Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 2: (Des-) Informierte Bürger

Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 2: (Des-) Informierte Bürger

Trumps Krieg gegen die Medien, die bewusste Manipulation ihrer Agenda und damit der Öffentlichkeit standen im vorigen Artikel im Mittelpunkt. In diesem Teil fasse ich vor allem eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive auf die Informiertheit von Bürgern in Sozialen Medien zusammen. Die zentrale These: Besonders gefährdet für Populismus ist die „politisierte Bildungsmitte“ (Wolfgang Schweiger).

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Lebenslanges Lernen, Communities of Practice und offene Lernressourcen

Lebenslanges Lernen, Communities of Practice und offene Lernressourcen

Die Weiterentwicklung didaktischer Ansätze ist eine der schönen Herausforderungen, die mich – und die Leser dieses Blogs – seit Jahren begleiten. Besonders schön ist es, wenn man zu solchen Fragen im Team arbeiten kann und eine erste Evaluierung zum Erfolg solcher Konzepte bekommt und diese zudem auf einer internationalen Konferenz vorstellen kann. Sehr motivierend ist aber auch, nächste Schritte vorbereiten zu können. Kurz zusammengefasst: Wir waren neulich in Hongkong auf einer Konferenz zu Lernen und Social Media, und wir prüfen, ob wir bei uns am Mediencampus ein Projekt zum lebenslangen Lernen aufsetzen können, mit dem wir Berufstätige untereinander und mit Studierenden systematischer vernetzen können – online und offline.

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Elitenkommunikation? Öffentliche Institutionen und Social Media

Bessere Infornation? Mehr Teilhabe? Bessere Identifikation? Besseres Image? Öffentliche Verwaltungen und Institutionen sollten strategische Fragen wie diese erst klären, wenn sie über Aktivitäten im Social Web nachdenken. Und: Mit Aktivitäten im Social Web erreicht man noch immer bestimmte Eliten, weshalb es gilt – ausgehend von den Zielsetzungen – von vornherein über die Vernetzung von online und offline nachzudenken. Ein paar Thesen und Eindrücke von einer Tagung an der Universität Leipzig.

Wenn das kein toller Tagungsort ist: Die Unibibliothek in Leipzig.

Wie vor einiger Zeit angekündigt, hat vor wenigen Tagen die Veranstaltung „Soziale Medien und öffentliche Institutionen“ stattgefunden. Spannend daran aus meiner Sicht: Sowohl die Veranstalter wie auch die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Disziplinen – überwiegend aus Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft – und aus der Verwaltungspraxis. Ziel war, das Feld überhaupt zu skizzieren und die unterschiedlichen Perspektiven zusammen zu bringen, denn über die Kommunikation öffentlicher Institutionen wird ja nicht so sehr oft diskutiert (sieht man vom Kulturbereich ab).

Die in meiner Wahrnehmung wichtigsten Aspekte, die in den Vorträgen und Diskussionen immer wieder aufkamen, waren an sich nicht überraschend:

  • Ziele, Strategie und Erfolgsmessung
  • Partizipation als Beteiligungsangebot für Interessierte, aber nicht im Sinne von Abstimmungen.
  • Informations- und Kommunikationsbedürfnisse von Stakeholdern einschließlich Anforderungen an Zugänglichkeit, Korrektheit etc.
  • Die Befürchtung, mit Social Media sozial Schwache, Ältere und u.U. auch Migranten (noch) nicht gut erreichen zu können.
  • Bürokratie, Abstimmungsprozesse, Qualifikation und Schutz von Mitarbeitern und natürlich gesetzliche Rahmenbedingungen bzw. Erlasse, die Instiutionen sehr viele Aktivitäten im Social Web eigentlich verbieten (was aber oft umgangen wird).

Da mir die Organisatoren netterweise den ersten Vortrag gegeben haben, habe ich das kommunikative Umfeld in Zeiten von Social Media zunächst skizziert – für Textdepot-Leser stecken hierin vermutlich keine großen Überraschungen.

