Vortrag: Das Ende des Publikums?

Es ist schon klar: Das Ende des Publikums zu proklamieren, trifft die Situation nicht wirklich. Aber das Publikum (oder die Öffentlichkeit), wie wir es bis vor ein paar Jahren kannten, gibt es auch nicht mehr. Ich habe deshalb die etwas reißerische Frage einem Vortrag voran gestellt, in dem ich ein paar Optionen durch Social Media sowie den derzeit zu beobachtenden Wandel der Öffentlichkeit aufzeigen wollte. Eingeladen hatte mich hierzu Ulrich Bartosch, Professor für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (deren Mitglied ich übrigens gerade geworden bin).

Eingebettet war mein Gastvortrag in ein Seminar zu Kommunikation an der Fakultät für Soziale Arbeit der KU. Insofern hatte ich die Chance, einen großen Bogen zu spannen und über die Themen zu berichten, mit denen ich mich seit längerem beschäftige. Gleichzeitig hatte ich bei der Vorbereitung des Vortrags Themen wie Google Street View, Stuttgart 21, die Pseudo-Integrationsdebatte oder die Rolle von Social Media bei den Protesten in Frankreich im Hinterkopf. Aus diesen habe ich versucht, fünf mir wichtige Diskussionsfelder zu Social Media und Öffentlichkeit zu umreißen.

Diskussion 1: Sozialkapital

Ausgangspunkt: Entsprechend der sozialen Netzwerktheorie (Lesetipp) wird davon ausgegangen, dass soziale Beziehungen wie sie sich auch in Social Media manifestieren (z.B. Facebook-Freunde, Blog-Abonnenten, Twitter-Follower) als Sozialkapital verstanden werden können.

Frage: Jan Schmidt stellte vor wenigen Tagen die wichtige Frage, wer in diesem Zusammenhang wie kapitalisieren darf. Eine weitere Anregung für diese Diskussion gab vor ein paar Tagen auch Mario Sixtus mit seinen Szenarien zur Werbung übermorgen.

Diskussion 2: Medien

Ausgangspunkt: Diese Diskussion ist sicher die geläufigste: Es geht um die künftige Rolle der Medien und die Bedeutung des Journalismus, vor allem im Sinne der vierten Gewalt.

Frage: Was (uns) Journalismus wert ist, wird ja landauf, landab seit langem diskutiert, allerdings habe ich – gerade auch nach einem Besuch der Medientage in München – den Eindruck, dass sich diese Diskussion doch sehr in berechenbaren Kreisen dreht, sich bloß fragt, wo der Kern ist. (Nebenbei fragt sich, ob diese Frage mit dem Wohl der Verleger zwangsläufig verknüpft ist).

Diskussion 3: Unternehmen

Ausgangspunkt: In der Social Media-Welt wirkt Kommunikation zurück auf Unternehmen, sprich: Unternehmen werden stärker beobachtet, Kunden und andere Stakeholder formulieren öffentlichkeitswirksam Ansprüche etc.

Frage: Ich finde besonders spannend, zu diskutieren, wie es Unternehmen schaffen, diese Rückflüsse so zu nutzen, dass sie besser werden. Damit meine ich innovativere und bessere Produkte genauso wie ein besser akzeptiertes Verhalten – also eine Sicherung der Licence to operate, die ja ein Abbild öffentlicher Akzeptanz ist.

Diskussion 4: Politik

Ausgangspunkt: Hier habe ich die Argumentation des Philosophen Slavoj Žižek aus einem Artikel im „Freitag“ neulich herangezogen. Er argumentiert, dass Politik zunehmend auf der Manipulation einer paranoiden Masse bestehe und eine ihrer wichtigen Strategien das Schüren von Ängsten sei (z.B. vor Überfremdung, vor Terrorismus oder vor Naturzerstörung).

Frage: Nimmt man diese These an, fragt sich, ob und in welchem Maße diese politische Strategie durch die besseren Möglichkeiten der Artikulation und Vernetzung durch Social Media durchkreuzt bzw. sichtbar gemacht werden kann (von einzelnen Bürgern und von Bürgerbewegungen bzw. NGOs).

Diskussion 5: Bildung

Ausgangspunkt: Mit Blick auf die Nutzungsstudien zu Social Media kann nach wie vor davon ausgegangen werden, dass nur Wenige ihr Potenzial umfänglich und aktiv nutzen.

Frage: Zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, ob und wie sich das Können (also die Medienkompetenz) entwickeln lassen – und ob überhaupt ein Wollen – also ein Interesse an öffentlicher Teilhabe – vorhanden ist bzw. ob dieses stärker entwickelt werden kann.

Mir ist klar, dass es noch einige weitere zu diskutierende Themen gibt (wir können gern in den Kommentaren sammeln). Ich habe auch überlegt, ob es sinnvoll ist, dass ich als Nicht-Fachmann für einige der genannten Fragen mich hierzu aus dem Fenster lehnen sollte. Andererseits komme ich in meiner Arbeit immer wieder an Stellen, an denen Wechselwirkungen mit anderen Bereichen deutlich werden. Ein paar davon zumindest zu benennen, erschien mir deshalb im erwähnten Vortrag sinnvoll – auch wenn ich nicht der Richtige bin, alle diese Diskussionen konsequent zu führen ;)

Die Folien zum Vortrag finden sich auch auf Slideshare.

2 Gedanken zu “Vortrag: Das Ende des Publikums?

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