Ach, Delicious. Oder: Kuratieren in der digitalen Kammer

Ich gebe es ja zu: Delicious gehörte seit Jahren zu meinen liebsten Social Media-Tools. Und ja, meine Nutzung war bisher etwas spezieller: Ich habe in dem Bookmark-Dienst nicht nur meine Fundstellen abgelegt, sondern eine etwas versteckte Funktion genutzt, die dafür gesorgt hat, dass diese Fundsachen als Lesetipps einmal am Tag hierher ins Blog gewandert sind. Diese Wanderung funktioniert (derzeit?) nicht mehr. Bei der Suche nach Alternativen wurde mir einmal mehr bewusst, dass digitales Kuratieren offensichtlich sehr unterschiedlich verstanden wird.

Meine Überzeugung ist nach wie vor: Digitales Kuratieren ist ein Dienst für andere, um ihnen Lesetipps zu geben und einzelne Fundstücke aus dem rasenden Infostrom des Internets festzuhalten. Da potenziell jeder Nutzer zum Kurator werden kann, dürften Angebot und Nachfrage sich irgendwo im Long Tail finden. Und wenn vielleicht Fachleute aus Organisationen oder Unternehmen einen guten Job als Kuratoren machen, schaffen sie Online-Reputation für sich und ihre Organisation. Gleichzeitig hilft digitales Kuratieren natürlich, vom PR-typischen Selbstbezug („wir kommunizieren, wenn wir was Neues über uns zu sagen haben“) wegzukommen, um auf anderer Ebene Nutzen zu stiften. Und Kuratieren kann eine Brücke zwischen Social Web und Medienberichten schlagen.

Das ist natürlich alles nicht neu. Mein Eindruck ist aber ein zweifacher: Zum einen scheint diese Überlegung in vielen Unternehmen noch immer ziemlich neu zu sein – jedenfalls hat sich mir dies in den letzten beiden Wochen so dargestellt, als ich hierüber mit Unternehmern bzw. Kommunikationsleuten aus Unternehmen diskutiert habe. Zum anderen ist die Frage, wie dieses Kuratieren in der Praxis aussehen kann bzw. welche Tools dieses unterstützen.

Natürlich kann digitales Kuratieren mitten im Infostrom stattfinden: Das sind die millionenfach geteilten Links in Social Networks wie Facebook oder Google+ oder auf Twitter. Im besten Fall also handverlesene Links, vielleicht kurz eingeordnet – aber natürlich extrem vergänglich. Wer sucht (oder findet gar), was jemand vor drei Wochen auf Facebook geteilt hat? Abgesehen davon, dass der Tipp dort längst im Strudel der Folgenachrichten verschüttet ist, gibt es dort ja auch nur den nackten Link (ok, mit Kommentarmöglichkeiten). Aber Verschlagwortungen fehlen zum Beispiel.

Eine andere Möglichkeit, Relevantes aus den Strömen in langsamere Gewässer zu ziehen, bieten Tools wie Summify, die nach vorgegebenen Algorithmen die Links des eigenen Netzwerkes analysieren und einmal am Tag automatisch ein Paketchen schnüren, das dann womöglich den lieben Mitmenschen ebenso automatisch auf Twitter oder Facebook angekündigt wird. Diese so genannten Top-Stories sind dann eben die Häppchen, die innerhalb des speziellen Netzes eines Users intensiver diskutiert (=geteilt etc.) wurden – sozusagen die „Must reads“ des Tages. Das Versprechen: Statt jeden Beitrag im Reader anzuschauen, bekommt man automatisch das Wichtigste serviert. Ein Nachteil (neben anderen) auch hier: Die Wiederauffindbarkeit.

Damit ist endlich der Bogen zum mehr oder weniger manuellen Kuratieren geschlagen, das ich eben lange mit Delicious bewerkstelligt habe. Also: Ich finde einen interessanten Beitrag, kommentiere ihn kurz und verschlagworte (tagge) ihn. Das Ganze wandert dann (einschließlich Tags) in mein Blog – zu meinen Lesern. Mir war diese Möglichkeit besonders sympathisch: Erstens, weil ich diese Art von Beiträgen auch bei anderen gern lese, zweitens, weil das Ganze in mein Ecosystem hineinkommt, drittens, weil der Aufwand für mich relativ gering ist, denn ich muss nicht eine halbe Stunde am Stück meine Links zusammenkramen, sondern lege sie ab, sobald ich drüber stolpere.

