Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 2: (Des-) Informierte Bürger

Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 2: (Des-) Informierte Bürger

Trumps Krieg gegen die Medien, die bewusste Manipulation ihrer Agenda und damit der Öffentlichkeit standen im vorigen Artikel im Mittelpunkt. In diesem Teil fasse ich vor allem eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive auf die Informiertheit von Bürgern in Sozialen Medien zusammen. Die zentrale These: Besonders gefährdet für Populismus ist die „politisierte Bildungsmitte“ (Wolfgang Schweiger).

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Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 1: Hackermentalität und Öffentlichkeit

Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 1: Hackermentalität und Öffentlichkeit

Trump und andere Populisten sehen sich im Krieg mit den Medien. Und sie setzen auf Polarisierung. In drei Blogposts möchte ich ein paar Diskussionsstränge zu (digitaler) Öffentlichkeit aufgreifen und am Ende ein paar Vorschläge machen, was Marketing- und PR-Leute tun könnten.

Gefühlt habe ich mich durch Dutzende Artikel und Interviews gefressen, die sich mit Veränderungen der (politischen) Öffentlichkeit beschäftigen und Wege zu Populisten wie Trump nachzeichnen. Viele Auswege aus dieser dunklen Gasse scheint es noch nicht zu geben. Auf ein paar ausgewählte Artikel beziehungsweise ein neu erschienenes Buch zu desinformierten Bürgern im Netz möchte ich in meiner Mini-Serie eingehen.

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Vortrag: Das Ende des Publikums?

Es ist schon klar: Das Ende des Publikums zu proklamieren, trifft die Situation nicht wirklich. Aber das Publikum (oder die Öffentlichkeit), wie wir es bis vor ein paar Jahren kannten, gibt es auch nicht mehr. Ich habe deshalb die etwas reißerische Frage einem Vortrag voran gestellt, in dem ich ein paar Optionen durch Social Media sowie den derzeit zu beobachtenden Wandel der Öffentlichkeit aufzeigen wollte. Eingeladen hatte mich hierzu Ulrich Bartosch, Professor für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (deren Mitglied ich übrigens gerade geworden bin).

Eingebettet war mein Gastvortrag in ein Seminar zu Kommunikation an der Fakultät für Soziale Arbeit der KU. Insofern hatte ich die Chance, einen großen Bogen zu spannen und über die Themen zu berichten, mit denen ich mich seit längerem beschäftige. Gleichzeitig hatte ich bei der Vorbereitung des Vortrags Themen wie Google Street View, Stuttgart 21, die Pseudo-Integrationsdebatte oder die Rolle von Social Media bei den Protesten in Frankreich im Hinterkopf. Aus diesen habe ich versucht, fünf mir wichtige Diskussionsfelder zu Social Media und Öffentlichkeit zu umreißen.

Diskussion 1: Sozialkapital

Ausgangspunkt: Entsprechend der sozialen Netzwerktheorie (Lesetipp) wird davon ausgegangen, dass soziale Beziehungen wie sie sich auch in Social Media manifestieren (z.B. Facebook-Freunde, Blog-Abonnenten, Twitter-Follower) als Sozialkapital verstanden werden können.

Frage: Jan Schmidt stellte vor wenigen Tagen die wichtige Frage, wer in diesem Zusammenhang wie kapitalisieren darf. Eine weitere Anregung für diese Diskussion gab vor ein paar Tagen auch Mario Sixtus mit seinen Szenarien zur Werbung übermorgen.

Diskussion 2: Medien

Ausgangspunkt: Diese Diskussion ist sicher die geläufigste: Es geht um die künftige Rolle der Medien und die Bedeutung des Journalismus, vor allem im Sinne der vierten Gewalt.

Frage: Was (uns) Journalismus wert ist, wird ja landauf, landab seit langem diskutiert, allerdings habe ich – gerade auch nach einem Besuch der Medientage in München – den Eindruck, dass sich diese Diskussion doch sehr in berechenbaren Kreisen dreht, sich bloß fragt, wo der Kern ist. (Nebenbei fragt sich, ob diese Frage mit dem Wohl der Verleger zwangsläufig verknüpft ist).

Diskussion 3: Unternehmen

Ausgangspunkt: In der Social Media-Welt wirkt Kommunikation zurück auf Unternehmen, sprich: Unternehmen werden stärker beobachtet, Kunden und andere Stakeholder formulieren öffentlichkeitswirksam Ansprüche etc.

