Wissensmanagement: Refind entwickelt Social Bookmarking weiter

Täglich stolpern wir über spannende Links, auf die wir einmal wieder zurückkommen möchten. Die kann man natürlich im Browser als Lesezeichen speichern. Oder man nutzt Social Bookmarking und gibt seine Fundstücke öffentlich frei und entdeckt selbst bei anderen interessante Links. Mit Refind gibt es in diesem Feld nun ein neues Angebot, das spannend ist, weil die klassischen Anbieter wie diigo zwar still und freundlich funktionieren, aber in letzter Zeit nicht mehr sehr innovativ waren. Erste Eindrücke eines Dienstes, der das Entdecken von Informationen und das persönliche Wissenesmanagement unterstützen kann.

Social Bookmarking: Qual der Wahl

Als das damals so genannte Web 2.0 zu seinem Hype Anlauf nahm, zählte Delicious wohl zu den populärsten Diensten – mittlerweile ein eher scheintoter Service. Wie viele andere auch bin ich vor Jahren umgezogen – manche zum Beispiel zu Pinboard; ich bin bei diigo gelandet. Insgesamt gibt es natürlich etliche Social Bookmarking-Dienste, die sich in manchen Details unterscheiden: Das Search Engine Journal listet mehr als 50 Social Bookmarking-Services auf. Die typischen Basisfunktionen sind das Speichern von Links mit Hilfe von Bookmarklets; abgelegt werden dann Headline und Beschreibung des Links, und natürlich gehört eine Verschlagwortung mit Tags dazu. Manche Dienste erlauben auch die Entscheidung, ob der Link privat für mich oder öffentlich abgelegt werden soll. Die Grundidee besteht natürlich darin, Links öffentlich zu speichern, so dass andere sie auch entdecken können. Diigo bietet zusätzlich auch die Option, Links in Nutzergruppen abzulegen und auf Websites Sticky Notes (die man nur selbst sieht) zu hinterlassen. All dies ist meist kostenlos. Wer sicherheitshalber Kopien von Websites gespeichert haben möchte, muss üblicherweise bezahlen, besonders günstig erscheint mir da Pinboard mit derzeit 11 $ im Jahr. Und während sich diigo in den letzten Jahren praktisch nicht weiter entwickelt hat, bietet Pinboard beispielsweise auch die Möglichkeit, eigene Tweets zu archivieren oder Favoriten aus Diensten wie Pocket zu importieren. An dieser Stelle geht jetzt Refind weiter.

New Kid in Town: Refind

Was genau bietet nun Refind, und was macht es anders als bisherige Dienste? Zunächst: Das Ganze ist noch relativ neu und man bekommt seinen kostenlosen Account (bisher?) nur auf Einladung. Diesen Mechanismus kennen wir ja von vielen neuen Diensten. Ich habe für interessierte Leserinnen hier mal eine Einladung, die 24 Stunden gültig ist (also bis 2.7.16, 10 Uhr).

Betrachtet man die dort abgelegten Bookmarks, so gibt es drei verschiedene Ansichten – die reine Liste, die klassische Ansicht mit Teaser oder eine erweiterte Ansicht, die sich erst auf zweiten Blick von Feeds in anderen Social Networks unterscheidet. Hübsch daran: Wie bei Medium oder Facebook wird neben Überschrift, Teaser und Tags auch ein Bild angezeigt. Praktisch: Refind zeigt die geschätzte Lesezeit eines gespeicherten Artikels an. Insgesamt dient der Dienst einerseits natürlich der Ablage eigener Links, andererseits betont er stärker als manche andere Anbieter den Netzwerkgedanken: Wer Refind aufruft, bekommt als erstes den Bookmark-Feed der Leute, denen man folgt, angezeigt. Jeder Link ist gleich mit einem Button zum Speichern im eigenen Archiv versehen.