Stacks: Delicious hat Infopakete entdeckt 

Doch – und damit endlich zur Überschrift – Delicious mag das nicht mehr. Vor einigen Monaten sind wegen des Besitzerwechsels des Dienstes von Yahoo zu Avos ja viele schon zur Konkurrenz abgewandert – und die bietet sogar den Daily Blog Post an. Kein Thema also. Doch es gibt Neuerungen bei Delicious, die auf andere Weise das digitale Kuratieren unterstützen sollen: Die so genannten Stacks. Dahinter steht die Idee, dass man mehrere Bookmarks bündeln und zu Themenpaketen schnüren kann. Wunderbar! Vor allem, weil dies hübsch umgesetzt ist und nun auch visuell ähnlich nett daher kommt wie zum Beispiel die iPad-App Flipboard.

Lange habe ich die Möglichkeit, Themenpakete zu schnüren vermisst – seit mein damals dafür favorisierter Dienst Agglom ins digitale Nirvana verschwand. Denn Themenpakete sind wunderbar für Schulungen oder Vorlesungen oder als Ergänzung zu einem Artikel. Unternehmen oder NGOs könnten damit das Wichtigste zu einem für sie relevanten Thema bündeln.

Ausschnitt aus einem Delicious Stack

Klar, dass ich mit den Delicious Stacks herumzuspielen versucht habe (s. Screenshot). Ausgehend vom oben geschilderten Problem habe ich der Einfachheit halber meine Links dieser Woche zusammengeschnürt. Und das funktioniert problemlos und sieht nett aus. Doch am Ende kommt der große Haken: Ich war gespannt, wie ich dieses hübsche Paketchen mit anderen teilen kann. Doch der Klick auf den Share-Button war enttäuschend: Ich kann andere Delicious-Mitglieder informieren oder eine Mail an meine Bekannten schicken. Ja hurra!

Die Strategie von Delicious scheint zu sein, die Nutzer in ihrem Ecosystem halten zu wollen. Nunja, vielleicht kann sich das Facebook wegen seiner enormen Nutzerbasis erlauben. Aber Delicious? Ich bin sehr erstaunt. Lautet nicht die neue KISS-Regel nach Brian Solis: „Keep it significant and sharable„?

Schon Agglom bot die Möglichkeit, ein Linkpaket ähnlich zu sharen wie ein YouTube-Video oder eine Präsentation auf Slideshare. Ich meine, dies könnte Nutzer von außen erst zu Delicious bringen und diejenigen, die sich die Mühe machen, solche Pakete zu schnüren wirklich unterstützen. Ob ich Lust habe, weitere Stacks zu basteln, wenn diese im digitalen Kämmerchen bleiben? Vielleicht entwickelt sich das Ganze ja noch, ich werd’s beobachten. Vermutlich werde ich bis dahin aber doch mal rüber zu Diigo gehen und dort den Daily Blogpost auf den Weg bringen. Für Alternativen bin ich natürlich offen, falls jemand einen Vorschlag hat.

Ähnlicher Artikel im Textdepot:

 

10 Gedanken zu “Ach, Delicious. Oder: Kuratieren in der digitalen Kammer

  1. Die Zahl der anderen „Saves“ sieht man seit Neuestem. Hat ein anderer den Link kommentiert gespeichert, kann man sich diesen Kommentar anzeigen lassen. Aber man sieht wohl nicht alle, die gespeichert haben.
    Was mich besonders nervt, ist die Kommunikation: Am Anfang ging extrem vieles nicht – Tags waren z.T. ganz verschwunden oder unvollständig. Mittllerweile gibt’s zwar ein Forum bei Get Satisfaction – mir wäre aber lieber, wenn im Blog mal gepostet würde, auf welche bekannten Funktionen man künftig verzichten muss und welche in nächster Zeit wieder klappen.
    Zu den Stacks: Ich habe nur diesen einen angelegt – alles Weitere schien mir im Moment zu mühsam in Relation zum erwarteten Nutzen.

    Gefällt mir

  2. Ich habe Delicious als tägliches Werkzeug auch geliebt und mühsam und kontinuierlich rund 24.000 sauber formatierte und verschlagwortete Links zum Thema Journalismus gesammelt (http://delicious.com/Onlinejournalismus) – schade, jetzt musste ich aussteigen. Jetzt mache ich mit Diigo weiter: http://www.diigo.com/user/onlinejour – wann werden die verkauft, wann kommt dort jemand auf die Idee fast alles zu verschlimmbessern?

