Verschobene Schwerpunkte

Es wird höchste Zeit, dass ich auch hier mal wieder ein Lebenszeichen von mir gebe. Nein, nein, ich habe das Bloggen nicht aufgegeben, wie schon manche vermuteten. Zwei Gründe hat die Ruhe hier: Erstens Arbeit. Zweitens aber auch ein verändertes Publikationsverhalten.

Die Sache mit der Arbeit ist einfach erklärt – mit der Semesterschlussphase. Das bedeutet: Einen Stapel Diplom- und Bachelorarbeiten auf dem Tisch, Kolloquien, Prüfungen, Endspurt in den Projekten – und aktuell auch Vorbereitungen für unseren Bachelor-Studiengang Online-Journalismus (bisher diplomieren wir unsere Absolventen). Für Bloggen bleibt da leider wenig Zeit. Solche Phasen haben wohl die meisten.

Der andere Grund für die seltener werdenden Blogbeiträge: Ich gehe mit Social Media inzwischen anders um als noch vor ein paar Monaten. Lange Zeit dachte ich, mein Blog sei der Mittelpunkt meiner Online-Aktivitäten. Andere Dinge wie Bookmarks oder Twitter habe ich weniger eigenständig gesehen und deshalb deren Feeds auch ins Blog gezogen. Mit Friendfeed hat sich das innerhalb von nur drei Wochen verschoben. Meine Überlegung: Wenn dort schon alle meine Feeds aggregiert werden – wozu dann noch die Bookmarks ins Blog ziehen? Und den Twitter-Feed? (den habe ich gerade eben hier aus dem Blog gekippt). So skeptisch ich anfangs gegenüber FriendFeed war – eines habe ich gelernt: Dort bildet sich ein eigenes soziales Netz rund um jeden Nutzer. Und zwar eines, das sich (zum großen Teil) unterscheidet vom Twitter-Netz und vom Kreis der Blogleser. Das gibt die Chance, die unterschiedlichen Formate unterschiedlich auszufüllen. Besonders ausgefeilt mache ich das zwar nicht, aber inzwischen nutze ich die Formate meist so:

  • Twitter: Mischung aus Orientierung/Promotion (Links zu fremden und eigenen Blogbeiträgen) und Kommunikation innerhalb des Netzwerkes,
  • Social Bookmarks: kommentiertes Archiv (übrigens wird es mir zu viel, für Lehrveranstaltungen in Mister Wong und ansonsten in del.icio.us zu bookmarken. Denke, ich nutze künftig nur noch eines und verwende zusätzliche Tags für Lehrveranstaltungen),
  • Blog: Etwas ausführlichere Beiträge oder stärker kommentierte Lesetipps,
  • FriendFeed: Zusammenfassung der genannten Feeds. Mehrwert: Lese-Tipps aus meinem Google Reader.
  • (der Vollständigkeit halber: Private Notizen mache ich in einem privaten Room bei FriendFeed und im Google Notebook; für Lehrveranstaltungen und Studiengangsorga nutzen wir Wikis)

Jetzt liegt natürlich die Frage nahe, ob ich mich mit all diesen Plattformen nicht fürchterlich verzettle. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Im Moment stelle ich fest, dass (abgesehen von meinem del.icio.us-Netz) in den öffentlichen Projekten meine Netzwerke wachsen. So war ich z.B. erstaunt, dass innerhalb von etwa drei Wochen 42 User meinen FriendFeed abonniert haben. Und um nochmal auf meinen vollen Schreibtisch zurück zu kommen. Hier habe ich noch eine Erfahrung gemacht: Ich blogge zwar viel weniger, aber die anderen Kanäle nutze bzw. bediene ich dennoch. Böse könnte man sagen: Informationshappen statt Reflexion. Höflicher ausgedrückt: Die Orientierungsfunktion scheint beständiger zu sein. Alles hat eben seine Zeit.

Wie nehmen Sie dies wahr? Ist es übertrieben, innerhalb des Web 2.0 schon von einem veränderten Publikationsverhalten zu sprechen?

Und natürlich wäre auch weiter zu diskutieren, was solche Entwicklungen für die PR bedeuten. Für den Moment lande wieder bei dem Punkt, an dem ich neulich schon war: Man muss dorthin, wo die Stakeholder sind…

8 Gedanken zu “Verschobene Schwerpunkte

  1. Ich würde eher von einem veränderten Kommunikationsverhalten sprechen. Ob sich das auf das Publizieren auswirkt, ist derzeit noch schwer einzuschätzen. Für mich steht das Blog z.B. schon noch im Mittelpunkt. Aber das kann sich natürlich ändern.

    Aber ich verwende in der letzten Zeit auch verstärkt verschiedene Kanäle wie Twitter, Friendfeed, etc. Bildlich gesprochen ist das eine Erweiterung von 2D auf 3D.

    Die bilaterale Kommunikation z.B. via Blog ist eher eine Linie. Durch die Nutzung verschiedener Tools entsteht ein Raum, d.h. ich lese ein Blogpost, reagiere darauf via Friendfeed und diese meine Reaktion wird von anderen aufgegriffen und über andere Kanäle weiterverarbeitet. So erkläre ich mir das.

    Der Vorteil von Blogs ist, dass ich auf diesem Weg viele Menschen erreichen kann. Jetzt kann ich aber auch die Kanäle, über die ich meine Nachricht kommuniziere, multiplizieren. Das heißt, die Verbreitung funktioniert noch viel schneller.

    Solche Kommunikationsräume zu schaffen, müsste ja eigentlich das Ziel von PR sein. Aber das dauert wohl noch etwas, so lange die Agenturen noch nicht mal wissen, wie sie mit Blogs umgehen sollen.