Mit fünf Thesen habe ich das Feld zu umreißen versucht:

  1. Es gibt vielfältige Diskussionsansätze zu Social Media und Institutionen: Wissenschaftliche Bestandsaufnahmen und die Diskussion strategischer Zielsetzungen stehen aber noch am Anfang. Erschwert wird das Ganze durch eine Begriffsvielfalt (z.B. Government 2.0, eDemocracy, Open Data, Social Innovation, Online-PR) und den Zugriff unterschiedlicher Disziplinen und den damit verbundenen Verständigungsschwierigkeiten.
  2. Die klassische Bürokratie mit ihren hierarchischen Strukturen und ihren üblichen Abläufen kommen im Social Web an Grenzen. Beispielhaft prallen Ansätze wie One Voice-Policy, Dienstweg, Zuständigkeit, 9to5 zusammen mit vernetzter Kommunikation, Geschwindigkeit, Persönlichkeit, einem informellen Stil etc.
  3. Institutionen kommunizieren in der Praxis meist mit einer breiten Öffentlichkeit („dem Bürger“). Sie haben die Pflicht, sich an geänderte Mediennutzung anzupassen. Problem dabei: Social Media mit ihren stärker spezialisierten Kanälen zwingen zu einer stärkeren Differenzierung der Bezugsgruppen, was angesichts begrenzter Ressourcen neue Probleme schaffen kann.
  4. Beteiligung I: Internet-Tools und eine partizipative Grundstimmung in einzelnen Milieus fördern die Selbstorganisation. Institutionen als Einrichtungen aller können dies nutzen oder ignorieren, aber nicht verhindern.
  5. Beteiligung II: Trotzdem gilt die 90:9:1-Regel (Nielsen). Das bedeutet: Man kann Anregungen und Argumente sammeln oder Interessierte an Aufgaben beteiligen, aber keine Entscheidungen im demokratischen Sinne treffen.

Hier meine kompletten Vortragsfolien.

Ein paar weitere Tagungs-Impressionen:

  • Hochwasser: Während der Hochwasserkatastrophe waren einige Institutionen im Social Web aktiv, an anderen Stellen organisierten Bürger sich selbst. Zwar sahen fast alle ein tolles Potenzial in der Selbstorganisation, in Einzelfällen wurde die Abstimmung mit offiziellen Helfern und Fehlinformationen als Probleme gesehen.
  • Katastrophenkommunikation insgesamt: Einige Teilnehmer forderten, dass Social Media-Kommunikation systematisch in die Krisenpläne von Institutionen integriert werden müssten. Inwiefern dies geschieht, konnte nicht wirklich geklärt werden.
  • Das Beispiel der Wiener Charta zeigte, dass die Verknüpfung von online (Themen sammeln, bewerten) und offline (Diskussionsveranstaltungen) sehr effektiv sein und Bevölkerungsgruppen zusammenbringen kann, die in einer Stadt ansonsten nebeneinander leben. Bei dem Projekt ging es darum, den Zusammenhalt in der Stadt Wien zu verbessern und Spielregeln des kommunalen Zusammenlebens auszuhandeln. Hierzu wurden 1.848 Beiträge online eingesammelt, es fanden 651 Diskussionen in Kneipen, Gemeindezentren, Vereinen etc. statt und mehr als 320 Organisationen haben ihre Mitglieder zur Beteiligung aufgerufen.
  • Zum Schluss noch ein PR-Aspekt: Man muss sich auch bewusst machen, dass nicht jede Instiution als Ganzes beliebt ist. Andere adressieren sehr unterschiedliche Zielgruppen. Insofern ist bei der Formulierung der Strategie u.U. auch zu diskutieren, ob statt einer Institution als Ganzes ein spezielles Thema zum Gegenstand der Kommunikation im Social Web gemacht werden sollte. Ein Beispiel: Ein Studententeam unseres Masterstudiengangs Medienentwicklung hatte im vergangenen Semester durch Zielgruppenbefragungen schnell herausgefunden, dass ein Jugendamt auf Facebook allein wegen seiner Bezeichnung nicht gern gesehen wäre; Tipps für junge Familien oder Freizeitangebote für Jugendliche aber sehr wohl, so dass am Ende zwei Themenseiten statt einer institutionellen Seite vorgeschlagen wurden.

Textdepot-Archiv: Mehr zu strategischen Fragen im Social Web

Wenn Silos bröseln, helfen Markenstärke oder starke Personen

Eigener Kopf….

