte sind entstanden, einige sind gescheitert, nur manche erfolgreich. Das ist nicht weiter schlimm, denn ich glaube, dass manches bisher erst experimentellen Charakter hatte und in den nächsten Monaten noch eine Menge strategisch aufgesetzter Projekte auf der Bildfläche erscheinen werden. Sie sind viel eher die Nagelprobe für Sinn oder Unsinn von Social Media, beispielsweise bei großen Unternehmen.

Nur langsam lernen Unternehmen, Politiker und Behörden die Bedeutung der Entwicklung einzuschätzen. Denn es geht hier viel weniger um Technik, sondern um die Frage, wie sich in Zeiten des Web 2.0 öffentliche Kommunikation, Beziehungen und Identitäten ändern. Die PR bekommt neue – vom Journalismus unabhängige – Instrumente in die Hand. Gleichzeitig erlauben die selben Instrumente nun (endlich) jederfrau und jedermann zurück zu sprechen. Da wird es immer schwieriger, mit Halbwahrheiten oder Beschönigungen durchzukommen. Gut so!

Ich bin davon überzeugt, dass die aktuelle Entwicklung im Internet die PR – und im weitesten Sinne das Verhältnis eines Unternehmens, einer Organisation zu seiner Umwelt – verändert. Weg von der Einwegkommunikation, hin zum Beziehungsmanagement. Wobei ich letzteres nicht in jeder Situation für notwendig und effizient halte, aber für eine Aufgabe, die von Fall zu Fall wahrgenommen werden muss. Für PR-Leute bedeutet dies, dass sie dies überhaupt akzeptieren und beherrschen müssen.

Und wie ist das mit mir selbst? Was bringt mir nun das Ganze? Als Wissenschaftler und Lehrender könnte ich mir ein Leben ohne Blogs, Wikis und Social Networks kaum mehr vorstellen. Sie haben inzwischen vielfältige Bedeutung für mich: Aus Blogs beziehe ich Informationen, mit meinen eigenen Blog-Beiträgen halte ich Kontakt zur Praxis und zu Kollegen – wobei ich daran besonders schätze, von anderen zu erfahren, womit sie sich beschäftigen und natürlich die Möglichkeit des Diskurses. Blogs nutze ich auch für Lehrveranstaltungen, und durch sie werde ich gelegentlich im Netz gefunden. Letzteres gilt auch für Social Networks wie Xing. Hieraus ergeben sich neue Kontakte, Vorträge, Interviews, Projekte, auch mal Jobangebote für unsere Studenten. Mit Wikis schließlich organisieren wir in Projekten unsere Arbeit, ebenso mit Social Bookmarks. Viele andere Dienste steuere ich regelmäßig an, einige machen Spaß, andere unterhalten, und viele sind nützlich. Allerdings: Vieles macht man, weil’s möglich ist. Anders ausgedrückt: Die Zeitfresser lauern an jeder Ecke, und es ist oft schwer, Grenzen zu ziehen.

Da sich manche fragen, wie das nun mit dem Textdepot entstanden ist: Eigentlich war dieses Blog so gar nicht geplant. Denn ich hatte vor einem Jahr das Gefühl, schon ganz gut beschäftigt zu sein. Entstanden ist das Blog dann aus Ärger. Darüber, dass (übrigens das erste und einzige Mal) ein paar meiner Bookmarks bei del.icio.us verschwunden waren. Durch die Übernahme der Bookmarks ins Textdepot wollte ich diese für mich sichern und für andere sichtbarer machen. Ein seltsames Blogkonzept. Eigentlich gar keines.

Doch viel schreiben wollte ich hier zunächst nicht. Denn bereits im September 2004 hat mich Klaus Eck als Gastautor zum PR-Blogger eingeladen, so dass ich dort immer wieder schrieb. Die Idee des Gruppenblogs gefiel mir. Hieraus entstanden dann im März 2005 die PR-Fundsachen. Dieses Blog war als Begleitung meiner PR-Lehrveranstaltungen konzipiert. Alle Studenten, die seitdem sich für den PR-Schwerpunkt in unserem Studiengang entschieden, mussten zumindest eine kurze Zeit mitschreiben (das bleibt auch so!). Hier ging es mir einerseits um die Erweiterung des Hörsaals ins Netz (thematisch, zeitlich, räumlich) und natürlich besonders darum, dass die Studierenden Dinge wie Themenfindung in einem Fachblog, Schreiben und Kommentieren üben können. Und auch ich habe bis heute ein paar Artikel in den Fundsachen gebloggt. Und wenn ich mal mehr über Journalismus schreiben möchte: Seit Juni 2005 gibt es Journalismus Darmstadt, das Blog unseres Studiengangs, das Studenten in einer PR-Werkstatt aufgesetzt hatten, und in dem heute vor allem meine Kollegen schreiben.

Klar, dass das Textdepot für mich zunächst keine große Rolle gespielt hat. Heute ist es meine Blogheimat. Es ist mein alleiniges Projekt, gewährleistet meine Unabhängigkeit und erleichtert – hoffentlich – meinen Studies ein wenig das Leben. Denn einerseits hatte ich den Eindruck, dass es manchen Studenten schwer fällt, in den Fundsachen zu schreiben, wenn ich dort gleichzeitig auch mein Unwesen treibe, andererseits nutze ich das Textdepot immer intensiver, um Lehrveranstaltungen zu ergänzen – und manchmal zu bestreiten.

So, nun ist’s genug der Selbstreferenzialität – nur eines ist mir noch sehr wichtig: Ich habe durch das Social Web viele Kontakte geknüpft. Daraus sind zum Teil Kooperationen und auch Freundschaften entstanden. Das freut mich. So wie mich jede Leserin, jeder Leser freut, die gelegentlich hier vorbeischauen. Ich bin gespannt, was wir alles noch sehen in den nächsten Jahren.

9 Kommentare

  1. „Leser von Fachblogs lieben kurze Beiträge…“

    …und freuen sich über lange, lesenswerte Artikel. Danke fürs Innehalten, Rück- und Vorwärtsschauen und Glückwunsch zum Einjährigen.

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