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  2. Es gibt einen guten Grund die Bookmarks ins Blog zu ziehen (und ggf. Twitter auch): Das Blog ist deins. Alle andere Date sind anderwo und weg, wenn der Service hopps ginge.

    Ich denke auch, dass die Zukzuft ‚blöogartigen‘ Softwearen gehört, die Dienste wie Twitter und FF beinhalten und deinen Social Graph speichern.

    Ob die dan ‚Blogs with many Plugins‘ heissen, oder PPC Personal Publishing Center oder sowas, ist an sich Banane.

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  3. @Oliver Gassner: der Einwurf, dass Twitter, FF, etc. nur kurzfristig funktionieren und damit das Gegenteil der Blogs mit ihrem Long Tail sind, ist wichtig.

    Ist Facebook nicht schon ein erster Versuch, den Social Graph zu speichern?

    Aber PPC gefällt mir :-)

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  4. Beide Medien, Twitter und FriendFeed, sind in meinen Augen sehr interessant und reizvoll. Sie haben aber auch ein gemeinsames Problem: Sie sind echte Zeitfresser.

    Wäre etwa FriendFeed nur ein einfacher Feedkanal, könnte ich dort wie in einem Archiv die Aktivitäten interessanter Personen mitverfolgen. Das Dumme ist nur, dass FriendFeed auch über eine eigene Kommunikationsebene verfügt, die man als Blogger zeitnah mitverfolgen sollte. Denn es ist ja gut möglich, dass sich eine Debatte über ein Blogpost gerade nicht im Blog, sondern auf FriendFeed entwickelt. Und eine solche Debatte muss man dort noch nicht einmal unbedingt selbst anstoßen – es reicht schon, wenn jemand anderes den Link twittert!

    Fazit für mich: Wir „Web 2.0 Apostel“ sollten diese Medien kennen, aber auf breiter Ebene wird zumindest FriedFeed nicht landen können, dazu ist es zu komplex und zeitintensiv.

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  5. Ich finde es ungemein spannend und auch bereichernd, mit vielen Leuten ins Gespräch zu kommen, auch mit völlig unbekannten.

    Richtig ist natürlich, dass die Gefahr sehr groß ist, dass wir uns bei Nutzung der vielen Kanäle verzetteln. Das Bild von der 3D-Erweiterung gefällt mir auch sehr gut. Z.Z. sind wir ja noch in der Beta-Pase :)

    Als „Zeifresser“ sehe ich die Dienste aber nicht. O.k., wer jetzt meint, nichts mehr verpassen zu dürfen, der bekommt sicherlich ein Problem. Aber müssen wir alles mitbekommen, was unsere Netzfreunde so machen? Ich will das gar nicht.

    Weblogs, Twitter und Co. sind für mich Plätze, an denen ich mich mit interessanten Menschen über spannende Themen austauschen kann; oder einfach nur über das Wetter plaudern …

    Diese Kanäle dienen dazu, die unterschiedlichen Personen kennenzulernen – Small Talk eben. Ich vergleiche das gerne mit den Flur- und Treppen-Gesprächen bei Tagungen und Kongressen.

    Weblogs, Twitter und Co. vereinfachen das „Netzwerken“.

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  6. Meine Erfahrung: Wenn ich mich mit solchen Dingen neu befasse, fressen sie viel Zeit. Auch, weil ich neugierig bin, viel ausprobiere und oft hinschaue. Mit der Zeit erweist sich, was sinnvoll ist und was nicht.

    Für mich hat das Bloggen absolute Priorität und ist auch mit Abstand das interessanteste Medium für mich. Meine wirklich täglichen Beiträge brauchen natürlich Zeit, die für andere Dinge dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Twittern hat eher so eine soziale Komponente. Was bedeutet: Sobald wenig Zeit ist, ist das das erste, woran ich „spare“.

    Wenn ich sehe, was andere an wertvollen Links und Inhalten via Twitter senden, bekomme ich allerdings manchmal so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil ich nach meinem Empfinden nicht gleiche Werte in dieses Netzwerk einbringe.

    Ich sehe aber auch, dass viele das twittern, was ich bereits als Link in einem Blogbeitrag vorgesehen habe. Da komme ich mir manchmal regelrecht ‚old school‘ vor. ;-) Manchmal denke ich, die Blogs sind morgen das, was für uns heute die statische Websites sind…

    Dennoch halte ich Twitter-Links für deutlich weniger nachhaltig als solche in Blogs. Sie rauschen vorbei, und man liest selten alle Tweets nach, die man im Laufe eines Arbeitstages nicht wahrgenommen hat. Da wäre mir manche Information zu schade dafür.

    Mit Friendfeed konnte ich mich bisher nicht so richtig anfreunden. Vielleicht habe ich mir bisher einfach nicht genug Zeit dafür genommen…

    Ich sehe aber, dass sich allein in den letzten paar Monaten so viel in meinem Medienverhalten und in meiner Wahrnehmung geändert hat, dass vielleicht meine Aussage hier in ein paar weiteren Wochen schon wieder total anders aussehen würden.

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  7. Danke für Eure wertvollen Einwürfe und Erfahrungen. Der Aspekt des Bleibenden im Blog erscheint mir tatsächlich wichtig. Aus FriendFeed- und Twitter-Konversationen klinke ich mich aus und wieder ein – lese aber kaum nach, was in der Zeit passiert ist, in der ich nicht dabei war.

    Unsicher bin ich mir, was den Umgang mit den Bookmarks betrifft: Olivers Argument war für mich ursprünglich sogar einer der Gründe, dieses Blog zu beginnen – ich wollte eine Kopie der Bookmarks im Blog haben. Vielleicht sollte ich sie doch wieder einfließen lassen. Ich überlege mir das nochmal…

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