Kommunikation und Führung in der Digitalisierung – auch in der Schule

Wohin man schaut: Die Digitalisierung ist überall ein Thema: Natürlich in Unternehmen, aber auch in Behörden wie zum Beispiel der Polizei und natürlich in der Bildung. In unterschiedlichen Konstellationen vernetzen wir uns seit längerer Zeit in viele dieser Richtungen, und es zeigt sich, dass Kommunikation, Führung, Organisationsentwicklung und Lernen ein schlagkräftiges Team bilden können.  

Im Moment sitzen wir an mehreren Projektideen und -anträgen, in denen es um Wissenstransfer und angewandte Forschung zu diesen Themen in Unternehmen und Verwaltungen geht; ebenso beschäftigt uns die digitale Selbstbestimmung und Kompetenz von BürgerInnen. In dem vor kurzem gegründeten Forschungszentrum für Digitale Kommunikation und Medien-Innovation an unserer Hochschule Darmstadt hat sich hierzu eine kleine interdisziplinäre Gruppe gebildet – und wir lernen laufend voneinander. Wenn ein bisschen etwas dazu spruchreif ist, berichten wir bei Interesse in einer cosca-Session

Frisch zurück bin ich von zwei Vorträgen, die ich bei – für mich – vielleicht nicht ganz naheliegenden Communities halten durfte: Social-Media-ManagerInnen der Polizei und bei bayerischen SchulleiterInnen. Beide sind natürlich in verhältnismäßig starren Strukturen, aber gerade das macht die Sache besonders spannend. Nebenan habe ich kurz über meinen Input an der Hochschule der Polizei berichtet. Hier die Vortragsfolien:https://www.slideshare.net/apalme2003/zwischen-dialog-und-targeting-beobachtungen-zur-onlinekommunikation
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Weil’s jetzt gleich in die Schule geht, gibt es heute Musik einer kleinen Hobby-Band aus Chicago, “The Blissters”. Der Bezug? Nun, der Sänger ist Lehrer und außerordentlich Social-Media-affin. Wobei der dreibeinige Hund Trey der eigentliche Star der Truppe ist. (Hintergrund: Wieso ist hier Musik?

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Große Aufgaben: Schule und digitale Zeiten

Im Folgenden gibt es nun ein paar Eindrücke zur Schulleiter-Tagung letzte Woche.

Dillingen an der Donau ist ein richtig hübsches Städtchen. Die Altstadt strahlt im Frühling wie frisch gestrichen. Doch das Örtchen ist nicht nur touristisch interessant, sondern durch die dort angesiedelte Akademie für Lehrerfortbildung und Führung regelmäßiger Treffpunkt für bayerische Lehrer und Schulleiter. Aus Darmstadt kommend ist der Weg dorthin ein bisschen mühsam. Ist man einmal in Ulm, geht es sehr beschaulich übers Land. Die kleine Privatbahn ist an diesem Tag überfüllt: Im einen Waggon hat sich lautstark eine Gruppe Frauen niedergelassen – alle mit „Frauenpower“-Aufschrift auf dem T-Shirt und einer Menge Prosecco in der Hand – im anderen Waggon sind zwei Schülergruppen mit ihren Lehrern, die gerade ihre Klassenfahrt beginnen.

Als sich endlich alle irgendwie verstaut haben, erzählen sich die vielleicht zwölfjährigen SchülerInnen, was sie alles dabei haben. An erster Stelle: „Ich hab eine Powerbank dabei. Sie auch?“, fragt ein Jugendlicher hochmotiviert seine Lehrerin. Die schaut missmutig und sagt, sie wisse gar nicht, was das denn schon wieder sein soll. Geduldig erklären’s zwei Schüler. Die Lehrerin schnaubt. „Sowas ist doch völlig überflüssig!“ Leicht entsetzt macht eine Schülerin einen neuen Ansatz: „Aber das ist doch wichtig, wenn der Handy-Akku mal leer ist.“ Die Lehrerin schüttelt den Kopf: „So ein Quatsch. Mein Akku hält drei Wochen“, ruft sie und setzt nach kurzer Pause nach:. „Das gute alte Nokia – gell, da schaut Ihr?“ triumphiert sie. Die Fahrt ist lang, die Schüler geben sich noch nicht geschlagen. „Aber der Akku vom Notebook kann doch auch mal leer werden“, versucht es einer. Ihr könnt Euch die Antwort der Lehrerin schon fast denken: „Ach was, das Notebook steht immer auf dem Schreibtisch, ich bin froh, wenn ich meine Ruhe davor hab.“ Es ist 9.30 Uhr. Mein Notebook hat noch 60 Prozent, das Handy 30. Muss ich mich schämen? Wie auch immer: Wenn das mal keine Einstimmung ist auf den Schulleiterkongress in Dillingen.

Digitalisierung: Politisch gewollt

Vielleicht 300 Führungskräfte bayerischer Schulen haben sich an diesem Tag im hübschen Dillingen getroffen, um sich über Leadership, Digitalisierung und Bildung fortzubilden. Letztlich sind sie es, die im Auftrag der Politik die Digitalisierung der Schulen voranbringen sollen. Ob sie ähnlich denken, wie meine Mitfahrerin im Zug? Oder ob diese Lehrerin eher eine Ausnahme war? Ich denke an einen Bekannten, Klassenlehrer in einer sehr bunt gemischten hessischen Gesamtschule, für den es selbstverständlich ist, per WhatsApp den Kontakt zu Eltern und Schülern zu halten. “Anders erreiche ich die doch gar nicht”, erzählte er mir neulich. Und wenn ein Kind nicht zum Unterricht erscheint, fragt er per WhatsApp nach, was los ist. In Bayern (und vermutlich auch anderen Bundesländern) ist WhatsApp für LehrerInnen offiziell verboten. Grundsätzlich, wenn es um den Kontakt zu Eltern oder Schüler geht. Ebenso Facebook. Was irgendwie sogar verstehen kann, aber auch Probleme macht.

