Die Weiterentwicklung didaktischer Ansätze ist eine der schönen Herausforderungen, die mich – und die Leser dieses Blogs – seit Jahren begleiten. Besonders schön ist es, wenn man zu solchen Fragen im Team arbeiten kann und eine erste Evaluierung zum Erfolg solcher Konzepte bekommt und diese zudem auf einer internationalen Konferenz vorstellen kann. Sehr motivierend ist aber auch, nächste Schritte vorbereiten zu können. Kurz zusammengefasst: Wir waren neulich in Hongkong auf einer Konferenz zu Lernen und Social Media, und wir prüfen, ob wir bei uns am Mediencampus ein Projekt zum lebenslangen Lernen aufsetzen können, mit dem wir Berufstätige untereinander und mit Studierenden systematischer vernetzen können – online und offline.

Das Konzept, Social Media in die Lehre zu integrieren, habe ich hier schon mehrfach ausführlich vorgestellt . Dabei geht es darum, Studierende der (Online-)PR mit Praktikern zu vernetzen. Der Hintergedanke: Durch das Lesen von PR- und Marketingblogs, das Verfolgen und Teilhaben an aktuellen Diskussionen im Social Web zu Mediennutzung, Best- und Worst Cases etc. können Studierende ergänzend zum Lernen im Seminarraum sehr gut informell lernen und sie entwickeln für solches Lernen Strukturen bzw. Methoden, die auch nach Ende des Studiums tragen. Dies setzt nicht nur ein Lurken voraus, sondern auch eine aktive Teilhabe an der Community, die im besten Fall durch die Beteiligung der Studierenden bereichert wird. Neben der Kommunikation in Blogs und anderen Social Media-Plattformen trägt auch die Präsenz bei Barcamps, Web-Montagen und ähnlichen Veranstaltungen zu solcher Vernetzung bei oder die Organisation eigener Veranstaltungen wie die Communication Camps.

Erste Evaluation des didaktischen Konzepts

Dank eines Calls zu einer Konferenz zu Social Media und Lernen in Hongkong haben wir jetzt ein paar erste Informationen, wie unsere Absolventen nach einigen Jahren im Job dieses Konzept rückblickend einschätzen. Pia Sue Helferich, Projektmanagerin in unserem Kompetenzzentrum eBusiness-Lotse und Doktorandin, hat acht ausführliche Interviews mit Absolventen aus unterschiedlichen Jahrgängen geführt.

Erfreulicherweise wurde unser Paper angenommen, und wir konnten kürzlich das didaktische Konzept und die Ergebnisse der Interviews als erste qualitative Evaluation vorstellen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, als einzige Vertreter europäischer Hochschulen unterwegs zu sein – und dann auch noch mit wohlklingenden Titeln zurück zu kommen: Pia hatte auf der Rückreise einen Award als “Young Researcher of the Year” in der Tasche und ich als “Lecturer of the Year”.

Aber zurück zur Evaluierung des Konzeptes: Sehr gefreut hat mich, dass die frühzeitige Vernetzung mit Praktikern offensichtlich den Einstieg in den Job erleichtert, vor allem aber, dass diese Vernetzung auch ein paar Jahre nach Studienende noch hilft, up to date zu bleiben.

Solch positiven Rückmeldungen bestärken mich natürlich darin, das Konzept in der Lehre fortzusetzen. Gemeinsam – und mit anderen Kollegen – überlegen wir jetzt aber auch, wie man das Ganze weiter entwickeln könnte.

Der Vortrag steht auf Slideshare.

Reallabor für lebenslanges Lernen

Entwickelt haben wir in diesem Zusammenhang die Vision eines Reallabors für lebenslanges Lernen. Reallabore (Einführungsartikel als pdf) sind eine Möglichkeit, Bürger und Forscher zusammenzubringen und partizipativ Fragestellungen zu erarbeiten. Eingeführt sind solche Reallabore zur Zukunft von Städten oder zu Nachhaltigkeit. Was uns nun vorschwebt, sind offene Lernräume, in denen Berufstätige oder Wiedereinsteiger gemeinsam mit Studierenden lernen, sich mit berufsbezogenen Communities (Communities of Practice) zu vernetzen – sei es im Social Web, durch die Organisation von Veranstaltungen, die dem Wissensaustausch dienen (also z.B. Barcamps), aber natürlich auch durch das Verwenden von Lernressourcen, die im Internet zur Verfügung stehen. Solche OER (“open educational ressources”) werden seit längerem diskutiert, mit dem Bekannterwerden von MOOCs (“Massive Open Online Courses”) haben sich auch eine stärkere öffentliche Wahrnehmung bekommen. Aber auch offene Lernplattformen und Open Access sind in diesem Zusammenhang zu sehen. In einem gerade veröffentlichten und bei Sandra Hofhues entdeckten Whitepaper der Transferstelle für OER (pdf) wird das Ganze so erklärt:

“Aus philosophischer Sicht lässt sich OER als eine Art „digitaler Humanismus“, also die Weiterentwicklung des klassischen Humanismus der Renaissance für das digitale Zeitalter begreifen. (…) Was zur damaligen Zeit Sprache und Kulturgüter (Literatur, Musik, Malerei) waren, sind heute digitale, offen zugängliche Artefakte. Hinzu kommen digitale Technologien zur gemeinsamen Produktion und zur weltweiten Verbreitung.“

Da die Angebotslage für den Einzelnen meist unübersichtlich ist und nach aller Erfahrung das einfache Bereitstellen noch so guter Lerninhalte nur für wenige Lernende funktioniert, möchten wir mit unserem (erhofften) Reallabor das Erschließen, Erstellen und Remixen solcher Materialien unterstützen – und besonders eben auch das Community-Building, das einen notwendigen Austausch ermöglicht. Vor allem sehen wir auch die Kommunikation in Fach-Communities als Bestandteil des (informellen) Lernens und damit als Ressource, die neben formell entwickelten Lerninhalten erschlossen werden sollte. Damit gehen wir natürlich weit über das mancherorts praktizierte Abfilmen bzw. Streamen von Vorlesungen hinaus, was ja nur einen passiven Konsum von Bildungsinhalten zulässt. Ob wir tatsächlich damit in nächster Zeit loslegen können, müssen wir mal sehen – im Moment befinden wir uns im Antragsstatus. Wir freuen uns also über Daumendrücker ;)

Ein Gedanke zu “Lebenslanges Lernen, Communities of Practice und offene Lernressourcen

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