Es ist schon bitter: Da entdecken viele Unternehmen und Institutionen gerade mal Facebook – beziehungsweise ringen sie sich durch, dort zu sein, wo vermeintlich alle sind -, da stellen andere schon wieder die Frage, ob Facebook nicht eine Art Riesenkaufhaus in der Fußgängerzone sei, das vielleicht den Durchschnitt anspricht, während die Jungen und die Meinungsbildner lieber durch die Stadtteile schlendern und in kleine Boutiquen oder Eckkneipen mit ihrem jeweils ganz eigenen Stil gehen. Dass Plattformen im Web kommen und gehen, ist an sich nicht neu. Und auch, dass Facebook junge Nutzer verliert, ist immer wieder mal angesprochen worden. In einem sehr lesenswerten Artikel hat sich Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach einige Gedanken über das „big picture“ gemacht. Ein paar dieser Überlegungen möchte ich aufnehmen und auch nochmal aus der Perspektive der PR ansehen. Mein Eindruck: Für ein paar Unternehmen oder Organisationen kann es sogar leichter werden, wenn sich die Silos auflösen. Für viele aber eben nicht.

Dass Facebook bei einigen Nutzergruppen – speziell bei jungen – an Attraktivität verliert, ist schon vielfach festgestellt worden. Ob man sich harte Zahlen anschaut oder die eigenen Kinder beobachtet, wie Wolfgang es tut: Facebook hat für sie eine immer geringere Bindungskraft. Dies deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Nicht mal mehr der Chat ist meinen beiden Teenagern dort wichtig. Wenn man mal Lust hat, geht man dort hin, so wie man halt in eine Schulkantine geht: Vielleicht gibt’s ja was halbwegs Vernünftiges zum Essen und wahrscheinlich hängt man dann doch ein bisschen mit anderen ab, die man gerade trifft. Aber eigentlich macht man beides nur im Notfall. So weit, so gut.

… oder Silo?

Kontextbezogene Plattformen

Was Wolfgang meint, wenn er davon spricht, dass sich Silos auflösen, ist dies: Viele Nutzer – vor allem junge – nutzen immer mehr Plattformen und Dienste, und zwar jeweils für ganz unterschiedliche Anlässe und Aufgaben. Da gibt es reine Chat- bzw. Messaging-Plattformen, eigene für die Schnappschüsse, andere für Musik, und auch Twitter scheint bei Jüngeren beliebter zu werden. Für unterschiedliche Kontexte gibt es als verschiedene Orte. Und immer sind sie zugänglich – und zwar über das Smartphone. Wichtig ist zudem Wolfgangs Hinweis auf die jeweiligen kulturellen Codes innerhalb einer jeden Plattform. Gemeint ist damit, dass jede Plattform eine eigene soziale Umgebung ist mit eigenen Feinheiten in der Kommunikation etc. Soziale Interaktion differenziert sich also im Web aus, und man könnte behaupten, dass die Fähigkeit, sich an solch unterschiedliche Umgebungen anzupassen (bzw. sie überhaupt in ihren Eigenheiten wahrzunehmen) ein ganz spezieller Aspekt von Web Literacy ist.

Die anderen sind dabei

Einen Gedanken möchte ich in diesem Szenario ergänzen, den ich bei Josh Miller, dem Gründer von Branch, gefunden habe: Er arbeitet sehr treffend heraus, dass sich zwar die Zahl der Plattformen erhöht, auf der sich die Leute bewegen, aber dass die meisten Nutzer dort doch meistens mit den selben Leuten abhängen. Der Grund: Das Adressbuch auf dem Smartphone (ich würde es um die Facebook-Kontakte ergänzen). Was hat es damit auf sich? Kaum meldet man sich auf einer weiteren Plattform an, will diese abgleichen, welche der eigenen Kontakte schon da sind, damit man sich mit diesen vernetzt. Oder man bekommt sofort eine Nachricht, wenn sich ein Buddy nun auch bei einer Plattform angemeldet hat, die man selbst nutzt. Gerade durch Smartphones, so Miller, wird also begünstigt, dass man den eigenen „Social Graph“ immer dabei hat – wobei ich davon ausgehe, dass viele Nutzer nicht jeden Kontakt in jedem Umfeld akzeptieren, sondern je nach Kontext neue Teilmengen des Social Graph den Ausgangspunkt bilden und erst dann bis zu einem gewissen Grad neue Beziehungen in einer Plattform aufgebaut werden. So bin ich beispielsweise bei Foursquare mit einer Vernetzung mit anderen viel zurückhaltender als auf Facebook, Path handhabe ich völlig restriktiv, während ich bei Instagram recht vielen Leuten folge, die ich überhaupt nicht kenne, aber mit denen mich ein kultureller Code verbindet, um im Bild zu bleiben.

