Chance oder Ausbeutung?

Alle paar Tage erreicht mich ein Jobangebot für unsere Studenten – aus Redaktionen, PR-Agenturen oder Pressestellen. In der Regel gebe ich diese gern weiter – schließlich ist bekannt, dass das beste Abschlusszeugnis noch lange nicht den Weg in Journalismus oder PR öffnet. Praxiserfahrungen müssen also her. Aber bitte nicht um jeden Preis! Deshalb habe ich nach längerem Abwägen beschlossen, ein PR-Angebot, das mich per Mail erreichte, nicht an die Studies zu geben. Denn ich finde, ehrliche Arbeit sollte ehrlich bezahlt werden – und nicht nur Material für die Bewerbungsmappe bringen.

Worum geht es? Die PR-Abteilung einer Messe möchte ein Eventblog einrichten – ganz offiziell und unter dem Logo der Messe. Ein klassisches PR-Projekt. Schreiben sollen darin u.a. Studierende unseres Studiengangs. Sie sollen laufend über ihre Eindrücke von der Messe berichten und vor Ort in einer Messehalle präsent und für Besucher ansprechbar sein. Live-Blogging als Event. Das erfordert professionelle Kenntnis wie die verantwortliche PR-Dame mir schreibt:

„Da Besucher eingeladen sind, den anwesenden Bloggern jederzeit Fragen zu stellen, und auch eine Art Blog-Sprechstunde angedacht ist, wäre eine Voraussetzung zum mitbloggen, dass die Blogger sich mit dem Medium auch tatsächlich gut auskennen, also selbst ein Blog haben oder regelmäßig für ein Blog schreiben. Sie sollten keine Scheu haben, Fragen zu beantworten und sich beim Bloggen über die Schulter schauen zu lassen.“

Klingt super. Zwei Zeilen weiter unten jedoch nicht mehr:

„Voraussetzung ist auch, dass Sie einen eigenen Laptop besitzen und an mindestens drei Tagen der xxx-Messe Zeit haben. Eine Bezahlung für die Blogger-Tätigkeit gibt es nicht. Die Blogger erhalten aber natürlich freien Eintritt an allen Tagen der Messe und werden mit Foto und einer kurzen Biographie im Blog vorgestellt. Für die Studenten ist das also eine sehr schöne Möglichkeit, sich einem großen Publikum zu präsentieren.“

Na, super. Ich fasse zusammen: Gesucht werden Studenten, die mehrere Tage arbeiten. Gefordert wird nicht nur Professionalität, sondern die Studies müssen eine Qualifikation mitbringen, die das Gros der Profis noch nicht hat. Dafür arbeiten sie für lau. In Ordnung finde ich das nicht, denn die Möglichkeit, die eigene Bewerbungsmappe aufzupolieren ist aus meiner Sicht noch keine faire Gegenleistung.

Ich mache mal eine Gegenrechnung: Als freier Journalist bzw. PR-Mensch würde ich für ein solches Projekt einen Tagessatz von ein paar hundert Euro verlangen. Was wäre hier denkbar? Laut österreichischem PR-Verband ist für Online-Projekte ein Satz von 190 Euro pro Bildschirmseite üblich. Rechnen wir spaßeshalber also mit 5 Blogbeiträgen pro Autor und Tag und einen Team von 5 Autoren. Bei vier Messetagen sind das also 100 Beiträge- jeder vielleicht eine halbe Bildschirmseite lang. Also haben wir 50 Bildschirmseiten. Gehen wir nun davon aus, dass ein Weblog noch nicht überall (v.a. bei den Entscheidern über Budgets) die Anerkennung eines – sagen wir – Newsletters genießt und halbieren den Honorarsatz großzügig, so würde ich das Projekt mit 50 Seiten à 95 Euro, also 4.750 Euro, kalkulieren. Das sind also 950 Euro pro Blogger – mithin ein Tagessatz von knapp 240 Euro. Hierzu müsste man korrekterweise noch eine Pauschale für die „Blogsprechstunde“ vor Ort addieren – sagen wir nochmal 60 Euro pro Tag. Unterm Strich komme ich damit auf einen Tagessatz von 300 Euro pro Blogger und auf Gesamtkosten für den Auftraggeber in Höhe von 6.000 Euro. Wenn ich sehe, was sonst für (Online-)Newsletter, Kundenmagazine oder andere PR-Produkte ausgegeben werden, erscheint mir dies gerechtfertigt. Und ehrlich gesagt ist das an der Untergrenze dessen, was ich als Freier verdienen müsste . Oder habe ich da einen Knick in der Optik?