Refind-Stream1
Ausführliche Ansicht eines Bookmarks

So weit, so gut – nach Highlights klingt das noch nicht. Es gibt aber ein paar besondere Funktionen bei Refind:

  1. Integration: Im Gegensatz zu Diigo muss ich keine mühsame Webautomation mit IFTTT bemühen, um bei Twitter geteilte Links oder Likes bei Pocket direkt ins Bookmark-Archiv zu bekommen; dies kann ich stattdessen direkt in den Refind-Einstellungen aktivieren.
  2. Verteilen: Wer’s mag, kann seine Schätzchen beim Speichern auch gleich vertwittern bzw. in anderen Services verbreiten.
  3. Newsletter: Man kann anderen Nutzern seine Links automatisch als Newsletter zusammenstellen lassen. Diese Newsletter werden per E-Mail täglich oder wöchentlich verschickt.Ich habe dies gerade erst ganz frisch angelegt, wer neugierig ist, kann meinen Newsletter gern mal probeweise abonnieren. Praktisch: Als Abonnent benötigt man keinen Refind-Account.
  4. Alerts: Sucht man innerhalb von Refind etwas, kann man diese Suche als Alert speichern und bekommt eine Mail, wenn ein entsprechender Link von einem User gespeichert wurde (maximal einmal am Tag).
  5. Reminder: Wenn man weiß, dass man einen Link zu einer bestimmten Zeit – etwa zum Vorbereiten eines Vortrags – wieder braucht, kann man beim Abspeichern schon einen Reminder für diesen Link setzen.
  6. Read later: Sobald man einen Link speichert, hat man die Möglichkeit, ihn zu markieren, um ihn dann in einem eigenen Bereich – seiner aktuellen Leseliste – angezeigt zu bekommen. Sehr schick: Falls man den vorgemerkten Link dennoch vergisst, bekommt man nach ein paar Tagen eine schlaue Erinnerungsmail: Man kann dort anklicken, dass man den Artikel nun gelesen hat – oder nochmal erinnert werden möchte.
  7. Mobil: Klar, es gibt Apps.

Ein paar weitere Funktionen – etwa Statistiken – empfinde ich eher als Spielerei. Wer sich genauer für die einzelnen Funktionen interessiert, findet diese im Blog von Refind beschrieben.

Mein Eindruck

Refind ist für meinen Geschmack ziemlich schick gemacht und bringt ein paar Funktionen, die andere nicht haben. Gerade das Entdecken von Links im eigenen Netzwerk geht sehr bequem und ist natürlich spannend. Refind gelingt es aus meiner Sicht, die eigentliche Idee des Social Bookmarkings, also den sozialen Aspekt, wieder stärker zu betonen.

Die Newsletterfunktion setzt dies fort und bildet die Brücke vom Wissensmanagement zum digitalen Kuratieren – und zwar per Push-Kommunikation. Ob solche Newsletter für viele Nutzer interessant sind, muss man mal abwarten. Ich kann mir selbst nicht vorstellen, mehr als einen oder zwei zu abonnieren, aber den Kurator richtig ausgewählt, könnte das interessant sein. Vor allem stelle ich immer wieder fest, dass viele Praktiker und Studierende manchmal froh wären, einen so niederschwelligen Dienst wie einen Mail-Newsletter nutzen zu können – auch wenn es mit Flipboard, Pocket etc. viele andere Optionen gibt, Lesetipps zu beziehen.

Schade finde ich dagegen, dass RSS-Feeds bei Refind offenbar komplett gekillt sind. Bei diigo habe ich einzelne Tags direkt als Feed abonniert, ebenso die Bookmarks anderer Nutzer. Aber vermutlich wird RSS den meisten Leuten kaum fehlen und die Newsletterfunktion sowie die Alerts kompensieren dies und sind für die meisten Nutzer vermutlich bequemer. Was Refind auch nicht bietet: Das Erstellen einer dauerhaften Kopie einer Website (ich habe das eigentlich noch kaum mal gebraucht).