Eine Kommunikationssicht

Als PR-Mensch interessiert mich natürlich, was dieses Szenario, das ja in gewisser Weise Zukunftsperspektiven für das Social Web skizziert, bedeuten kann. Beginnen wir mit Facebook. Teilweise wird ja so getan, als wäre die Plattform das kommunikative Allheilmittel. Schließlich könne man jung und alt dort erreichen, und das dann noch in großer Zahl. Endlich eine Lösung für alles, mögen sich da manche Marktiers freuen. Dass sie sich Aufmerksamkeit zu einem gewissen Grad erkaufen müssen, scheint den meisten längst akzeptabel. Nochmal Wolfgang:

What we see is kids and multipliers moving away from the silo. Still the majority is there. Especially middle aged people with average internet skills maximum. So talking with marketers, Facebook is great to reach 25 to 39 year old middle class consumers. Or it might be if you are able to invest enough advertising dollars inside Facebook.

Was bedeuten diese Entwicklungen also aus Kommunikationssicht? Einiges können wir vermutlich erst erahnen, müssen diskutieren und dann (Forschung!) überprüfen. Zunächst: Wenn man sich bewusst ist, wen man wirklich auf Facebook erreicht und wie, ist ja schon vieles gut. Vieles wissen wir aber auch nicht so richtig bzw. lernen durch Ausprobieren. Ein Mini-Beispiel: Mit unserer kleinen Facebook-Seite zu unserem Mediencampus hatten wir ursprünglich die Idee, dort auch Studieninteressenten zu erreichen. Ergebnis: Auf der Seite sind Alumni und einige unserer Studenten, was uns freut. Aber Studieninteressenten? Fehlanzeige. Gerade eben zeigt eine Befragung aus der Schweiz, dass Jugendliche Facebook nun wirklich nicht nutzen, um sich Infos zu Studium, Berufsausbildung oder Arbeitgebern zu holen. Ist (Nachwuchs-)Recruiting auf Facebook also überschätzt?

Ich finde zum Beispiel die Frage extrem spannend, ob und unter welchen Bedingungen Jugendliche Unternehmen, Marken oder Organisationen im Social Web überhaupt akzeptieren. Meine Vermutung: Wenn, dann muss es einen sehr engen Bezug zur eigenen Lebenswelt geben. Heißt: Eine Marke, die ich schon immer cool finde, akzeptiere ich vielleicht. Ein Unternehmen, das ein ausnahmsweise gelungenes Recruiting-Video gemacht hat, like ich deshalb noch lange nicht. Vielleicht reiche ich das Video weiter. Weiß ich aber am nächsten Tag noch, welcher Firma der Spaß zu verdanken war? Vielleicht können wir in einigen Wochen zu diesen Fragen und Hypothesen etwas mehr sagen: Ein Team aus unserem Masterstudiengang Medienentwicklung bereitet gerade Fokusgruppen mit Jugendlichen aus verschiedenen Schultypen vor, um mehr zum Thema Jugendliche und Firmen/Marken im Social Web zu erfahren.

Marken sind nicht im Adressbuch

Zurück zum „Un-Bundeling“ wie Wolfgang es nennt. Was bedeutet es denn für Organisationen und Unternehmen, wenn kontextbezogen ganz unterschiedliche Plattformen und darin unterschiedliche kulturelle Codes genutzt werden? Die Sache wird vermutlich aufwändig. Denn während Nutzer ihren Social Graph von einer Plattform auf die nächste – leicht rekonfiguiert – mitnehmen, sind Marken oder Unternehmen typischerweise nicht Teil des Adressbuches. Denn einfache Likes oder Followings nimmt man nicht von einer Plattform zur nächsten mit. Unternehmen und Marken sind eben keine Personen, die im Adressbuch stehen. Das bedeutet, dass Unternehmen jedes Mal wieder von Neuem versuchen müssen, Teil der Wahrnehmungswelt von Nutzern zu werden, wenn sie überall eine Begegnung schaffen möchten. Hierzu müssen sie großen Aufwand betreiben, sich den jeweiligen kulturellen Codes anpassen und abhängig vom jeweiligen Umfeld in der Lage sein, ihren Stakeholdern einen Nutzen schaffen, auf dass diese eine Verbindung als lohnend empfinden.

Vorstellbar ist aber auch eine andere Konstellation: Nämlich die, dass Marken oder Unternehmen über Personen kommunizieren. Habe ich mich mit dieser Person schon mal irgendwo vernetzt und ist diese ok, so vernetze ich mich mit ihr wahrscheinlich auch auf einer anderen Plattform. Dass die Person eine Marke, ein Unternehmen repräsentiert, ist nachrangig, dürfte aber zu gegebener Zeit dennoch wahrgenommen werden.