Wie also geht man als Führungskraft einer Schule mit Digitalisierung um – in einem Umfeld, in dem „die Lehmschicht“ (Peter Löscher, Siemens) vielleicht noch dicker ist als in manchen Unternehmen und in dem die Politik – nicht nur via Lehrplan – einen engeren Rahmen setzt als ihn viele Firmen kennen?

Auf der Tagung werden didaktische Konzepte angesprochen, aber es geht hier vorrangig um Fragen der Führung und – ganz wichtig – der Weiterbildung der Führungskräfte und der LehrerInnen. Übrigens: Beim Keynote-Vortrag werden immer wieder einige Tablets hochgehalten und wichtige Folien fotografiert. Irgendwie bin ich beruhigt. Da ich meinen Input zweimal und parallel zu vielen anderen Vorträgen geben durfte, kann ich von der Veranstaltung nur sehr ausschnittweise Eindrücke wiedergeben.

Sehr interessant fand ich die Fortbildungsoffensive für bayerische Lehrkräfte, die sehr klar Strukturen und Inhalte festlegt, aber auch offen für die Bedarfe vor Ort ist. Ich habe da keinen Vergleich, aber eine hessische Bildungsexpertin erzählte mir, dass die meisten Bundesländer von einem solchen systematischen Vorgehen weit entfernt seien. In Bayern läuft im Rahmen der Offensive vieles über formale Weiterbildungen, aber es wird auch versucht, informelles berufsbegleitendes Lernen zu initiieren.

In der Strategievorstellung klang dieser Aspekt noch etwas zaghaft, aber als ich mit meinem Input die Bedeutung des informellen Austauschs und Lernens in der Wirtschaft betont habe, war mein Eindruck, dass dies den Teilnehmenden sehr plausibel erschien und eine große Neugier besteht, welche Möglichkeiten es dazu gibt. Entsprechend haben wir über Innovationsteams oder Methoden wie Working out Loud, Barcamps und Möglichkeiten des Einbeziehens von Stakeholdern diskutiert. Und natürlich über die Rolle der Führungskräfte – Stichworte waren New Leadership und Rollenvorbilder -, der Organisationskultur und vor allem der Freiräume, um Neues probieren zu können sowie im Zweifel auch Fehler zu tolerieren. Und eben auch, dass Mitarbeitende auf ganz unterschiedlichen Stufen stehen und man ihre Mindsets verstehen muss, wenn es um Digitalisierung geht. Entsprechend müssen Kommunikation und Qualifikationsschritte angepasst werden. Ein Beispiel, das mir gefallen hat: Eine Rektorin berichtete, dass es in ihrer Schule nach dem Vormittagsunterricht regelmäßig Treffen gebe, auf denen Lehrende sich gegenseitig Tools und Strategien zu digitalem Arbeiten und Lernen vorstellen.

Digitalisierung als sozialer Prozess

Ein Aspekt, den ich nicht müde werde zu betonen, ist der, dass Digitalisierung ein sozialer Prozess ist und dass es kaum um Technik, sondern um Menschen geht – und die Fragen, wie Digitalisierung etwas verbessern kann bzw. wohin man durch Veränderung möchte. Aspekte, die sich sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion finden und natürlich auch von PraktikerInnen betont werden, beispielsweise von Magdalena Rogl (Microsoft).

Wichtig ist in dem ganzen Prozess natürlich, wie für den Einstieg mit verhältnismäßig wenig Aufwand schon etwas erreicht werden kann. Ein paar solcher „quick wins“, über die ich aus unserer Erfahrung an der Hochschule Darmstadt in Lehre und Transferprojekten berichten konnte, stießen bei den SchulleiterInnen auf große Neugier. So etwa die Idee, dass Teilnehmer einer geplanten Besprechung an der Agenda in einem Wiki oder einem Dokument, das in der Cloud liegt, mitschreiben und dort gleich in der Sitzung das Protokoll entsteht. Oder unsere Erfahrung mit Slack in Forschungsteams oder im gesamten Studiengang Onlinekommunikation.

Was mir besonders in Erinnerung bleiben wird: Einige Schulleiter berichteten von immer noch ausufernden Diskussionen, ob LehrerInnen berufliche Mailadressen haben sollen und vor allem wollen. Ich gebe zu, mir ist das Kinn etwas runtergeklappt, als von einer Schule berichtet wurde, in der nach langem Kampf nun die LehrerInnen auch per Mail erreichbar sind und sie sich auf eine Antwortzeit von einer Woche geeinigt hätten. Aber genauso hat ein anderer Rektor berichtet, dass er solche Diskussionen seit Jahren nicht mehr kenne – im übrigen habe er während meines Vortrags Slack heruntergeladen und er freue sich darauf, das auszuprobieren. Meine Bitte, sich als Führungskraft als Rollenvorbild zu verstehen, war in diesem Fall vollkommen überflüssig.

Headerfoto: Steve Johnson, unsplash

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