Nach wie vor ist Social Bookmarking für viele Webworker vollkommen unverzichtbar, insgesamt jedoch war es schon immer eine Nischenanwendung. Mein Eindruck ist, dass es sich für vor allem für diejenigen lohnt Refind genauer anzuschauen, die bisher einen solchen Dienst noch nicht nutzen. Gerade durch die angesprochenen Integrationen und die Kombination aus einfachem Monitoring, Wissensmanagement und Kuratieren kann ich mir vorstellen, dass einige Nutzer das Tool als bequemes Universalwerkzeug empfinden und sich sparen können, für alltägliche Workflows mehrere Tools zu nutzen.

Und was mach‘ ich jetzt?

Und wie gehe ich künftig mit Refind um? Als Heavy-User von Social Bookmarking bleibe ich erst mal bei meinem Workflow und bei diigo als zentralem Speicher meiner Links und der verschiedenen IFTTT-Rezeptchen. Wer wechseln möchte: Es gibt für einige Dienste (und Leselisten im Browser) Importfunktionen.

Auch auf Pocket als Read-it-later-App möchte ich erst mal nicht verzichten, zumal ich dort die mir wichtigen Artikel auch offline lesen kann, also etwa, wenn die Bahn mal wieder zwischen Funklöchern flitzt.  Ich habe jedoch Refind so eingestellt, dass der Service mehr oder weniger das selbe macht wie diigo: Auf Twitter geteilte und geherzte Links sowie Favoriten von Pocket wandern zu Refind. Und alle paar Tage schaue ich mal, was ich in meinem Refind-Netzwerk so entdecken kann. Bis auf Weiteres.

Update: Meine Erfahrungen mit Refind

(30.7.2016) Inzwischen nutze ich Refind seit genau einem Monat, und ich habe festgestellt, dass ich den Dienst in meine Arbeitsroutinen fest integriert habe. Dabei speichere ich nicht nur viele Links, die ich irgendwo finde – das Besondere ist, dass Refind für mich so sticky ist, dass ich tatsächlich regelmäßig vorbei schaue, um Links zu entdecken. Wie ich es wahrnehme, beschäftigt sich die Community bisher sehr intensiv mit Marketing,  Design, Journalismus, Online- bzw. Tech-Themen, neuer Arbeit etc. – für mich also ein spannender Themenpool. Besonders hilfreich finde ich, dass ich in einem Stream die Links meines Netzwerkes angezeigt bekomme, regelmäßig scrolle ich jedoch auch durch die Liste der mit für mich interessanten Tags versehenen Artikel – Refind präsentiert die von mir häufig verwendeten Tags etwas prominenter. A propos Tags: Praktisch finde ich auch, dass man beim Speichern eines Beitrags gleich mal von anderen genutzte Tags automatisch übernimmt, aber dies jederzeit ändern bzw. ergänzen kann. Überrascht hat mich schließlich die Dynamik des Netzwerkes: Nach einem Monat hatte ich über 1.000 Follower. Darunter sind sicher sehr viele, die sich nur mal kurz umschauen, aber solange ich immer wieder Leute finde, denen ich gern zurück folge, ist das sehr erfreulich.

Lesen, speichern, finden: mein täglicher Workflow

Lesen, speichern, finden: mein täglicher Workflow

Kurz nach Ostern beginnt das neue Semester, und dann wird eine neue Studentengruppe mit mir die aktuellen Diskussionen in PR, Marketing und Onlinekommunikation verfolgen, und über die PR-Fundsachen werden die Studies sich daran beteiligen, wie ich es neulich in meinem Zwischenfazit zu zehn Jahren Bloggen in der Lehre angekündigt habe. Dies setzt natürlich entsprechende Abläufe voraus. In diesem Artikel geht es um ein paar grundsätzliche Überlegungen dazu. Zudem stelle ich meinen täglichen Workflow vor, um Up-to-Date zu bleiben und vor allem, um später mit besonders wichtigen Beiträgen weiter arbeiten zu können. Sicher hat jeder Webworker seine eigenen Abläufe, aber vielleicht steckt für manche Leser der ein oder andere hilfreiche Baustein drin. Und natürlich freue ich mich auf Hinweise, wie man noch reibungsloser mit den Informationsströmen mitschwimmen kann. Denn mit solchen Arbeitsabläufen kann man eigentlich nie zufrieden sein, muss sie laufend anpassen.