Folglich wäre die Hypothese, dass in der Onlinekommunikation künftig entweder sehr starke Marken besonders aussichtsreich sind oder Unternehmen/Organisationen, die es schaffen, starke Botschafter zu entsenden. Wobei ich bei solchen Botschaftern eine weite Spanne sehe: Dies kann ein echter Star sein, der zum Beispiel für ein Konsumgut steht, es kann aber auch ein Experte sein, der in der B2B-Kommunikation sein Wissen teilt und so die Kompetenz seines Unternehmens unterstreicht oder der Handwerker um die Ecke, der im Netz einfach nur er selbst ist – aber immer ein sympathischer und nahbarer Mensch. Findet dieser dann eine Umgebung, in die er genau passt, versteht er deren kulturelle Codes, kann Beziehungspflege im Social Web hervorragend gelingen – ohne dass man mühsam um Aufmerksamkeit heischen muss. Während Firmen, die traditionell Zielgruppen bearbeiten und in Reichweite denken, das Aufbrechen von Silos bedauern mögen, kann es für andere durchaus sinnvoll sein, genau am richtigen Fleckchen mit den für sie wirklich relevanten Leuten in Kontakt zu sein. Und das bedeutet wohl letztlich ein bisschen weniger Marketing und ein bisschen mehr Kommunikation. Eine Situation übrigens, über die wir schon mal diskutiert hatten – kurz bevor Facebook groß geworden ist.

Update (24.5.): Daniela A. Caviglia hat sich netterweise mit diesem Beitrag intensiv auseinandergesetzt und berechtigte kritische Fragen gestellt. Einen Aspekt will ich hier deshalb noch etwas stärker herausarbeiten: Mein Eindruck ist, dass die meisten Unternehmen nicht die Angst haben müssen, auf immer mehr der aufkommenden Plattformen unterwegs sein zu müssen, sondern dass genauere Analysen und Planungen notwendig sind, um an der richtigen Stelle auf die richtige Art zu kommunizieren. Denn überall präsent sein, muss vielleicht eine Marke wie Coca Cola – für viele andere ist das wohl kaum die richtige Strategie. Herausfordernder wird die Sache aber sicher für Berater und Agenturen, denn sie müssen die vielen einzelnen Boutiquen und Treffpunkte im Netz gut kennen und verstehen.

BMWi-Projekt eBusiness-Lotse: Ein Kompetenzzentrum zu Social Media und E-Learning für KMU

logo_lotseEinige haben’s schon mitbekommen, nun wird’s höchste Zeit, ein neues Projekt auch hier einmal vorzustellen: Wir können zu den Themen Social Media und E-Learning dank Drittmittelunterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) nun einen noch besseren Wissenstransfer leisten. Zielgruppe hierbei sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), in denen oft noch ein sehr großes Bedürfnis nach Information und Austausch zu diesen Themen besteht. Ich freue mich deshalb sehr, dass wir genau hierfür nun bei uns am Mediencampus der Hochschule Darmstadt ein Kompetenzzentrum aufbauen können, das im Rahmen der Initiative Mittelstand Digital finanziert wird.

Das Ganze firmiert unter dem Namen „eBusiness-Lotse Darmstadt-Dieburg“ – wobei wir einer von etwa 40 solcher eBusiness-Lotsen bundesweit sind. Schon in der Vergangenheit gab es in ganz Deutschland so gennannte Kompetenzzentren für elektronischen Geschäftsverkehr. Nun hat das BMWi für das neu konzipierte eKompetenz-Netzwerk den Begriff des eBusiness-Lotsen vorgegeben. Der Begriff des Lotsen soll deutlich machen, dass diese neuen Kompetenzzentren die Unternehmen an die Hand nehmen sollen, damit diese Orientierung erhalten in der digitalen Welt. Hierbei geht es sicherlich um Fragen von Einsteigern wie konkrete Einsatzmöglichkeiten. Und natürlich sollen interessierte Unternehmen vom Wissen der Forschung und – wie es in Netzwerken üblich ist – von praktischen Erfahrungen anderer Firmen profitieren.