Frage: Ich finde besonders spannend, zu diskutieren, wie es Unternehmen schaffen, diese Rückflüsse so zu nutzen, dass sie besser werden. Damit meine ich innovativere und bessere Produkte genauso wie ein besser akzeptiertes Verhalten – also eine Sicherung der Licence to operate, die ja ein Abbild öffentlicher Akzeptanz ist.

Diskussion 4: Politik

Ausgangspunkt: Hier habe ich die Argumentation des Philosophen Slavoj Žižek aus einem Artikel im „Freitag“ neulich herangezogen. Er argumentiert, dass Politik zunehmend auf der Manipulation einer paranoiden Masse bestehe und eine ihrer wichtigen Strategien das Schüren von Ängsten sei (z.B. vor Überfremdung, vor Terrorismus oder vor Naturzerstörung).

Frage: Nimmt man diese These an, fragt sich, ob und in welchem Maße diese politische Strategie durch die besseren Möglichkeiten der Artikulation und Vernetzung durch Social Media durchkreuzt bzw. sichtbar gemacht werden kann (von einzelnen Bürgern und von Bürgerbewegungen bzw. NGOs).

Diskussion 5: Bildung

Ausgangspunkt: Mit Blick auf die Nutzungsstudien zu Social Media kann nach wie vor davon ausgegangen werden, dass nur Wenige ihr Potenzial umfänglich und aktiv nutzen.

Frage: Zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, ob und wie sich das Können (also die Medienkompetenz) entwickeln lassen – und ob überhaupt ein Wollen – also ein Interesse an öffentlicher Teilhabe – vorhanden ist bzw. ob dieses stärker entwickelt werden kann.

Mir ist klar, dass es noch einige weitere zu diskutierende Themen gibt (wir können gern in den Kommentaren sammeln). Ich habe auch überlegt, ob es sinnvoll ist, dass ich als Nicht-Fachmann für einige der genannten Fragen mich hierzu aus dem Fenster lehnen sollte. Andererseits komme ich in meiner Arbeit immer wieder an Stellen, an denen Wechselwirkungen mit anderen Bereichen deutlich werden. Ein paar davon zumindest zu benennen, erschien mir deshalb im erwähnten Vortrag sinnvoll – auch wenn ich nicht der Richtige bin, alle diese Diskussionen konsequent zu führen ;)

Die Folien zum Vortrag finden sich auch auf Slideshare.

Öffentlichkeit im Wandel: Überlegungen zum vormedialen Raum

Vor einem Jahr war ich an das Freie Russisch-Deutsche Institut für Publizistik (FRDIP) in Moskau geladen, um aus PR-Sicht zu schildern, wie sich das öffentliche Umfeld, in dem Krisen stattfinden, wandelt. Mein Vortrag war nur einer von vielen: Im Rahmen eines Symposions wurden unterschiedliche Aspekte der Medien- und Wirtschaftskrise sowie von Unternehmenskrisen diskutiert. Besonders spannend hierbei war natürlich die international vergleichende Diskussion mit russischen Kollegen. Nun wird in Kürze ein Sammelband zur Tagung erscheinen und die unterschiedlichen Perspektiven festhalten. Ich habe dies zum Anlass genommen, nochmal etwas ausführlicher meine Sicht auf den Wandel der Öffentlichkeit zu beschreiben.

Einen PrePrint meines Artikels habe ich auf Slideshare bereit gestellt. Inhaltlich knüpfe ich an Diskussionen zum Wandel der Öffentlichkeit und zum vormedialen Raum an, die einigen Lesern dieses Blogs vertraut sind. Entsprechend der Themenvorgabe liegt der Fokus auf den Konsequenzen für die Krisenkommunikation.

Unabhängig davon und unabhängig von einer Diskussion zu den Anforderungen, die sich aus der Netzkultur ergeben, die wir heute in einem Seminar ausführlicher hatten, möchte ich zwei Fäden des Artikels auch hier nochmal aufnehmen: Die Frage einer fragmentierten Öffentlichkeit und den Begriff des vormedialen Raumes.

Fragmentierte Öffentlichkeit?

