Kooptech-Studie: Szenarien für den Einsatz von Social Web-Anwendungen

1.000 Anwendungen und fünf Anwendungsszenarien: Die seit gestern online verfügbare Studie „Kooperative Technologien in Arbeit, Ausbildung und Zivilgesellschaft“ (pdf) ist ein gewaltiger Fundus geworden, dessen Lektüre für alle sinnvoll ist, die überlegen, in einem professionellen Umfeld Social Web-Anwendungen einzusetzen. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hat Christiane Schulzki-Haddouti den großen Rundumschlag gewagt, zahllose Quellen sortiert und ausgewertet sowie 47 Experten befragt. Angesiedelt war das 14 Monate dauernde Projekte bei meinem Kollegen und Schreibtisch-Gegenüber Lorenz Lorenz-Meyer.

Eigentlich ist die Studie schon seit einer Weile fertig gestellt, nun wurde sie nach den beim BMBF üblichen Verfahren der Qualitätssicherung zur Publikation freigegeben  (Anmerkung 20.8.: meine ursprüngliche Formulierung hierzu war laut BMBF falsch). Natürlich lässt ein solcher Umstand jeden, der sich mit dem Internet beschäftigt, kurz zucken und fragen, wie aktuell denn die Befunde dann noch sind. Mir scheint dieses Problem nicht dramatisch, da Christiane sehr grundlegende Arbeit geleistet hat.

So ist ein wichtiges Verdienst der Arbeit, dass darin viele Techniken und Anwendungen des Webs vorgestellt werden: Wer also kurz nachschlagen möchte, was sich hinter Mashups verbirgt, welche Möglichkeiten das Internet für Konferenzen, Zeitplanung, Projektmanagement und viele andere Aufgaben bietet, findet in der Studie Einstiegsartikel, im dazu gehörenden Projektwiki sind Links zu vielen Anwendungen. Vielleicht ist ja mittlerweile eine ausreichend große und motivierte Community entstanden, die das Wiki ein wenig pflegt und so dessen Wert erhält. A propos Community: In den Forschungsprozess hatte die Autorin – vor allem durch ihr Weblog zur Studie – viele Anwender einbezogen und ließ Interessierte an vielen Einzelerkenntnissen bzw. Diskussionen dazu teilhaben.

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen jedoch Anwendungsszenarien, die zeigen, wie Social Software in Online-Redaktionen, im Wissensmanagment von Unternehmen, in Forschergruppen, in der beruflichen Bildung und bei NGOs eingesetzt werden kann. Die meisten Szenarien werden durch kurze Fallbeispiele ergänzt. Besonders nützlich für Praktiker scheint mir die Literaturübersicht zu Akzeptanz- und Erfolgsfaktoren, aus der dann (zusammen mit den Interviews und erstellten Benchmarks) eigene Erfolgsfaktoren herauskristallisiert werden. Diese beziehen sich unter anderem auf die Wahl von Anwendungen, aber auch auf die Art ihrer Einführung in Organisationen.  Als mögliche Barrieren hat Christiane ermittelt:

  • Kein Bestehen einer kritischen Masse
  • Mangelnde Medienkompetenz
  • Mangelnde Benutzerfreundlichkeit
  • Ein als zu gering wahrgenommener Nutzen
  • Sicherheit
  • Datenschutz
  • Rechtsfragen

Etwas erstaunt hat mich, dass die Themen Unternehmenskultur bzw. Führungsstil in diesem Zusammenhang nicht offensiv angesprochen werden. Nach meiner Erfahrung verbergen sich hinter diesen Schlagworten mit die größten Hürden. Allerdings tauchen Hinweise in dieser Richtung durchaus auch in „kooptech“ auf.

Da wir im PR-Schwerpunkt im kommenden Semester unter anderem einige neue Fallstudien zur Online-PR im Social Web aufbereiten wollen, ist die Studie sicher auch für die Studenten ein guter Ausgangspunkt (da winkt der Zaunpfahl).

8 Gedanken zu “Kooptech-Studie: Szenarien für den Einsatz von Social Web-Anwendungen

  1. Vielen Dank! Du dürftest ja der erste unparteiische Leser gewesen sein. Führungsstil und Unternehmenskultur sind in der Tat große Themen, aber durch die Experteninterviews waren sie nur indirekt greifbar. Ich konnte sie daher nur anreißen. Ich denke, das ist ein lohnendes Aufgabenfeld für weitere Studien (Zaunpfahl ;)), die auf KoopTech aufsetzen können und sich so dann auch leichter nur darauf konzentrieren können – ohne zu viel Grundlegendes erklären zu müssen.

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  2. Ja, zum Thema Barrieren hatte ich just gestern ein Gespräch; mal sehen, ob wir die Frage nach Kultur und Führungsstil in unserem Semesterprojekt unterbringen. Ist methodisch nicht ganz trivial…

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  3. Ich freue mich schon auf die Lektüre. In der Tat halte ich Unternehmenskultur und Führungsstil für die größten Hürden. Das muss ich doch wirklich damals vergessen haben… vielleicht war ich aber auch noch nicht soweit :-)

    Christiane: Glückwünsche zur Studie, wird mir sicher Spass bereiten!!