„Lesen, speichern, finden: mein täglicher Workflow“ weiterlesen

Plague: Eindrücke von der App für virales Verbreiten

newsDiese Woche habe ich ein bisschen mit Plague gespielt. Eine recht neue App, die in den vergangenen Tagen an einigen Stellen schon besprochen wurde. Ihr Ziel: Spielerisch Inhalte weitergeben an die vier geographisch nächsten Nutzer – gleich einem Virus. So weit, so klar, Zeit für ein paar Innenansichten. Kurz zusammengefasst: Im Moment ein nettes Spielzeug, das aber durchaus das Potenzial hat, mehr zu sein – vom Testballon für Inhalte bis zum Turbo für Aufreger und andere Emotionen.

Hinweis (13.12.2014): Inzwischen hat sich die Nutzung von Plague zum Teil schon verändert. Und durch ein hervorragendes Community Management der Entwickler erfahren die Nutzer viele Tricks und v.a. einige ihrer Pläne. Ich habe den Artikel deshalb meinem aktuellen Wissensstand angepasst.

„Plague: Eindrücke von der App für virales Verbreiten“ weiterlesen

WhatsApp zur News-Verbreitung und in Marketing und Kommunikation

Alle paar Monate kommen neue Zahlen zur Facebook-Nutzung Jugendlicher. So auch dieser Tage, diesmal die repräsentative JIM-Studie. Siehe da: Die ganz jungen Nutzer bleiben zwar dem Herrn Zuckerberg treu, aber sie mögen halt vor allem WhatsApp (und Instagram) im Vergleich zu Facebook immer lieber. Klar, dass Journalisten, Marketing- und Kommunikationsleute seit einiger Zeit schon überlegen und probieren, was sie mit WhatsApp oder anderen Messengern anstellen könnten. Ich habe mal ein paar Infos dazu zusammengetragen.

Immer dabei: Mobile Messenger wie WhatsApp. (Flickr-Bild: microsiervos, Lizenz: CC BY 2.0)
Immer dabei: Mobile Messenger wie WhatsApp. (Flickr-Bild: microsiervos, Lizenz: CC BY 2.0)

„WhatsApp zur News-Verbreitung und in Marketing und Kommunikation“ weiterlesen

Daten, Algorithmen, Ethik und CSR

Google+: Communities lohnen einen genaueren Blick

Die Diskussion um Google+ versus Facebook brandet ja seit eh hin und her. Hieran will ich gar nicht anknüpfen, sondern nur ganz kurz nach einem ersten Blick auf die neue Funktion der Communities aus Kommunikationssicht erklären, warum das Ganze sehr interessant sein kann – vorausgesetzt, Google+ ist für eine Organisation oder ein Unternehmen überhaupt interessant.

Screenshot: Community-Bereich bei Google+
Screenshot: Community-Bereich bei Google+

Ehrlich gesagt bin ich ja selbst ein bisschen erstaunt, aber so viel wie in den letzten Tagen war ich bisher noch nicht in Google+. Das liegt unter anderem daran, dass ich ein bisschen mehr mit Seiten herumgespielt habe. Insofern kam es mir sehr gelegen, dass ich seit heute früh mit meinem Account schon die neue Community-Funktion nutzen kann. Google nennt übrigens Community, was bei Facebook Gruppe heißt – wobei Google mit der Bezeichnung tatsächlich recht hat. Und das macht es spannend für Kommunikationsleute, finde ich.

Welche Besonderheiten sind mir also bei den neuen Communities aufgefallen?