Im Social Web sind bekanntlich eine Vielzahl mehr oder weniger stark vernetzter Mikroöffentlichkeiten anzutreffen. Ich halte in diesem Zusammenhang das Bild skalierbarer Öffentlichkeiten für nützlich. Dies hängt damit zusammen, dass das Internet nicht ein Massenmedium darstellt, sondern eine „technische Infrastruktur, die soziale Kommunikation jeder Art ermöglicht“ (Wolfgang Schweiger 2008). Konkret bedeutet dies, dass im Social Web Publiziertes zu einem Mindestmaß (teil-)öffentlich ist, aber durch Verlinkung nahezu beliebig große Öffentlichkeiten entstehen können. Entgegen einiger Kritiker sind die Mikroöffentlichkeiten (Jan Schmidt spricht von persönlichen Öffentlichkeiten) nicht unbedingt als eine fragmentierte Öffentlichkeit mit desintegrativer Wirkung zu verstehen: Christoph Neuberger argumentiert stattdessen, dass in der Social Media-Welt zunächst die Themenvielfalt erweitert wird (Neuberger 2009). Zudem hält er es für plausibel, dass „es eine große Schnittmenge unter den Themen gibt, die an vielen Stellen aus unterschiedlichen Perspektiven im Internet behandelt werden“ (ebd.). Und schließlich, so argumentiert auch Neuberger, ist nicht zu vernachlässigen, dass auch im Social Web häufig Themen der Massenmedien diskutiert werden, also Anschlusskommunikation stattfindet.

Der vormediale Raum

An dieser Stelle will ich nochmal etwas ausführlicher (als z.B. hier) auf den vormedialen Raum eingehen, in dem die erwähnten Mikroöffentlichkeiten ihren Platz haben. Die hier zur Diskussion gestellen Überlegungen sind im Wesentlichen vor einiger Zeit in einer Mail-Unterhaltung mit Jan Manz entstanden (danke für die Anstöße!).

Bis vor kurzem ist davon ausgegangen worden, Öffentlichkeit sei in einer modernen Gesellschaft etwas, das praktisch ausschließlich durch Medien, also professionelle Kommunikatoren (hier sind Wechselwirkungen zwischen PR und Journalismus mitgedacht) hergestellt wird. Mittlerweile ist klar, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist und Öffentlichkeit auch ohne Journalisten bzw. andere Berufskommunikatoren hergestellt werden kann. Hier kommt der vormediale Raum ins Spiel.

Nach meinem Verständnis umfasst der vormediale Raum Veröffentlichungsorte, die nicht von klassischen Medien bzw. Redaktionen bespielt werden. Das heißt, ich betrachte den vormedialen Raum als Ausgangsort von Konversationen, die nicht von Berufskommunikatoren direkt angestoßen werden: Hat also ein Medium eine Diskussion angestoßen (z.B. indem ein Artikel veröffentlicht wird, der eine Diskussion auf der selben Plattform auslöst), würde ich das dem medialen Raum zuordnen – ähnliches gilt für einen Leserbrief in der Zeitung. Anders ausgedrückt: Hinter diesem Agenda Setting stecken entweder klassische mediale Mechanismen – also Auswahlprozesse, die sich v.a. an professionellen Nachrichtenwerten orientieren oder das Ganze steht unter dem formalen Dach einer Medienmarke. In der Folge muss ich für dort ausgelöste Diskussionen weiter von medialer Aufmerksamkeit ausgehen (also z.B. annehmen, dass Journalisten den Verlauf der Diskussion verfolgen). Blogs unter dem Dach einer Medienmarke sehe ich als Baustein eines redaktionellen Konzepts und nicht als Bestandteil des vormedialen Raumes.

Im Gegensatz dazu ist für mich der vormediale Raum dadurch gekennzeichnet, dass in ihm öffentlich diskutiert wird, aber die Medien hierin keine aktive Rolle spielen. Eine Veröffentlichung oder Diskussion geht also auf die Initiative eines Nutzers oder einer Nutzergruppe zurück. Ob ein Thema veröffentlicht wird oder nicht, richtet sich nach individuellen Faktoren, nicht unbedingt nach journalistisch-professionellen.

Inhaltlich kann es dabei natürlich wiederum um Themen aus den Medien gehen, muss es aber nicht. Häufige Themen sind auch individuelle Perspektiven wie Erfahrungen mit einem Produkt oder die Wahrnehmung unternehmerischen Tuns, der Politik etc. durch den publizierenden Nutzer. Und natürlich können sich wiederum Journalisten für Diskussionen im vormedialen Raum interessieren: Sie setzen ihre professionellen Maßstäbe an und filtern heraus, was sie als nützlich für ihre Plattformen empfinden und formal ihren Nachrichtenwerten entspricht. Dann gibt es einen Übergang vom vormedialen Raum in den medialen.

Ein Hintergrund für dieses Verständnis ist sicher auch, dass der Begriff des vormedialen Raumes in Ansätzen schon seit längerem im Issues Management verwendet wird. Ursprünglich waren damit natürlich andere Arenen gemeint, beispielsweise Diskussionen von Experten auf Kongressen. In diesem Verständnis wie auch in meiner Adaption an die Social Media-Welt spielen dann Fragen wie Themenkarrieren etc. wieder eine wichtige Rolle.

Hier wiederum wird nach meinem Verständnis die soziale Netzwerktheorie hilfreich. Zugespitzt lässt sich formulieren, dass Nachrichtenwerte der Medien innerhalb des vormedialen Raums abgelöst werden durch soziale Beziehungen und konkrete individuelle Interessen.

Ausblick

Abgeschlossen habe ich das Manuskript schon vor ein paar Monaten. Wie es immer so ist bei Themen, die einem raschen Wandel unterliegen, ließe sich aus heutiger Warte das ein oder andere sicher ein wenig anders vertiefen. Hinzu kommen zwangsläufig Lücken: Im Artikel habe ich versucht, einen Anschluss zu einzelnen Konzepten der Öffentlichkeit herzustellen. Allerdings ist mir klar, dass dies nur sehr kursorisch geschieht. Dringend notwendig ist aus meiner Sicht eine noch systematischere Diskussion unterschiedlicher Öffentlichkeitskonzepte, die auch Konzepte benachbarter Disziplinen einschließt.

Twitter in der Lehre: Ein paar Erfahrungen

Wie berichtet, habe ich im vergangenen Semester meine Studenten mit sanftem Druck dazu gebracht, Twitter zu nutzen. Eingebunden war das Ganze in ein  Seminar zu PR, in dem wir Twitter ausführlich besprochen hatten. Im Laufe des Semesters haben wir Twitter dann auch als PR-Kanal genutzt, der unsere Tagung „Zukunft Online-PR“ begleitet hat, und schließlich nutzen einige andere Studenten unseres Studiengangs schon seit längerem und auf eigene Initiative den Microblogging-Dienst. Höchste Zeit, ein paar Einschätzungen dazu zu notieren – schließlich entdecken gerade ganz große Blätter das Thema – und gehen etwas seltsam heran. Kurz zusammengefasst meine 2 Cent: Twittern kann das Lernen über den Seminarraum hinaus erweitern, es kann auch für Studenten ein Instrument sein, um Online-Reputation aufzubauen, und es erfordert ein gutes Gespür für Öffentlichkeit und Privatheit.

Nun zur Langversion: Zunächst stellt sich natürlich die Frage, was Twitter denn in der Lehre soll und wie man es nutzen könnte. Dies wurde ja schon verschiedentlich diskutiert. Für unseren Studiengang Online-Journalismus sehe ich mehrere Motivationen, Twitter zu nutzen. Die drei wichtigsten:

  • Unsere Studenten wollen sich als Online-Journalisten oder Online-PR-Leute qualifizieren. Twitter zu verstehen, ist für beide Gruppen aus meiner Sicht inzwischen eine Standardanforderung. Denn nur wer Twitter versteht, kann entscheiden, ob es ein sinnvolles Nutzungsmodell für eine Redaktion bzw. im Rahmen der PR gibt – egal, ob zur Recherche oder zur aktiven Nutzung.
  • Twitter ist ein Kommunikatonskanal, der rund um jeden Nutzer ein soziales Netz schafft. Damit lässt sich Twitter zum Aufbau von Reputation nutzen.
  • Twitter eignet sich zur Gruppenkommunikation, so dass Studenten darin untereinander und mit ihren Dozenten kommunizieren können. Beispiele sind simple Absprachen, Erinnerungen an Aufgaben, aber auch Nachfragen, Lesetipps etc.

Wie nun haben wir Twitter im PR-Schwerpunkt formal in die Lehre integriert? Hier war ich zunächst unsicher: Denn bloggen sollen meine Studenten schon seit 2005, und dort bewerte ich die Leistung nach verschiedenen Kriterien (z.B. Themenwahl, Darstellung, Vernetzung, Umgang mit Kommentaren). Ich habe die erste Idee, dieses Modell einfach auf Twitter zu übertragen, verworfen. Zu groß schien mir die Hürde bzw. der Druck, und ich wollte einen möglichst großen Teil der Studenten erreichen. Statt dessen sollte es genügen, dass sich die Studenten auf Twitter einlassen, es sich erschließen und Erfahrungen sammeln – ohne Vorgabe, wie es zu nutzen sei. Also war es eine explorative Aufgabe, über die zum Ende des Semesters eine reflexion zu schreiben war, die dann zeigen sollte, wie die Auseinandersetzung mit dem Thema war. Was getwittert wurde, spielte also keine Rolle.

Nach Lektüre aller Reflexionen und einem Rekapitulieren der Twitteraktivitäten sind mir grob drei Nutzertypen unter den Studenten aufgefallen:

  • Ein gutes Drittel der Studenten war regelrecht angesteckt und nutzt Twitter noch immer und intensiv. Nach meinem Gefühl mit viel Spaß, aber auch, um sich ganz konsequent zu positionieren. Diese Gruppe nutzt Twitter aus meiner Sicht sehr professionell: Hier wechseln sich interessante Lesetipps, Dialoge, Persönliches (nicht aber zu Privates) ab. Gleichzeitig wurde Twitter für sie zu einer wichtigen Quelle zu aktuellen Informationen und zu einem Raum, in dem man auch mal eine Frage beantwortet bekommt. 150 bis 350 Follower – und häufig positive Rückmeldungen – sind sichtbare Folgen; eine Studentin bekam sogar ein Jobangebot über Twitter.
  • Ein anderes Drittel der Studenten hatte es ernsthaft mit Twitter versucht und zeitweilig auch etwas Spaß damit. Inzwischen sind sie jedoch kaum mehr sichtbar – keine Zeit, keine Themen. Bei diesen Nutzern kann ich mir gut vorstellen, dass sie Twitter in einem Projekt einmal erfolgreich einsetzen können. Aufgefallen ist mir, dass diese Nutzer vor allem untereinander vernetzt sind, sie aber keinen so systematischen Ausbau ihres sozialen Netzes – etwa in die Praxis hinein – verfolgt haben.
  • Die anderen schließlich sind die „Gezwungenen“, die es versucht haben, weil sie mussten, aber feststellten, dass Twitter für sie einfach nichts ist (oder sich nicht wirklich auf das Experiment einlassen wollten/konnten) – wobei offenbar einige von ihnen im Sinne von Lurkern doch viel Kommunikation verfolgen.  Es kann gut sein, dass sie Twitter später einmal nutzen – vielleicht erledigt sich das Thema ja aber auch vorher von selbst.

Welche Schlüsse kann man nun nach einem Semester mit einer größeren Studentengruppe (naja, 16 waren im Kurs) bei Twitter ziehen? Inhaltlich sehe ich zwei ganz große Herausforderungen für angehende Medienprofis: Zum einen natürlich die Frage, wie man es schafft, nicht nur Zustandsbeschreibungen à la „Sitze am Referat über….“ zu schreiben. Die haben zwar ihre Berechtigung, aber man muss für sein Netz auch immer wieder Werte schaffen – es informieren oder unterhalten. Hier hilft aus meiner Sicht nur, die richtigen Informationsflüsse zu finden und diese regelmäßig zu verfolgen. So wie man früher als guter Journalist den Tag mit der Lektüre von fünf  Zeitungen begonnen hat, muss man heute die richtigen Feeds lesen (und sollte dennoch Print nicht aufgeben).

Die andere Herausforderung ist die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Jeder, der twittert, muss wissen, dass er Öffentlichkeit herstellt. Und zwar dauerhafte und grenzenlose. Dahinter verbirgt sich die Frage: „Was kann ich über mich oder andere twittern und was nicht?“ Gerade zu diesem Thema und zur Frage von Rollen, die wir spielen, haben wir am intensivsten diskutiert. Zum Glück, denn das hat nach meinem Gefühl größere Unfälle verhindert. Dennoch sind ein paar Tweets geschrieben worden, die aus meiner Sicht grenzwertig waren (für die Autoren) – etwa über Krankheiten. Wobei die Gruppe hier hervorragend reagiert hat: Während die einen durch dezente Hinweise den Autoren gewarnt haben, haben andere durch geschickte Folgetweets einiges wieder ins Lot gebracht.