Im Rahmen der Antragsstellung hatten wir die Möglichkeit, Schwerpunktthemen für unser Kompetenzzentrum zu wählen, weshalb nun jeder eBusiness-Lotse etwas anders aufgestellt ist. Gemeinsam mit unserem Partnter, dem Hessian Technology Transfer Center (httc e.V.), einem An-Institut der benachbarten TU Darmstadt, haben wir uns für die beiden Themen Social Media und E-Learning entschieden. Eine Kombination, die innerhalb des bundesweiten Netzwerkes einmalig ist. Wobei wir Social Media unter ganz unterschiedlichen Perspektiven anschauen wollen: Hier kann es um den Einsatz in der Online-PR, im Online-Marketing genauso gehen wie Recruiting oder in der internen Kommunikation. Die Kollegen des httc e.V. haben fachlich den Hut vor allem für E-Learning und Wissensmanagement auf.

Doch was machen wir nun konkret? Ein Angebot ist, Unternehmern bzw. Marketing- oder Kommunikationsverantwortlichen in persönlichen Gesprächen eine neutrale Orientierung zu geben. Je nach Fragestellung kann es dabei zum Beispiel auch um Tipps für die Wahl einer Agentur gehen. Besondere Bedeutung haben natürlich Veranstaltungen, die wir organisieren werden: Das können halbtätige Workshops zu einzelnen Aspekten der digitalen Kommunikation sein, aber auch kürzere Veranstaltungen am Feierabend oder größere Tagungen.

Und natürlich wollen wir intensiv online präsent sein. Dazu gibt es beispielsweise eBusiness-Hangouts, in denen in 20 Minuten ein Einstieg in ein Thema gegeben oder ein Fallbeispiel diskutiert werden sollen. Mit der Zeit werden wir auch eine Wissensplattform im Netz aufbauen, in der wir Erklärungen, Anleitungen, Erfahrungsberichte etc. sammeln. Hierbei wollen wir zum Teil auch Studierende einbinden und ihnen z.B. ermöglichen, in Abschlussarbeiten ähnlichen Fragen nachgehen.

Im Moment schrauben unsere Partner vom httc noch an der Website und wir – das sind im Wesentlichen zwei wissenschaftliche Mitarbeiter in unserem Institut für Kommunikation und Medien (ikum) und ich – am Veranstaltungsprogramm für das erste Halbjahr. Die feierliche Eröffnung wird am 27. Februar sein, unter anderem mit dem Social Media Vorzeige-Malermeister Werner Deck. Wer sowieso in der Region Rhein Main ist, ist herzlich eingeladen!

Zur Übung haben wir schon mal zwei erste eBusiness-Hangouts gemacht, die gerade online gingen. Im einen stellen wir uns vor, im anderen geht es um eine Einführung zu E-Learning.

Und wie immer setzen wir auf die Vernetzung – will heißen, wir sind immer auf der Suche nach interessanten Gesprächspartnern für unsere Hangouts und Leuten, die z.B. in Workshops von Erfahrungen berichten oder erklären, wie man Social Media und e-Learning auch in KMU mit ihren begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen einsetzen kann. Damit man sich besser vorstellen kann, was wir vorhaben, werde hier demnächst etwas zu unserem Programm schreiben.

Wir freuen uns natürlich auch über erste Abonnenten des eBusiness-Blogs (RSS), über Twitter-Follower und G+-Einkreiser ;)

Lesetipps zum Wochenende (KW13)


In den heutigen Lesetipps geht es um ein besonders bitteres Thema, Emden, ums Urheberrecht und natürlich gibt wieder Hinweise zu lesenswerten Beiträgen rund um Online-PR.

Polizei-PR und Medien

Ist es der Versuch, Transparenz herzustellen? Ist es mangelnde Routine, (gefühlte) Notwendigkeit angesichts eines enormen Mediendrucks oder gar Geltungssucht, wenn in einer Pressekonferenz zu polizeilichen Ermittlungen zu viel bekannt wird? Die Öffentlichkeitsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaften ist bei spektakulären Verbrechen immer ein Drahtseilakt. Meist wird jedoch der Blick vor allem auf die bösen Medien (die natürlich nach Headlines lechzen) und auf das noch bösere Netz gelenkt. Im Fall von Emden, in dem es nach dem Mord an einem Mädchen sehr früh auf einer Pressekonferenz detaillierte Auskünfte zu einem Verhafteten gab, in dem zuvor schon Lynchaufrufe durch das Netz geisterten und sich ein Mob vor einer Polizeistation versammelte, wird zumindest vereinzelt auch die Rolle der PR thematisiert. Zumal sich kurz darauf zeigte, dass der zum Mörder Geschriebene unschuldig war. Sehr kritisch äußerte sich u.a. der Strafrechtler Prof. Henning Ernst Müller in seinem Blog und stellte klar:

