Das vierte CommunicationCamp steht in den Startlöchern: Mitstreiterinnen* gesucht

Das vierte CommunicationCamp steht in den Startlöchern: Mitstreiterinnen* gesucht

Einige von Euch haben es vielleicht schon auf anderen Kanälen mitbekommen: Mit einer Gruppe PR-Studies organisieren wir wieder ein Communication Camp. Das ist so eine Art Hackathon für Webworker. Das Ziel: Profis uns Studierende arbeiten knapp zwei Tage zusammen, und zwar, um die Kommunikation einer Nonprofit-Organisation zu unterstützen. Diesmal haben sich 15 Organisationen beworben, nach einem aufwändigen Auswahlprozess haben wir uns für eine Zusammenarbeit mit dem gerade gegründeten Netzwerk Asyl in Mühltal bei Darmstadt entschieden. „Das vierte CommunicationCamp steht in den Startlöchern: Mitstreiterinnen* gesucht“ weiterlesen

CommunicationCamp: Eine wunderbare Dynamik

Um ehrlich zu sein: Ich bin noch ziemlich platt von den letzten beiden Tagen, konkreter: Vom CommunicationCamp. Und ich gehe davon aus, die anderen, die weit mehr daran gemacht haben – die Studenten und natürlich die Mitstreiter – sind mindestens genauso geschafft. Das Tolle daran ist aber, dass das die Erschöpfung derjenigen ist, die im Kleinen wirklich etwas geschafft haben. Was mich diesmal besonders beschäftigt hat: Das Brückenbauen.

 

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Elitenkommunikation? Öffentliche Institutionen und Social Media

Bessere Infornation? Mehr Teilhabe? Bessere Identifikation? Besseres Image? Öffentliche Verwaltungen und Institutionen sollten strategische Fragen wie diese erst klären, wenn sie über Aktivitäten im Social Web nachdenken. Und: Mit Aktivitäten im Social Web erreicht man noch immer bestimmte Eliten, weshalb es gilt – ausgehend von den Zielsetzungen – von vornherein über die Vernetzung von online und offline nachzudenken. Ein paar Thesen und Eindrücke von einer Tagung an der Universität Leipzig.

Wenn das kein toller Tagungsort ist: Die Unibibliothek in Leipzig.

Wie vor einiger Zeit angekündigt, hat vor wenigen Tagen die Veranstaltung „Soziale Medien und öffentliche Institutionen“ stattgefunden. Spannend daran aus meiner Sicht: Sowohl die Veranstalter wie auch die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Disziplinen – überwiegend aus Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft – und aus der Verwaltungspraxis. Ziel war, das Feld überhaupt zu skizzieren und die unterschiedlichen Perspektiven zusammen zu bringen, denn über die Kommunikation öffentlicher Institutionen wird ja nicht so sehr oft diskutiert (sieht man vom Kulturbereich ab).

Die in meiner Wahrnehmung wichtigsten Aspekte, die in den Vorträgen und Diskussionen immer wieder aufkamen, waren an sich nicht überraschend:

  • Ziele, Strategie und Erfolgsmessung
  • Partizipation als Beteiligungsangebot für Interessierte, aber nicht im Sinne von Abstimmungen.
  • Informations- und Kommunikationsbedürfnisse von Stakeholdern einschließlich Anforderungen an Zugänglichkeit, Korrektheit etc.
  • Die Befürchtung, mit Social Media sozial Schwache, Ältere und u.U. auch Migranten (noch) nicht gut erreichen zu können.
  • Bürokratie, Abstimmungsprozesse, Qualifikation und Schutz von Mitarbeitern und natürlich gesetzliche Rahmenbedingungen bzw. Erlasse, die Instiutionen sehr viele Aktivitäten im Social Web eigentlich verbieten (was aber oft umgangen wird).

Da mir die Organisatoren netterweise den ersten Vortrag gegeben haben, habe ich das kommunikative Umfeld in Zeiten von Social Media zunächst skizziert – für Textdepot-Leser stecken hierin vermutlich keine großen Überraschungen.