  1. Ich kann als Betreiber einer Seite Communites aufmachen. Das geht bei Facebook nicht, sondern muss separat gelöst werden.
  2. G+-Communities können durch verschiedene Themen strukturiert werden. Damit gleicht das Ganze eigentlich Foren.
  3. Ebenfalls wie in Foren gibt es Moderationsmöglichkeiten, so dass User ggf. gebannt oder hochgelevelt werden können.
  4. Bei offenen Communities kann festgelegt werden, ob jeder automatisch Mitglied werden kann oder ob ein Moderator freischaltet.
  5. Der Community-Aufbau ausgehend von einer (Unternehmens-)Seite erfolgt der selben Regel wie das Gewinnen von „Fans“: Als Moderator kann ich direkt offensichtlich nur Leute einladen, die meine Seite ohnehin schon geplust haben. Dies ist sicher ein guter Spam-Schutz, denn natürlich können bei öffentlichen Communities Nutzer natürlich einfach von sich aus Mitglied werden.
  6. [Ergänzung, 18.00]: Es gibt für Communities auch Statistiken, die sehr hilfreich erscheinen. U.a. kann man identifizieren, welche Mitglieder sehr aktiv sind oder zu welchen Zeiten die Community besonders lebendig ist.
  7. Was mir weniger gefällt: Bin ich Mitglied einer Community, erscheinen die Posts ganz normal in meinem Stream. Das bedeutet, als Nutzer muss ich die Community so sinnvoll einem Kreis zuordnen, dass die Beiträge daraus nicht untergehen. Meinem Geschmack entspräche eher, wenn ich wie bei Facebook meine Communities/Gruppen automatisch separat angezeigt bekäme (zumindest ist das meine erste Wahrnehmung dazu)

Was könnte das für das Kommunikationsmanagement bedeuten?

Aus meiner Sicht ist besonders die enge Verknüpfung der unterschiedlichen Funktionen bei Google+ für Unternehmen und Organisationen spannend. Während ich bei Facebook nur Fans auf einer Seite sammeln kann (ok, diskutieren kann ich dort zu den Posts auch), bietet Google+ ergänzend echte Communities, so dass man dort beispielsweise bestimmte Kommunikationsaufgaben direkt lösen kann, die nicht auf der vielleicht PR-lastigen Seite stattfinden sollen. Ich denke da z.B. an Kundensupport. Bei Facebook besteht ja häufig das Problem, dass hierfür entweder spezielle aufwändige Anpassungen oder gar mehrere Seiten für unterschiedliche Kommunikationsaufgaben benötigt werden. Zu dieser erwähnten engen Integration zähle ich auch die Hangouts. Insgesamt hat Google+ von der nackten Funktionalität her für mein Empfinden gegenüber Facebook Vorteile.

Sehr praktisch erscheint mir zudem, dass unter Unternehmensseiten auch versteckte Communities möglich sind, so dass sich in einer solchen geschlossenen Gruppe beispielsweise Moderatoren der Seite austauschen und dazu verschiedene Tasks (z.B. To do, Themenplan, Abstimmungsbedarf) organisieren können. Viele weitere Anwendungsmöglichkeiten gibt es sicher im Projektmanagement.  Das werden wir uns in einem kleinen Team in nächster Zeit mal ausführlicher anschauen und darüber berichten.

Doch bei aller Begeisterung für zusätzliche schicke Funktionen: All dies bringt natürlich nur etwas, wenn man eine Gesamtbetrachtung macht, die Kommunikationsstrategie steht, die richtigen Zielgruppen auf der Plattform sind etc. Aber immerhin: Beobachten sollten wir immer, wie sich neue Funktionen auf den Nutzerkreis und die Nutzungsgewohnheiten auf einer Plattform auswirken.

Weitere Eindrücke und Screenshots gibt’s bei Cashy und bei Basic Thinking.

Branch: Bessere Diskussionen im Netz?