„Die Presse kann Auskunft verlangen, aber wenn es ermittlungstechnisch unpassend ist, braucht niemand zu antworten. Wenn eine Information geeignet wäre, die Unschuldsvermutung faktisch außer Kraft zu setzen, dann darf diese Auskunft nicht erteilt werden.“

Mir scheint, in diesem Fall kam eine schlimme Mischung aus PR-Fehlern und überzogener Berichterstattung einiger Medien zusammen. Mit katastrophaler Auswirkung: Denn das Leben des unschuldig angeprangerten Jugendlichen in Emden ist vermutlich weitgehend zerstört.

Tatort Urheberrecht

Ein anderes im Netz intensiv diskutiertes Thema diese Woche war der offene Brief von 51 Tatort-Drehbuchautoren zum Thema Urheberrecht. Aus ihrer Sicht sollte alles so bleiben, wie es ist. Schnell und vielstimmig wurde an diesem Statement kritisiert, dass gerade diejenigen, die von sicheren öffentlich-rechtlichen Geldern finanziert werden, in dieser Sache nur mäßig glaubwürdig seien. Zudem, so zum Beispiel Marcel Weiß, hätten die Autoren keinen Diskussionsbeitrag, sondern ein „Basta-Pamphlet“ abgeliefert, das wohl mehr dem Lobbyismus der Verwertungsindustrie denn der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema diene. Mir ging da durch den Kopf, dass ich bereits vor gut 15 Jahren als Freiberufler alle denkbaren Verwertungsrechte an einige Verlage abtreten musste.

Online-PR

Mit der CEO-Kommunikation hat sich Jana Beuter im PR-Blogger beschäftigt. Sie zeigt am Beispiel von Bill Mariott, wie das mit Hilfe eines CEO-Blogs funktionieren kann und verweist darauf, dass das Thema in Deutschland in den Kinderschuhen steckt. Da ist nach meinem Eindruck vieles auch eine Frage der Haltung.

Entscheidet sich ein CEO (oder ein Blogger, ein Politiker oder Journalist), zum Beispiel in Facebook aktiver zu sein, stellt sich die Frage, ob er ein Profil oder eine Seite anlegt. Futurebiz zeigt die Unterschiede.

Holger Schmidt hat ausführlich beleuchtet, wie Konzerne Social Media (v.a. Facebook und Twitter) nutzen und greift dabei auf verschiedene Untersuchungen zurück. Eines der Ergebnisse: Kommunikation kommt für deutsche Unternehmen in diesen Kanälen vor Kommerz. Anders ausgedrückt:

„Als Kaufhaus ist Facebook ein Flop. (…) Schlimmer noch für Facebook: Informationen für Kaufentscheidungen suchen und finden die Nutzer an vielen Stellen im Netz – aber nur ganz selten auf Facebook.“

Quelle hierfür ist der so genannte „Digital Influence Index“ von Fleishman Hillard. Nun gut, wirklich überraschend (und vor allem problematisch) ist das aus meiner Sicht nicht. Viel spannender sind für mich die 14 Statements aus Dax-Unternehmen, in denen die Verantwortlichen für Social Media einen Einblick in ihre Strategien geben.

Abschließend noch ein Blick nach Österreich: Dort haben Kollegen der Uni Wien die politische Twitter-Sphäre analysiert, und zwar so, dass allein der Methodenteil einen Blick lohnt, wie Alexander Stocker zeigt.

Mehr zur PR-Lehre hier im Blog

http://www.flickr.com/photos/stanfordedtech/
Notebooks in der Lehre? Selbstverständlich. Nicht nur in Stanford (Foto: StanfordEdTech/flickr).

Vor einiger Zeit schon habe ich mir vorgenommen, hier im Textdepot öfter mal wieder die Lehre zu thematisieren – entweder durch Diskussion von Fragen rund um die PR-Lehre oder durch Bereitstellen von Inhalten. Beginnen wir mit zwei Themen: einer Blaupause für einen Social Media-Kurs und der Diskussion um Laptops im Unterricht.