Kleiner Einschub: Teilweise intensivere Diskussionen hatten wir im Studiengang zur Frage der Öffentlichkeit von Lehrveranstaltungen. Kann man einfach aus einer Lehrveranstaltung heraus twittern? Womöglich jemanden klar erkennbar zitieren? Einen Komilitonen? Den Prof? Interessanterweise sind damit bei den PR-Studenten nie Probleme aufgetreten, sie berichteten aus Lehrveranstaltungen beschreibend („wir diskutieren gerade über…“) – oft wurde das Ganze auch bereichert, etwa, wenn während der Diskussion oder ein paar Stunden danach noch auf interessante Veröffentlichungen zum Thema hingewiesen wurde. Das war genau das, was ich mir erhofft hatte. Ich vermute, dass dies geklappt hat, lag vor allem daran, dass wir vor dem Twittern sehr intensiv über Twitter, Öffentlichkeit und Reputation gesprochen haben.Ungut wurde das Ganze jedoch, wenn – wie ein wenigen Einzelfällen und in anderen Zusammenhängen geschehen – ein Gastreferent tiefe Einblicke in sein Arbeitsleben gibt oder ein Student aus dem Praktikum bei einer bestimmten Redaktion berichtet und alles live ins Netz getippt wird. Hierzu hatten wir im Kollegium und mit Studenten mehrfach gesprochen. Unser Diskussionsstand: Twitter darf  nicht die Privatsphäre einzelner angreifen bzw. Privates und/oder Vertrauliches ungefragt in die Öffentlichkeit bringen. Das bedeutet, dass eine Diskussion in einer Lehrveranstaltung im Gegensatz zu einer öffentlichen Konferenz nicht einfach via Twitter nach außen getragen werden soll – schon gar nicht, wenn Teilnehmer erkennbar zitiert werden. Denn weder Studenten noch Dozenten sind öffentliche Personen – und Lernen bedeutet auch im Journalismus-Umfeld nicht, immer Öffentlichkeit herzustellen, sondern auch, bestimmte Dinge im geschlossenen Raum üben oder diskutieren zu können.

Doch alles in allem halte ich den Einsatz von Twitter in unserem Studiengang nach wie vor für sehr sinnvoll. Den Hauptnutzen sehe ich darin, dass Studierende im Netz Präsenz zeigen und beweisen können, dass sie Online-Kommunikation verstehen und nutzen. Noch nie war es so einfach, sich nicht nur untereinander als Gruppe auch außerhalb des Hörsaals zu vernetzen, sondern auch mit Menschen, an die man früher kaum herangekommen wäre. Und ich halte das Erweitern des Lernens für einen enormen Gewinn: Lernen, entdecken, diskutieren funktioniert eben nicht nur im Takt des Stundenplans, sondern hat eigene Rhythmen. Twitter erlaubt diese Rhythmen und schafft im Idealfall eine sehr viel tiefer gehende, weil umfassendere Lernsituation. Übrigens nicht nur für Studenten, sondern für jeden für uns – schließlich hört das Lernen nie auf. (Wobei das Lernen mit Twitter aus meiner Sicht ein Lernen auf Fachebene und soziales Lernen zusammenbringen kann).

Für die effektive Twitter-Nutzung halte ich aber ein ins Kalte-Wasser-Springen inzwischen nicht mehr für ausreichend, sondern sehe Dozenten und erfahrenere Studenten gefordert, um Einsteiger zu coachen (ok, es gibt auch hilfreiche Leitfäden). Denn seit Twitter rasend wächst, muss man einiges wissen, damit man sich dort erfolgreich bewegen kann und nach dem Einrichten eines Accounts nicht gleich als uninteressant wahrgenommen wird oder sich gar schadet.

Für einige Szenarien in der Lehre scheinen mir übrigens andere Microblogging-Dienste als Twitter geeigneter: Denn manchmal wünsche ich mir eben einen geschlossenen virtuellen Gruppenraum. Dann kann ich mir Microblogging auch hervorragend fürs Projektmanagement vorstellen oder darin Aufgaben diskutieren etc. – denn in einigen Szenarien will ich der Gruppe und mir die Öffentlichkeit ersparen – und meinen anderen Followern Kommunikation, die sie nicht interessiert. Am liebsten hätte ich ein solches Microblogging per Widget auch in ein internes Wiki integriert. Aber das führt jetzt zu weit…

Statt dessen verweise ich noch auf die Sicht der Studenten: Dankenswerterweise hat vor einigen Wochen schon ein Kommilitone ein paar Studenten meines Kurses zu ihren Einschätzungen zur Twitter-Nutzung in der Lehre befragt.

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