    Gefällt mir

    1. Ja, da ist man natürlich abhängig.
      Felix Schwenzel verweist zu Recht darauf, dass delicious (wie auch andere) natürlich immer RSS ausliefern und man mit einem Skript das Ganze ins eigene Blog ziehen kann (http://wirres.net/article/articleview/5954/1/6/). Vielleicht muss man doch mal einen solchen Weg gehen – mein Ziel war bisher allerdings, ohne jegliches coden auszukommen – was nicht nicht kann und bisher nicht lernen will und vor allem, um bei anderen Schwellenängste vor dem Social Web abzubauen…

      Gefällt mir

  3. Ich finde den Relaunch von delicious auch eher unschön, hoffe aber, dass die größten Patzer noch korrigiert werden. Das Autocomplete-Feature beim Tagging ist ja inzwischen wieder da und irgendwann verstehen die vielleicht auch unter Chrome Umlaute in Tags.

    @Thomas Mrazek: Warum jetzt der konkrete Wechsel, was fehlt Dir jetzt, was es früher gab?

    Gefällt mir

  4. Auch die Wikimedia Commons können zu einer Art „digitalen Kuratieren“ gemeinfreier Kunst verwendet werden, siehe z. B. meine kleine Zusammenstellung http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life oder die großartige Arbeit, die sich „Benutzer:Kürschner“ seit langer Zeit mit der Verschlagwortung von Pelzkleidung in der Kunst macht. Siehe http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Fur_garments_in_art In dieser Fülle ist das mehr als jede Ausstellung oder jeder Katalog einer Einzelinstitution wohl je zustandebringen könnten.

    Gefällt mir

    1. @AndreasP: Toller Hinweis, danke! Schön finde ich daran auch, dass das Ermöglichen des Weiterverwendens der Inhalte zum Konzept gehört – im Gegensatz zu den Delicious-Stacks wie sie sich im Moment zumindest darstellen. Aber, da hoffe ich mit @Jens, vielleicht entwickelt sich das ja auch noch weiter…

      Gefällt mir

  5. Ich stand vor einem ganz Ähnlichen Problem – was passiert mit delicious?; sind eventuell all meine bookmarks bald verschwunden? wie kann ich meine bookmarks auf mein blog weiterleiten? etc. Ich wechselte zu diigo, weil diese mir relativ ähnliche Möglichkeiten geben, auch wenn der Vertaggungsvorgang nicht mehr so elegant ist, wie beim alten delicious.

    Aber! Man kann mit diigo alle bookmarks nahezu perfekt zu diigo importieren und des Weiteren diigo auch so einstellen, dass ein neues bookmark bei diigo automatisch auch mit delicious synchronisiert wird. Und es gibt ebenso – nur noch viel eleganter – die Möglichkeit bookmarks bzw. bookmark-Listen zu kuratieren (mit der Funktion „Send to blog“). Das Schöne daran ist nun für mich, dass ich sogar noch selbst voreditieren kann, welche Links nun im Blog landen sollen und welche nicht. delicious schickte stets alles aufs blog. Der einzige Unterschied/Nachteil – oder zumindest habe ich die Funktion noch nicht gefunden – ist, dass ich stets selbst im diigo-Frontend veranlassen muss, dass bookmarks zum blog geschickt werden sollen. delicious machte dies einmal täglich automatisch. So habe ich aber für mich persönlich mehr Einfluss und kann Privates von Relevantem trennen.

    Trotz der Importarbeit, die Gewöhnung an ein neues bookmarking-Umfeld sowie neue Brwoser-Addons schien mir dies ein anstrengungsfreierer Weg – jenseits von RSS-Script-Basteleien wie bei @wirres – um die gewohnten Funktionen beizubehalten. Zumal ich nahezu schmerzfrei wieder zu delicious zurückkehren kann. Auch, wenn es momentan nicht danach aussieht.

    Gefällt mir

    1. Danke für diese Hinweise. Mich hat das manuelle Anstoßen bei Dijgo bisher immer ein bisschen abgeschreckt, weshalb ich jetzt erst mal wieder Amplify rausgekramt habe. Da kann ich jedes Mal gleich beim Erfassen festlegen, was in welchen Kanal soll und was nicht (wobei auch Twitter, Fb und vieles mehr möglich ist). Allerdings muss ich damit noch ein bisschen spielen, um zu sehen, wie gut und zuverlässig das wirklich ist.

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.