Just als ich mich an diesen Post hier machen wollte, kam mir etwas Tolles von Howard Rheingold unter: Er hat ein Kursprogramm zu Social Media online gestellt (danke für den Tipp, Heinz). Das Ganze ist als Uni-Seminar geplant und fordert den Studierenden einiges ab. Auf sie kommt einiger spannender Lesestoff zu und sie üben Online-Kollaboration in verschiedenen Konstellationen und mit zahlreichen Instrumenten (von der Live-Berichterstattung über das Schreiben von Wiki-Artikeln bis zur Diskussion in Foren). Für mich als Lehrenden besonders spannend sind die so genannten Learning Outcomes, die Rheingold formuliert hat. Dort steht an erster Stelle das Thema Aufmerksamkeit. Die Studierenden sollen erfahren, wie sie ihre Aufmerksamkeit (in Zeiten von Informationsfluten) steuern. Andere Lernziele sind der kritische Umgang mit Informationen, der Einsatz von Online-Tools zur Zusammenarbeit oder (besonders wichtig) ein angemessenes Verhalten online. Klar, dass diese Ziele ganz ähnlich auch bei uns im Studiengang erreicht werden sollen. Ich werde mir im nächsten Schritt noch Rheingolds Literatur genauer anschauen und die Art, wie die einzelnen Übungen konzipiert sind und was davon eventuell sinnvoll für unser Studenten genutzt werden kann. Im Gegensatz zu vielen Universitäten haben wir jedoch keinen reinen Social Media-Kurs, sondern integrieren den Aufbau der entsprechenden Kompetenzen in PR-Fachveranstaltungen (bzw. tun dies die Kollegen im Journalismus).

Entsprechend wird in Kürze wieder nebenan in den PR-Fundsachen gebloggt, und auch Facebook und Twitter (ein paar Erfahrungen) werden wir wieder nutzen, das Team überlegt sich gerade ein neues Konzept. Für die interne Kommunikation und das Projektmanagement nutzen wir übrigens eine Facebook-Gruppe sowie Google Sites. Und zum Ende des Semesters soll auch wieder ein eBook entstehen – das Thema verrate ich noch nicht, das Ganze wird ein Ergebnis eines größeren Projektes sein, das ich in den nächsten Tagen hier vorstelle.

Beim Absurfen erster Links in Rheingolds Angebot bin ich auf ein Thema gestoßen, das auch meine Kollegen im Studiengang und vor allem die Dozenten aus der Praxis bewegt: Das Notebook im Unterricht. Jetzt sollte man ja meinen, in einem Studiengang für Online-Journalismus bzw. in einem Schwerpunkt Online-PR wundert sich niemand, wenn die Studenten Rechner dabei haben und nutzen. Tatsächlich (ver-)stört das jedoch immer wieder und war prompt Anfang der Woche bei einem Dozententreffen einmal mehr intensiv diskutiert worden. Das Beruhigende: Das Thema scheint überall virulent zu sein, deshalb erst einmal ein längeres Zitat von Amy Bruckman, Associate Professor of Interactive Computing im College of Computing bei der Georgia Tech-Universität:

When I go to a meeting, I almost never bring my laptop. I have a light one and I could easily bring it along. But I know that if I do, I will not pay attention.I am terrible that way. Someone will start saying something redundant, boring, or irrelevant, and I’ll take that moment to look down at my laptop. I’ll check my email. I’ll check Facebook or Twitter.My attention will stray, and when I look up again I will find that the boring/irrelevant moment is long over, and I’ve missed something significant. I’ve missed part of the point of why I bothered to be there in the first place.

I know some of you genuinely find it helpful to take notes on a computer. I also know that others really do use your computer to look up more information about what we’re talking about. And sometimes those contributions are invaluable to the whole class. I also know that some of you are on Facebook or checking email. You need to ask yourself a question: What do I want to get out of being here in class?

Wie Amy Bruckman schreibt, ist der Einsatz von Laptops im Seminarraum zweischneidig: Sie können ablenken, sie können Arbeitstools sein und sie können damit das Lernen beeinträchtigen oder unterstützen. Die Kollegin appelliert schließlich an die Verantwortung der Studenten und fordert nur, dass in ihren Seminaren nicht gespielt bzw. andere nicht gestört werden. Damit ist eigentlich das Wesentliche gesagt. Einzige Variante: Es gibt Phasen im Unterricht, die volle Präsenz erfordern – bestimmte Diskussionen oder entsprechende Lehrinhalte. Dann lassen sich die Notebooks einfach zuklappen. Oder die Gruppe geht für eine halbe Stunde hinaus in die Sonne. Hierauf freue ich mich auch.

Weiterführende Artikel im Textdepot: