Wie verringert man digitalen Stress? Tipps aus einem Dauer-Selbstversuch.

Handy-Sucht. Digitaler Stress. Information Overflow. Social Media Addiction. Es gibt viele Begriffe, die ausdrücken, dass die digitale Kommunikation anstrengen und ablenken kann. Wie kann man damit umgehen? Die Musik zu diesem Stück kommt von Al Jarreau.

Die Frage, wie man mit den Instrumenten der digitalen Kommunikation so umgehen kann, dass sie uns nicht schaden, stellen sich vermutlich die meisten von uns. Und wir experimentieren immer wieder von Neuem. An sich stecken wir alle in einem dauernden Selbstversuch. Entsprechend zuverlässig kommt das Thema immer wieder in die Medien und Blogs. Auch zur Zeit. Unter Berufung auf aktuelle Bitkom-Zahlen berichtet die „Welt“, dass es eine Menge Leute gibt, die versuchen, zumindest zeitweise ihr Handy beiseite zu legen oder sich von Mails oder Social Media fern zu halten.


Für ein solches Thema brauche ich ganz entspannte Musik und habe im Schrank eine ziemlich alte Platte entdeckt: „The masquerade is over“ von Al Jarreau. Das erste Stück dort heißt „My favorite things“, in dem Jarreau die einfachen Dinge preist. (Hintergrund: Wieso ist hier Musik?)


 

Abgeschaltete Mail-Server und Digitale Resilienz

In diesen Zusammenhang passt auch die Diskussion um die Erreichbarkeit von Mitarbeitern großer Unternehmen wie VW, Daimler oder Porsche, die vor kurzem (wieder) geführt wurde. In der ZEIT zum Beispiel gibt es hierzu ein pro & contra. Meine zwei Cent dazu: Ich finde richtig, sich Gedanken über Stress und phsychische Gesundheit zu machen. Und plakativ kann man mit gutem Recht reflektierte Selbstbestimmung statt genudgter Selbstoptimierung fordern.

Die Idee mancher, am Abend gleich die Firmenmail-Server abzuschalten, finde ich jedoch ziemlich schräg. Vielleicht geht so etwas in einem großen Konzern, aber spätestens deren Lieferanten, Agenturen, Freiberufler sind oft genug zu kurzfristigen Abgaben gezwungen und müssen flexibel arbeiten, damit am nächsten Arbeitstag Ergebnisse vorliegen. Ganz zu schweigen von Kooperationspartnern in anderen Zeitzonen, die ihre Arbeitszeiten nicht an deutsche Gewohnheiten anpassen können.

Hinzu kommt: Wenn wir über “New Work” sprechen, dann ist ein winziger Aspekt davon, dass wir nicht standardmäßig von 9 bis 5 im Büro hocken. Statt dessen müssen wir lernen, uns selbst zu organisieren und dabei eine vernünftige Work-Life-Balance zu finden – gerade, wenn wir über agile Organisationsstrukturen sprechen. Damit verbunden ist das Entwickeln von Widerstandskraft und die Fähigkeit der Bewältigung von Stress. In unserem Zusammenhang geht es um Digitale Resilienz (wobei sich diese nicht nur auf das Individuum bezieht, sondern auch auf Strukturen/Organisationen).

Die Salzburger KollegInnen Atteneder et al. beschäftigten sich hiermit ausführlicher und schreiben im Medienjournal (pdf):

“Als eine wesentliche Qualität in diesem Handlungsspektrum ist die Ausbildung einer Resilienz gegenüber bzw. im Umgang mit den neuen Technologien der Vernetzung zu verstehen, die das digital vernetzte Individuum verstärkt in die Lage versetzen, selbstbestimmt, kritisch reflektiert und den eigenen Bedürfnissen angepasst mit den Technologien umgehen zu können. Dazu ist eine (Aus-)Bildung entsprechender Dimensionen der Resilienz von nöten, die individuell angepasst zu entwickeln sind. Zu diskutieren wäre in diesem Zusammenhang allenfalls auch eine, den neuen Rahmenbedingungen anzupassende Konturierung des Selbstkonzepts des Menschen.”

Dies gilt aus meiner Sicht erst recht für (angehende) Kommunikationsprofis. Denn bezogen auf digitale Arbeitsmittel und Kanäle sind sie in einer verschärften Situation: Kommunikation ist der Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Dazu pflegen sie vielfältige Kommunikationskanäle, nicht nur für ihr Unternehmen, sondern oft auch eigene, bei denen berufliche und persönliche Kommunikation oft nicht eindeutig zu trennen sind. Eine Frage ist zum Beispiel, wie man mit den fortwährenden Kommunikationsströmen wie wir sie bei Facebook, Twitter oder Instagram erleben, umgeht. Gerade Freiberufler oder kleine Betriebe haben keine Vertretungsmöglichkeiten bzw. betreiben ohnehin eine personalisierte Kommunikation.

Digitale Kommunikation: Meine neuesten Anpassungen

Insofern nehme auch ich das beschriebene Thema als fortwährende Herausforderung wahr (hier ein Artikel dazu von 2009). Dass komplette Abstinenz bzw. Offline für mich keine Alternative ist, hatte ich vor ein paar Jahren auch schon geschrieben. Meine Herausforderung ist deshalb die Dosierung. Oder anders ausgedrückt: Es geht um Selbstmanagement. Dieses wird schon lange als eine wichtige Qualifikation in der Arbeit 4.0 gesehen, so zum Beispiel in den Thesen zur digitalen Arbeit von Shareground und der Uni St. Gallen, die 2015 vorgestellt wurden.

Entsprechend diskutieren wir diese Fragen nicht nur in Seminaren, sondern wir – Studierende und ich – motivieren uns gegenseitig. Wir wollen immer weiter damit experimentieren, wie die digitalen Werkzeuge und unsere unterschiedlichen Rollen als Onlinekommunikationsleute und Privatpersonen für uns gut funktionieren. Entsprechend habe ich in den letzten Tagen auch wieder ein bisschen herumgeschraubt.

Mein Ausgangspunkt: Ich habe überlegt, was mich an meiner eigenen Handy-Nutzung nervt. Ergebnis: Für meinen Geschmack habe ich viel zu oft bei Twitter und Instagram in die Timelines geschaut. Ein bisschen aus Langeweile, ein bisschen aus Angst, etwas zu verpassen (FOMO = Fear of missing out). Und ich habe zu allen möglichen Zeiten Slack und berufliche Mails gecheckt. Irgendwann vor Weihnachten habe ich gemerkt, wie stark mich das in der Summe ermüdet hat und ich mit mir unzufrieden war.

In der Konsequenz habe ich jetzt an ein paar Schrauben gedreht:

  • Den Account meiner beruflichen Mails habe ich am Handy (wie schon vor einiger Zeit mal) deaktiviert. Ich sehe dort also keine Mails mehr, die die Arbeit betreffen. Sobald es aber mal nötig ist, zum Beispiel wenn ich auf einer Dienstreise bin, kann ich das Ganze mit einem Button wieder aktivieren.
  • Slack hatte ich bisher im Dock, also immer im Blick, sobald ich auf den Handy-Bildschirm geschaut habe. Nun habe ich die App auf den zweiten Bildschirm und dort in einen Unterordner geschoben.
  • Auch Twitter habe ich vom Home-Bildschirm verbannt in einen Unterordner auf dem zweiten Screen.
Home-Screen
Mein Empfinden: Digitaler Stress hat vor allem mit dem Handy zu tun, weniger mit der Arbeit am Schreibtisch. Der Screenshot zeigt meinen aktuellen Home-Screen. Manche Apps, die ich zu häufig verwendet habe, habe ich von ihm verbannt.

Vor längerem hat sich schon dies bewährt:

  • Facebook und Facebook Messenger sind vor vielen Monaten vom Handy geflogen – zum einen betreiben die mir zu viel Spionage, zum anderen hatte ich auch hier zu intensive Nutzungsphasen. Ähnlich ging es einer Autorin des Guardian.
  • Push-Nachrichten und Nachrichtenzähler: Abgesehen von Messengern, der Telefon-App und (!) MyMüll darf mir keine App mehr Nachrichten senden. In der Wired zeigt ein ausführlicher Artikel nochmal, wie sehr die ständigen Push-Meldungen uns ablenken und für (meist) ziemlich Unwichtiges stören.
  • Apropos stören: Zwischen 18.30 und 8.30 Uhr und am Wochenende können mich telefonisch nur Leute erreichen, deren Nummer in meinen Kontakten gespeichert ist. Dies lässt sich beim iPhone über die „Nicht stören“-Funktion sehr bequem einmal einstellen.

Und wie fühlt sich das nun an? Ziemlich gut. Mein Eindruck ist, dass ich weniger digitales Rauschen und damit weniger digitalen Stress habe. Denn so banal meine Stellschrauben sind, bei mir scheinen sie schon etwas zu bringen – selbst das schlichte Verschieben von Apps vom Home-Bildschirm auf den zweiten Screen am Handy.

Allerdings: Der Stress kommt natürlich nicht nur vom Handy. Ich habe auch an meinem Rechner vor einiger Zeit schon die Benachrichtigungsfunktionen sehr eingeschränkt. Wichtiger noch für mich: Apps wie Mail, Slack oder TweetDeck nicht ständig offen haben, sondern bewusst zu schließen. Und schließlich: Für bestimmte Aufgaben blockiere ich mir Zeit im Kalender und bin da wie bei einem Termin nicht oder höchstens für mein engstes Team erreichbar. Dieser Aspekt hat natürlich schon einiges mit den Strukturen zu tun, in denen wir arbeiten und mit wechselseitigen Erwartungen in der Zusammenarbeit – ein eigenes Thema, zu dem es viel zu diskutieren gibt.

Mir ist klar: Was für mich funktioniert, hält jemand anderes vielleicht für völlig daneben oder nutzlos. Umgekehrt merke ich, dass ich von den Erfahrungen anderer zu solchen Fragen immer wieder profitiere und Anregungen gewinne. Insofern freue ich mich, in Artikeln oder hier in den Kommentaren auf weitere Ideen.

Da ich auch immer wieder gefragt werde, wie ich versuche, dennoch auf dem Laufenden zu bleiben und das für mich Wichtigste aus dem Web zu nutzen, gehe ich auf meine aktuellen Workflows in einem der nächsten Artikel ein.

Und noch zwei Tipps für alle, die erst einmal das Thema dieses Beitrags vertiefen mögen:

  • Luciano Floridi: The Onlife Manifesto: Being Human in a Hyperconnected Era (Open Access-Publikation)
  • Das Digital Detox Kit ist ein Acht-Tages-Programm mit unterschiedlichen Aufgaben rund um Online-Nutzung, unsere Spuren und Verhalten im Netz (via).

2 Kommentare

  1. Wahre Worte, lieber Thomas. Auch stelle mir diese Frage derzeit häufig, um gerade nicht in einen – auch wenn der Begriff schon abgenutzt ist – Digitales Burnout zu laufen. Ich bin gespannt, wie das dir mit diesen Maßnahmen gelingt. Angesichts der Zunahme an Kommunikationsformaten zweifele ich aber daran, ob dies auf die Dauer ausreichen wird. Aber eine Lösung habe ich auch noch keine gefunden. Auf jeden Fall noch ein sehr sehr spannendes Thema … ;-)

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Frage, wie weit solche Schrittchen reichen, ist sehr berechtigt. Deine Skepsis teile ich. Als einzelne können wir da vermutlich langfristig zu wenig erreichen. Deshalb scheinen mir auch die Strukturen so wichtig, in denen wir uns befinden – also zum Beispiel: Wie schnell erwarten andere (oder wir) Antworten auf eine Mail oder eine Nennung bei Twitter?

      Was mir gerade bewusst wird und ich hätte ergänzen können: Ich schreibe viel weniger in Kanälen, die es notwendig machen, immer wieder (fast ständig) mitzuschwimmen. Ich habe den Eindruck, dadurch eher die Energie und Lust zu haben, einen Artikel hier zu schreiben.

      Gefällt 1 Person

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