Beispiel für eine Diskussion in Branch

Die Qualität von Diskussionen bzw. Kommentaren im Netz ist ja eigentlich schon immer ein Thema, das in dieser Woche hier zu Lande durch einen großen Seufzer von Markus Beckedahl wieder besonders viele beschäftigt hat. Sein Ausgangspunkt: Er habe im Blog Netzpolitik zigtausende Kommentare lesen müssen, doch die wenigsten hätten wirklich einen guten Beitrag zur Diskussion gebracht. Abgesehen davon, dass Markus‘ Rant hohe Wellen schlug (und ohne auf deren Verlauf einzugehen), finde ich spannend, dass mit Branch eine Plattform aufgebaut wird, die gerade für Diskussionen entwickelt wurde – und zwar mit Qualitätssicherung. Allerdings mit einigen Unterschieden zu Kommentaren in Blogs. Dank der Einladung des Kollegen Heinz Wittenbrink konnte ich mich in den letzten Tagen ein bisschen umschauen in Branch. Erste Eindrücke.

Was ist Branch?

Branch ist eine Diskussionsplattform, die ein bisschen an die guten alten Foren erinnert – aber hübscher ist: Jemand eröffnet eine Diskussion, andere antworten.

  • Erste Besonderheit dabei: Die Diskussionsteilnehmer werden vom Initiator eingeladen, es diskutiert also ein exklusiver Kreis – vermutlich von Leuten, die sich schon ganz gut kennen. Die Diskussion baut also auf ein relativ stabiles soziales Netz.
  • Zweite Besonderheit: Jeder Teilnehmer kann immer nur einen weiteren Gesprächspartner dazu einladen.
  • Dritte Besonderheit: Aus jedem Statement lässt sich eine neue Diskussion abzweigen.
  • Viertens: Diskussionen sind immer öffentlich und Lesern abonnierbar.
  • Fünftens: Wer eine interessante Diskussion entdeckt und sich einmischen möchte, muss zunächst brav anstehen und den Moderator fragen. Erst nach seinem „ok“ darf man auch mal was sagen.

Durch die Begrenzung der Mitgliedschaft in einem Threat soll die Qualität der Diskussion hochgehalten werden. Technisch ist das Ganze eng mit Twitter verknüpft (was so bleiben dürfte, da zwei der Twitter-Gründer an Branchbeteiligt sind), und so lassen sich einzelne Statements per Twitter weitertragen oder andernorts einbinden.

Wie fühlt sich das an?

In der ersten Diskussion, an der ich teilgenommen habe und die Heinz Wittenbrink initiiert hatte, habe ich das Ganze als fokussiert wahrgenommen – eine angenehme Konzentration auf das Wesentliche. Einfach schreiben, abschicken, die Begrenzung auf 750 Zeichen pro Statement einhalten. So weit so angenehm. Ein Nebenzweig (also eine neue Diskussion, die von einem Statement ausgeht) lässt sich ebenfalls problemlos starten. Allerdings: Wer das macht, muss wieder von vorn Gesprächspartner einladen. Ärgerlich aus meiner Sicht: Derjenige, der das erste Statement dieser neuen Diskussion gemacht hat, ist nicht automatisch dabei in der Runde.

Ansonsten: Das Initiieren von Diskussionen, die gut laufen, dürfte eine hohe Kunst sein – hier geht es besonders um die richtige Auswahl der Gesprächspartner. Fragt sich, wie sich das entwickelt: Denn ich kann mir vorstellen, dass einige Leute künftig laufend Anfragen zur Teilnahme an Branch-Diskussionen erhalten. Schön vielleicht für Politiker, für manch anderen vielleicht irgendwann zu viel des Guten.

Auf der Startseite von Branch gibt es ein paar Empfehlungen

Ein anderes Thema ist die Orientierung innerhalb von Branch: Denn so richtig klar geworden ist mir nicht, inwiefern Nutzer einfach in Branch Diskussionen entdecken sollen. Zwar gibt es wie im Screenshot gezeigt auf der Startseite Empfehlungen, aber nach welchen Kriterien die nach oben gespült werden, habe ich nicht feststellen können. Klar scheint zumindest, dass eine thematische Sortierung – etwa mit Tags – nicht vorgesehen ist, ebenso wenig wie Themenprofile, die Nutzer anlegen könnten. Insofern gehe ich davon aus, dass vor allem darauf gesetzt wird, dass interessante Diskussionen bei Branch erst durch Hinweise bei Twitter (oder andernorts) entdeckt werden dürften.