10 Kommentare

  1. Leider ja – man muss ja als Journalismus-Praktikant schon froh sein, wenn so weit vergütet wird, das man zur Praktikumsstelle mit dem Bus fahren kann und nicht laufen muss.
    Ich denke aber, das, wenn wir Studenten es nicht schaffen uns wenigstens ein bisschen zu organisieren und in dem Bereich verbindliche Regeln aufstellen können, bald alle schlecht aussehen werden.
    Quereinsteiger und Tanja/Anjas, die einfach als Lebenslaufsklaven das unterste Glied der Nahrungskette bilden und das sind, was Zivildienstleistende im Sozialwesen darstellen sind zuallererst eine Qualitätsgefährdung für den Wert des Praktikums („Ach, die neue Tanja / Anja. Mach Kaffee und sei still, schreiben kannste eh nicht“) und zum zweiten Nutznießer einer unreglementierten Medienbranche.
    Die Agentur, die dieses „Live-Bloggen“ machen will wäre ja auch dumm, wenn sie dafür etwas bezahlt, wenn sie junge, hungrige Leute bekommen kann – für Lau.
    Was dann da allerdings rauskommt, darüber wollen wir nicht nachdenken – viertklassige PR gibt es schon genug.

    Gefällt mir

  2. Die Kommentare sehen etwas verwirrend aus, sorry. Bitte gedanklich die Reihenfolge umdrehen. Irgendwie ist Belas Kommentar in der Moderationsschleife gelandet.

    @Bela: Ich finde den beschriebenen Fall als noch problematischer als unbezahlte Praktika. Denn hier hat man Verantwortung, die ich mit der eines Redakteurs vergleichen würde.

    Aber auch schon unbezahlte Praktika halte ich nicht für akzeptabel (sieht man von kurzfristigen Schnupper-Aufenthalten und einzelnen Nonprofit-Projekten ab).

    Gefällt mir

  3. Ein sehr schöner Eintrag und auch sehr wichtig. Diese Billig-Spirale und die „Ist doch super für den CV“-Mentalität kann nur so durchbrochen werden. Viele Agenture denken ja WIRKLICH, dass sie hier großes für zukünftige Karrieren leisten. Ein Praktikum sollte immer bezahlt werden und mindestens zur Hälfte aus wertvollem Lernen bestehen, dann kann man auch ein geringeres Gehalt als das der Festangestellten akzeptieren. Leider ist das viel zu selten der Fall. Wo ist denn der Lerneffekt beim oben beschriebenen Job? Es gibt keinen, im Gegenteil, die Gesuchten wissen mehr als die Auftraggeber..

    Gefällt mir

  4. Genau so muss man die Rechnung machen – eher noch großzügiger. Es geht ja wohl offensichtlich nicht darum, etwas zu lernen, sondern einen Job zu machen. Auch meine Erfahrung: Aus der Medienwelt kommen zunehmend solche „Angebote“ an die ausbildenden Hochschulen, sei es für Praktika, Abschlussarbeiten, o.ä., bei denen das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen nicht stimmt.

    Gefällt mir

  5. Ich habe Journalismus studiert vor zehn Jahren – und habe fünf redaktionelle Praktikta absolviert. Eines war sehr schlecht, zwei waren überhaupt nicht bezahlt, eines mit echter Redakteursaufgabe und Früh- und Spätschichten im billigen München mit 500 Markt pro Monat abgegolten – und eines bei einer Lokalzeitung gut bezahlt, richtiges Zeilengeld floss in ausreichendem Maße. Es gab also alles – wobei fairerweise die Praktika besser bezahlt waren, bei denen ich auch qualifizierter eingesetzt werden konnte.

    Heute bietet das kommunale Presseamt, bei dem ich beschäftigt bin, seinerseits unbezahlte Praktika an. Das gefällt uns allen nicht – hat aber aus kaum verständlichen Gründen rechtliche Gründe (Einklagbarkeit der Stelle, etc.).

    Trotzdem haben wir keinen Mangel an Praktikanten, die meist sehr motiviert und gut sind. So richtig viel lernen können sie bei uns auch nicht – im zudem sehr teuren Frankfurt. Die Chance auf Weiterbeschäftigung oder anschließende Jobs ist fast gleich Null. Worin liegt also der Reiz an einem unbezahlten und wenig abwechslungsreichen Praktikum bei manchen Anbietern? Vermutlich ist es tatsächlich nur die Tatsache, „mal was gemacht zu haben im PR-Bereich“, um es dann in den Lebenslauf setzen zu können. Oder es sind die Vorschriften der Prüfungsordnung, die den „Praktikantenmarkt“ erst möglich machen.

    Ich würde heute raten: Vergesst die Praktika! Und publiziert selbst. Geht nicht zum Hörfunk, sondern podcastet selbst. Und geht nicht zum Fernsehen, sondern dreht Eure eigenen Videos.
    Das bringt mehr Spaß und mehr praktisches Input als das berüchtigte „Kaffeekoch-Praktikum“ – und bringt authentischere Arbeitsproben. Mir persönlich ist es herzlich egal, ob jemand drei Monate bei der FAZ oder beim ZDF war – wenn sein/ihr Blog gut ist…

    Entzieht Euch mit Eurer „Marktmacht“ dem Markt unbezahlter Praktika – und vielleicht löst sich das Problem dann.

    Gefällt mir

  6. Ein mutiger Aufruf! Es ist sicher richtig, dass man sich auch mit eigenen Projekten eine Menge Reputation erarbeiten kann. Insofern sind ein eigenes Blog oder Podcast sicher eine tolle Idee (schließlich muss man dazu erst mal ein redaktionelles Konzept entwickeln, Themen finden und aufbereiten). Ich sehe das aber weniger als Alternative zu einem Praktikum, sondern als Alternative zur nicht bezahlten Mitarbeit an Projekten wie dem Beschriebenen.

    Zur Baustelle Praktikum: ein gutes (und angeleitetes) Praktikum kann schon auch viel bringen: z.B. Verständnis für redaktionelle Abläufe, Routine im Schreiben (bitte mit Textkritik durch einen erfahrenen Redakteur) und in anderen praktischen Tätigkeiten, die eigene Entwicklung eines kleines Projektes – bis hin zum Selbstmarketing in der Redaktionskonferenz. Nicht all diese praktischen Fähigkeiten können wir im Studium vermitteln. Insofern stehe ich nach wie vor zum Fachhochschulmodell der Journalismus- bzw. PR-Ausbildung, das ein Praktikum verbindlich vorschreibt. Wobei wir hier als Hochschule gewisse Anforderungen stellen. Soweit ich es überschaue, sind Kaffeekoch-Praktika in PR und Journalismus eher eine Ausnahme – eher werden Praktikanten wie vollwertige Mitarbeiter eingesetzt. Andererseits haben sich für viele unserer Studies im Praktikum auch freie Mitarbeiten, Diplomthemen und (in einzelnen Fällen) sogar feste Jobs ergeben.

    Noch mal zum Thema Bezahlung: Gibt es in Kommunen nicht die Möglichkeit, Praktikanten via Werkvertrag etwas Gutes zu tun? War gerade heute in einer anderen Behörde, dort meinte man, auf Umwegen sei eine Bezahlung von Praktikanten schon möglich.

    Gefällt mir

  7. Okay, der Aufruf, gar keine Praktika mehr zu machen, war etwas vorschnell. Natürlich kann man dort einiges lernen, wenn die Anleiter die Anleitung ernst nehmen und es tatsächlich etwas zu tun gibt. Ich habe selbst viel als Praktikant gelernt und hatte oft auch noch Spaß dabei.

    Aber letztlich zählt, was man kann – und nicht, wieviele Praktika man bei welchen journalistischen Dickschiffen absolviert hat. Und da meine ich, bevor man bei einem schlecht organisierten und zu allem Überdruss auch noch schlecht bezahlten Praktikum nichts wirklich Neues lernt, ist es logischerweie sinnvoller, die Möglichkeiten der neuen Medien zu nutzen (wem sage ich das!). Für die unbezahlte Arbeit gilt das natürlich umso mehr.

    Gefällt mir

  8. Sehe ich auch so. Dass die Zahl der Praktika nicht wichtig ist – vielleicht sogar, dass zu viele Praktika kontraproduktiv sind – ist ein wichtiger Punkt! Ein, zwei längere Praktika während des Studiums sollten aus meiner Sicht genügen, der Rest der praktischen Qualifikation ergibt sich im Idealfall aus freier Mitarbeit in Redaktionen, Agenturen oder PR-Abteilungen – oder eben eigenen Projekten (und wer das nicht auf Anhieb mag, darf gern in den PR-Fundsachen bloggen und podcasten, sofern er bei uns studiert *g*).

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.