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  4. Ich erinnere mich auch daran, dass Vertreter größerer Unternehmen mir sagten: Die Rolle der Unternehmenskultur werde völlig überschätzt :) Ich denke, dass der Begriff so riesig ist, dass man sich auch daran verheben kann.
    Einfacher fand ich es daher, konkrete Empfehlungen für die Einführung zu geben, die einen Führungsstil reflektieren können, z.B. dass die Führungsetage die Einführung unterstützen sollte, dass sie dies bestenfalls selbst aktiv tun sollte (Vorbildfunktion), dass Mitarbeiter bei der Entwicklung des Einsatzszenarios beteiligt werden sollten (u.a. Betriebsrat), dass ein Unternehmen evtl. inhaltlich in Vorleistung gehen sollte (Wiki) usw., dass die Implementierung /Entwicklung schrittweise und mit Beteiligung geschehen sollte – aber bei all dem muss man ja auch wieder überlegen, was genau eingeführt werden soll, welches Konzept damit verfolgt werden soll. Die Beispiele aus dem Bereich betriebliche Bildung zeigen ja auch, dass die Entwicklung durchaus Top-Down verlaufen darf – in der Praxis kommt es dann m.E. vor allem darauf an, dass die Feedbackschleifen funktionieren. Und diese wiederum können die Unternehmenskultur mittelfristig durchaus verändern (ohne dass dies vielleicht ausdrücklich intendiert war). Insofern ist meine Chiffre für „Unternehmenskultur“ eigentlich die „Feedbackschleife“, die ja nicht nur für Unternehmen, sondern auch für NGOs u.a. wichtig ist.

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  5. Die Argumentation kann ich nachvollziehen.

    Was nach meinem Verständnis in einigen Fällen noch mitschwingen kann, ist die Frage des Vertrauens in die Mitarbeiter. Immer wieder höre ich zwei Befürchtungen:
    – Dass Mitarbeiter zu viel Zeit in neuen Kram stecken könnten, anstatt ihren Job zu tun.
    – Dass sich nicht mehr kontrollieren lässt, was da passiert und wer welche Information hat (z.B. in einem internen Wiki).

    Genau genommen sind das die üblichen Totschlagargumente, die gegen Neuerungen der verschiedensten Art wohl schon immer genannt werden („bringt nichts“, „bisher ging’s auch“, „kostet“). Aber das sind meine persönlichen Eindrücke, wenn Deine Experten das so gar nicht gesehen haben, ist das ja ein gutes Zeichen, das für Deine Argumentation spricht, dass die Frage der Kultur gelegentlich zu hoch gehängt wird. Klar ist natürlich, dass das Thema Kultur ohnehin schwer zu greifen ist.

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  6. Nun, ich hatte ja nicht mit Unternehmen gesprochen, die gar nicht einführen wollen, sondern mit Unternehmen, die bereits über Erfahrungen verfügen und aus ihrer Erfahrung heraus die Einführung reflektieren können. „Bringt nichts“ u.ä. habe daher nie gehört.

    Frage mich gerade, wie man so etwas überhaupt sinnvoll erfassen möchte – das ginge wohl nur zweistuftig: Quantitative Umfrage unter möglichst vielen Unternehmen – und dann qualitativ nachhaken.

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  7. Hast Recht, wir sind inzwischen ein ganzes Stück von der eigentlichen Studie entfernt.

    Ja, eine Kombination ist sicher sinnvoll, um das zu erfassen – vielleicht sogar auch, indem man Anwender (durchschnittliche Mitarbeiter) und Verantwortliche/Mittelmanagement separat befragt – das ginge aber in eine Richtung, die auch nicht mehr meine Baustelle wäre….

    Wie auch immer: Nach der Lektüre Deiner Studie werde ich das Thema im Sinne von Barrieren niedriger hängen – dazu sind Studien ja da, dass man was lernt ;-)

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  8. Grundsätzlich habe ich das Problemen mit den vielen internationalen Arbeiten zum Thema, dass immer dann, wenn es um den professionellen Einsatz dieser technologisch oft einfach gestrickten Anwendnungen zwei Dinge kaum betrachtet werden. Zum Einen ist das die strategische Komponenten, die in Organisationen noch immer als Kommandostruktur oder strategische Planung herrscht. Beide sind relativ ungeeignet für solche Tools. Zum anderen ist es die Oberfläche oder „ease of use“ wie die Amerikaner sagen. Ein Blog gilt in den Kreisen der Eingeweihten als einfach zu bediendendes Instrument. Einem Großteil der Bevölkerung ist noch nicht einmal klar, was ein Pfad ist, da sind dann Wikis mit ihren Auszeichnungsdialekten, Blogs mit ihren Tagging- und Kategorisierungsfunktionen eher mystische Werkzeuge als Mittel, den Büroalltag zu erleichtern…

    (ja, ich habe seit 10 Jahren Intranet-Projekte von 30 bis 140.000 Nutzern begleitet und weiß, wovon ich spreche)

    Ciao

    Jörg W.

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