Ein Einordnungsversuch

Die paar Leute, die in Heinz‘ Branch diskutiert haben, waren überwiegend skeptisch. Tenor: Eine Plattform mehr, diskutieren kann man schon längst auf etablierten Plattformen. Heinz sieht das anders:

„Kann man Plattformen wie Branch (und davor Google Wave) nicht als Ergebnisse einer Ausdifferenzierung des Bloggens verstehen? Microblogs (wie Twitter) und Tumblelogs lassen einen ja auch leichter und vielleicht besser etwas tun, was auch mit einem normalen Blog möglich war. Die Frage wäre dann: Unterstützt Branch bestimmte Formen des Bloggens (explizites Fragestellen, Weitergeben von Themen wie bei Blogparaden) so gut, dass es dafür einfacher ist, zu „branchen“ als zu bloggen?“

Worauf Heinz auch hinweist: Anders als im Blog sind bei Branch alle Beteiligte gleichermaßen für eine Diskussion verantwortlich.

Nächster Schritt im Web-Publishing?

Wie einige andere neue oder gerade entstehende Dienste wird Branch von manchen als Baustein eines nächsten Schrittes des Web-Publishings gesehen. ReadWriteWeb argumentiert, dass mit Diensten wie Branch, app.net oder Medium sowohl die Qualität gesteigert wie gleichzeitig die Schwellen des Publizierens gesenkt werden sollen. Botschaft: Ich muss kein Blogger sein, um zu Publizieren. Ich würde ergänzen: Aber zu sagen oder zu fragen haben muss ich sehr wohl etwas. Inhaltsarme oder trollige Kommentare wie von Markus Beckedahl kritisiert, dürfte es in einem solchen Umfeld kaum geben. Gleichzeitig passen Dienste wie die Genannten in eine aktuelle Diskussion, in der es um das Herauslösen von Inhalten weg von Websites zu Informationsströmen geht – eine Diskussion übrigens, die so neu gar nicht ist.

Szenarien

Für mich als PR-Mensch ist noch weitgehend unklar, wie sich Branch einsetzen lässt und vor allem: wie es sich entwickelt. Ob ein Dienst, der noch nicht vollständig „public“ ist, genügend Schwung bekommt, muss sich ebenfalls zeigen – diese Entwicklungszeit muss man ihm zugestehen. Aber ein paar erste Einsatzideen habe ich. So kann ich mir beispielsweise vorstellen, dass mit Branch eine Art Reporter-Team über eine Veranstaltung berichtet – sei es ein Konzert, eine Politikveranstaltung, eine Fachmesse oder eine Tagung. Eine Alternative also zum Live-Bloggen. Besonders charmant finde ich, dass ausgehend hiervon viele Einzeldiskussionen abgezweigt werden können. Möglich sind sicher auch Fachdiskussionen von Experten in der B2B-Kommunikation, aber auch in der Nonprofit-Kommunikation. Oder kleine Challenges, die man in der B2C-Kommunikation stellen könnte. Hier könnte sicher mit dem Reiz der Verknappung (also die Exklusivität des Teilnehmerkreises) gespielt werden. Allerdings frage ich mich schon, wie außerhalb dieses Spezialfalles gerade in der PR die von Branch propagierte Abgeschlossenheit einzuschätzen ist. Im ersten Moment scheint mir das ein Widerspruch zu sein zur schon lange diskutierten Offenheit der Kommunikation, die viele Unternehmen erst einmal erreichen müssen.

Fazit

Alles in allem ist Branch derzeit für mich ein interessantes Beispiel für neue Webdienste, die Inhalte in den Vordergrund stellen – nach den bildorientierten Services wie Instagram und Pinterest geht es dabei nun vor allem um Texte und Diskussionen. Die tatsächliche Relevanz und die Einsatzmöglichkeiten einer solchen Plattform müssen sich sicher noch zeigen.

Weitere Artikel: