Mit Daten und Mode um die Welt

Mit den Datenanalysen ist das so eine Sache: Sie sollen uns ja Sicherheit bringen, womöglich Morde verhindern. Andererseits können die dahinter stehenden Algorithmen auch ziemliche Nebenwirkungen haben. Schaden sie sogar mehr als sie bringen? Ein paar Aspekte dieser Diskussion habe ich in diesen Lesetipps verpackt, dazu ein paar Netz-News und, klar, mal wieder nette Sonderlichkeiten.

Gute Daten, böse Daten?

Aber erst mal langsam, fangen wir positiv an: Schön, dass es in den letzten Tagen noch viele Artikel gab, die einige der so vielen re:publica-Themen aufgegriffen haben. In einem davon wird’s aber schon ernster: Es geht um Algorithmen. Die sind ja mehrfach Thema gewesen, aber für mich war der Vortrag von Kate Crawford von Microsoft Research besonders wichtig. Ihre Kritik zum Thema Datenanalyse: Wir versagen dabei, die aktuelle Technologie ausreichend kritisch zu reflektieren. Konkret bedeutet dies zum Beispiel: Die Strukturierung von Daten kann zu Diskriminierung führen – etwa, wenn Männern besser bezahlte Jobs vorgeschlagen werden als Frauen oder Menschen, die in ärmeren Stadtteilen wohnen, einen schlechteren Service bekommen.

Kurzer Einschub: All solche Probleme basieren natürlich auf der Frage, wie Algorithmen entwickelt und ggf. auch von dritter Seite beobachtet werden. Die Initiative Algorithmwatch hat für Einsteiger dieser Tage ein Arbeitspapier veröffentlicht, das erst mal erklärt, was Algorithmen sind.

Und dann werfen jetzt auch noch Überwachung in den Topf, die ja mit dem Thema Datenanalyse eng verbunden ist: Die nämlich, so eine Untersuchung aus Oxford, sorgt dafür, dass Online-Nutzer aus Angst, falsche Spuren zu hinterlassen, ihre Wikipedia-Nutzung einschränken, also z.B. nicht nach Stichworten wie „Taliban“ suchen.

„Massive Überwachung sorgt für Angst, Selbstzensur und konformistisches Verhalten. Sie schädigt die Meinungsfreiheit und den offenen, demokratischen Austausch von Wissen und Ideen“,

fassen die Netzpiloten zusammen.  Denkt man jetzt noch darüber nach, dass vor allem Leute mit ganz normalen Ansichten sich z.B. in sozialen Netzwerken lieber raushalten, wenn es um politische Themen geht, wissen wir, warum eine Menge Käse aus dem Topf schwappt und das Land überzieht. Ach, nee – im Kinderbuch war das ja dieser Pfannkuchen, der nicht mehr zu stoppen war. Oder wie war das gleich?

A propos stoppen – jetzt kommt die andere Seite: Aus Israel wird berichtet, dass systematische Datenauswertung Terroristen stoppen kann. Und zwar spontane Einzeltäter – nicht ganze Gruppen, die sich zum Morden verabreden. Wie das geht? Nutzungszeiten des Internets und Kommunikationsverhalten, persönliche Hintergründe etc. automatisiert checken und Auffällige, also potenzielle Attentäter, direkt ansprechen. Puh, Menschenleben gegen Freiheit?

Nüchtern hat das Feld, in dem wir uns hier bewegen, vor einer Weile schon Zeynep Tufekci beschrieben:

„The „availability of big data, (the) shift to individual targeting, the potential and opacity of modeling, the rise of behavioral science in the service of persuasion, dynamic experimentation, and the growth of new power brokers on the Internet who control the data and algorithms — will affect many aspects of life in this century.“

Facebook, Journalismus und ein News-Bias?

Erst wurde es geleakt, nun von Facebook selbst veröffentlicht: Das Handbuch für die Mitarbeiter der Trending News. Moment. Trending News auf Facebook? Noch nie gehört? Ich habe auch erst mal gesucht, wo die denn im blauen Universum stecken. Also: Es geht nicht um den Newsfeed, den ja der berühmte Algorithmus produziert, sondern um einen eigenen Bereich, in dem nur wichtige aktuelle journalistische Beiträge zusammengestellt sind. In den USA taucht dieser in einer eigenen Box sichtbar für jeden User auf, bei uns muss man die interne Suche anwerfen.

Die Stories darin werden auch nach Popularität und Aktualität durch einen Algorithmus vorsortiert, aber nicht direkt veröffentlicht. Mitarbeiter von Facebook greifen ein und sollen zum Beispiel Doppelungen oder Nicht-Nachrichten aussortieren. Und genau an dieser Stelle, so der Vorwurf, hätten die Mitarbeiter die Anweisung gehabt, konservative Themen weniger sichtbar zu machen. Das haben jedenfalls ehemalige Mitarbeiter gegenüber dem Blog Gizmodo behauptet. Die Diskussion zu den Vorwürfen jedenfalls ist riesig, geht es doch um eine mögliche Beeinflussung von Politik und das Zusammenwirken zwischen Facebook und dem Journalismus – schließlich ist der blaue Riese mittlerweile der weltweit größte News-Distributor.

Die Wogen stiegen so hoch, dass sich Mark Zuckerberg beeilt hat, sogar Treffen mit konservativen Politikern in den USA vorzuschlagen. Ob die Vorwürfe der massiven Manipulation in dieser Hinsicht überhaupt berechtigt sind, ist eine andere Frage: Der Style Guide, der unter anderem vertrauenswürdige Quellen enthält, erinnert den Guardian denn doch sehr an die Richtlinien von Associated Press – und die gelten gemeinhin als vorbildlich. Inzwischen haben sich wohl auch andere ehemalige Facebook-Mitarbeiter gemeldet und verneint, dass es in der Redaktion einen speziellen politischen Bias oder gar eine Anweisung dazu gebe.

Marketing und Kommunikation

Mal wieder Influencer Relations. Und zur Abwechslung was Selbstkritisches von einem (anonymen) Social Media-Nenschen aus den USA. Er meint, Firmen hätten Influencer mit viel zu viel Geld beworfen. So langsam erst merkten viele Marken, dass die Followerzahl rein gar nichts bedeute. Soso. Manchmal fragt man sich ja, was für Leute in manchen Firmen Budgetverantwortung bekommen.

Wühlen wir uns ein bisschen weiter. Ach ja, Braunkohle und Straßenbau, da könnte man sich jedoch die Finger ein bisschen schmutzig machen. Das ARD-Magazin Plusminus ist bei seinen Recherchen jedenfalls auf sehr unappetitliches Lobbying gestoßen: Eine Bürgerinitiative mit verdächtiger Nähe zu RWE etwa oder auf die über die Wirtschaft finanzierte Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung e.V.. Diese wiederum unterstützt seit vielen Jahren Bürgerinitiativen – Lobbycontrol hat hierzu bereits vor zehn Jahren Infos (pdf ) zusammengetragen. Das Ganze riecht mehr nach Kunstrasen als Asphalt.

Nun aber bitte mal was Konstruktives! Ok, bleiben wir bei Verbänden: Der Bundesverband Digitale Wirtschaft hat einen Leitfaden zur Erfolgsmessung in Social Media vorgestellt, und wenn ich es richtig verstehe, sollen Mitgliedsunternehmen des Verbandes darauf verpflichtet werden. (Update, 17.5.: Missverständnis. Der BVDW stellte in einer Mail klar, dass seine Mitglieder nicht auf das im Leitfaden beschriebene Vorgehen verpflichtet werden). Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Leitfaden wäre mal noch ein separates Thema…

Huschen wir aber weiter durch die Linkliste. Eine Menge Mühe hat sich Meike Leopold gemacht, um herauszufinden, wie sich Corporate Blogs weiter entwickeln könnten. Dazu hat sie lesenswerte Interviews mit acht Verantwortlichen veröffentlicht und ergänzend die Serie #blogfuture gestartet. Im ersten Teil fasst sie zusammen, welche Ziele die Experten für Corporate Blogs sehen. Kurz zusammengefasst: Das Corporate Blog wird als selbst verantwortetes Content Hub gesehen, das nebenbei auf die Sichtbarkeit im Sinne von SEO einzahlt. Insbesondere in der B2B-Kommunikation geht es oft darum, die eigene Kompetenz zu beweisen, direkte Marketingziele sind insgesamt eher selten.

Und dann ist da noch RTL. Der Fernsehsender muss irgendwie mit Böhmermanns #Verafake umgehen und Krisen-PR betreiben. Das hat er am Freitag. Dass es Böhmermanns Team gelungen ist, zwei Schauspieler in die Sendung „Schwiegertochter gesucht“ einzuschmuggeln, ist natürlich ziemlich peinlich, der Knebelvertrag für die Kandidaten nicht minder. Und was macht nun RTL? Das Produktionsteam wurde gefeuert, Fehler in der Sorgfaltspflicht eingestanden. Da ist natürlich praktisch, dass man die redaktionelle Verantwortung an Zulieferer abdrücken kann.

Und jetzt die Werbung

Eine Menge Leute hoffen ja, dass die Umsätze der Online-Werbung immer weiter wachsen. Könnte sein, dass dem nicht so ist, sondern eine Blase platzt. Dies jedenfalls ist der Tenor eines Artikels von Doc Searls. Wer ihn nicht kennt: Co-Autor des Cluetrain-Manifests und Verfechter der Intention Economy. Doch zurück zur werblichen Blasenbildung: Ausgangspunkt seiner Argumentation ist eine Analyse, wonach zwar immer mehr Anzeigen im Netz geschaltet werden, die Werbenetzwerke pro Ad jedoch immer weniger verdienen. Hinzu kommt die Verbreitung von Ad Blockern und dass hochwertige Werbeumfelder immer mehr umkämpft sind und damit die Preise steigen. Und schließlich: Durch das ganze Tracking und Targeting schaden die Werber ihrer eigenen Reputation, argumentiert Searls. Man könnte ergänzen, dass Deals mit AdBlockern, die dann gegen Bezahlung doch Werbung durchlassen (im Netz und on stage auf der rpTEN ), vermutlich die langfristige Akzeptanz von Werbung nicht gerade erhöhen.

Noch ein paar Kurz-Meldungen

  • Instagram wurde ein bisschen poliert, der Designprozess ist nebenan bei Medium beschrieben.
  • Analytics für Snapchat: Marketing und PR-Leute wollen Zahlen. Und weil Snapchat für Firmenaccounts da eine Lücke lässt, gibt es Drittanbieter, die sogar noch zeitversetztes Posten ermöglichen. Ziemlich snappy, aber ich nehme mal an, dass Snapchat einem solchem Treiben bald ein Ende setzt.
  • Auf zu Youtube: Die Videoplattform integriert einen Messenger, damit man die App nicht mehr verlassen muss, um Videos mit Freunden zu teilen oder zu diskutieren. Eigentlich ein überfälliger Schritt, um Nutzer auf der Plattform zu halten.
  • Praktisch gleichzeitig versucht Amazon, Youtube auf Produzentenseite anzugreifen: Wer guten Inhalt zu bieten hat, kann diesen künftig bei Amazon veröffentlichen, der dann über Prime zu sehen ist. Ähnlich wie bei E-Books soll es ein Revenue-Sharing geben.

Endlich: Lifestyle und Unterhaltung

Erst mal eine sehr amerikanische Mini-Story: Budweiser heißt jetzt America. Zumindest bis zur Präsidentinnenwahl. Und warum? Um Biertrinker zu inspirieren, Amerikas und Budweisers geteilte Werte von Freiheit und Authenzität zu feiern. Sowas kann man nur in Presseinfos schwurbeln. Well. Und ja, man könnte fragen, was das denn für ein seltsamer PR-Stunt ist. Aufmerksamkeit haben sie jedenfalls produziert, meine Timeline war voll davon. Beantwortet ist nur nicht die Frage, wie denn das noch dünner schmeckende Bud Light heißen soll. „Canada“, schrieb jemand in meiner Timeline.

prado
Haus am Prado von Havanna.

Von Canada nach Kuba, genauer Havanna: Dort hat sich König Karl Lagerfeld zelebriert und eine Modenschau von Chanel auf den Laufsteg gebracht.Naja, eigentlich war der Prado der Laufsteg: Für sich ist das ein prächtiger Boulevard in eindrücklicher Kulisse. Vielleicht aber auch, weil sich hinter Bäumen, die den Prado säumen, sich noch viele ruinenartige Häuser verbergen, in denen Menschen hausen, die im Monat um die 25 Dollar verdienen. Kuba ist (noch) ein sozialistisches und ein armes Land. Dass sich in dieser Kulisse ausgerechnet eine Nobelmarke inszeniert, finde ich ja eher peinlich.

Zeit für die letzte Aufheiterung: Ein Donald muss noch sein. Wieder einer. Diesmal hat ein argentinischer TV-Sender Donald Trump zum Sportmoderator gemacht  – im Sommer ist der Copa América…

2 Gedanken zu “Mit Daten und Mode um die Welt

  1. Zu „Gute Daten, böse Daten“, Algorithmen und dem Umgang noch ein Link zu einem letztlich ethischen Thema (#Longreads):

    „An unclassified 2016 Department of Defense (DoD) document, the Human Systems Roadmap Review, reveals that the US military plans to create artificially intelligent (AI) autonomous weapon systems, which will use predictive social media analytics to make decisions on lethal force with minimal human involvement.“

    Und absehbar wohl nach den Dokumenten auch mit keinem „human involvement“…

    The Pentagon is building a ‘self-aware’ killer robot army fueled by social media:
    View story at Medium.com

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