Mit fünf Thesen habe ich das Feld zu umreißen versucht:

  1. Es gibt vielfältige Diskussionsansätze zu Social Media und Institutionen: Wissenschaftliche Bestandsaufnahmen und die Diskussion strategischer Zielsetzungen stehen aber noch am Anfang. Erschwert wird das Ganze durch eine Begriffsvielfalt (z.B. Government 2.0, eDemocracy, Open Data, Social Innovation, Online-PR) und den Zugriff unterschiedlicher Disziplinen und den damit verbundenen Verständigungsschwierigkeiten.
  2. Die klassische Bürokratie mit ihren hierarchischen Strukturen und ihren üblichen Abläufen kommen im Social Web an Grenzen. Beispielhaft prallen Ansätze wie One Voice-Policy, Dienstweg, Zuständigkeit, 9to5 zusammen mit vernetzter Kommunikation, Geschwindigkeit, Persönlichkeit, einem informellen Stil etc.
  3. Institutionen kommunizieren in der Praxis meist mit einer breiten Öffentlichkeit („dem Bürger“). Sie haben die Pflicht, sich an geänderte Mediennutzung anzupassen. Problem dabei: Social Media mit ihren stärker spezialisierten Kanälen zwingen zu einer stärkeren Differenzierung der Bezugsgruppen, was angesichts begrenzter Ressourcen neue Probleme schaffen kann.
  4. Beteiligung I: Internet-Tools und eine partizipative Grundstimmung in einzelnen Milieus fördern die Selbstorganisation. Institutionen als Einrichtungen aller können dies nutzen oder ignorieren, aber nicht verhindern.
  5. Beteiligung II: Trotzdem gilt die 90:9:1-Regel (Nielsen). Das bedeutet: Man kann Anregungen und Argumente sammeln oder Interessierte an Aufgaben beteiligen, aber keine Entscheidungen im demokratischen Sinne treffen.

Hier meine kompletten Vortragsfolien.

Ein paar weitere Tagungs-Impressionen:

  • Hochwasser: Während der Hochwasserkatastrophe waren einige Institutionen im Social Web aktiv, an anderen Stellen organisierten Bürger sich selbst. Zwar sahen fast alle ein tolles Potenzial in der Selbstorganisation, in Einzelfällen wurde die Abstimmung mit offiziellen Helfern und Fehlinformationen als Probleme gesehen.
  • Katastrophenkommunikation insgesamt: Einige Teilnehmer forderten, dass Social Media-Kommunikation systematisch in die Krisenpläne von Institutionen integriert werden müssten. Inwiefern dies geschieht, konnte nicht wirklich geklärt werden.
  • Das Beispiel der Wiener Charta zeigte, dass die Verknüpfung von online (Themen sammeln, bewerten) und offline (Diskussionsveranstaltungen) sehr effektiv sein und Bevölkerungsgruppen zusammenbringen kann, die in einer Stadt ansonsten nebeneinander leben. Bei dem Projekt ging es darum, den Zusammenhalt in der Stadt Wien zu verbessern und Spielregeln des kommunalen Zusammenlebens auszuhandeln. Hierzu wurden 1.848 Beiträge online eingesammelt, es fanden 651 Diskussionen in Kneipen, Gemeindezentren, Vereinen etc. statt und mehr als 320 Organisationen haben ihre Mitglieder zur Beteiligung aufgerufen.
  • Zum Schluss noch ein PR-Aspekt: Man muss sich auch bewusst machen, dass nicht jede Instiution als Ganzes beliebt ist. Andere adressieren sehr unterschiedliche Zielgruppen. Insofern ist bei der Formulierung der Strategie u.U. auch zu diskutieren, ob statt einer Institution als Ganzes ein spezielles Thema zum Gegenstand der Kommunikation im Social Web gemacht werden sollte. Ein Beispiel: Ein Studententeam unseres Masterstudiengangs Medienentwicklung hatte im vergangenen Semester durch Zielgruppenbefragungen schnell herausgefunden, dass ein Jugendamt auf Facebook allein wegen seiner Bezeichnung nicht gern gesehen wäre; Tipps für junge Familien oder Freizeitangebote für Jugendliche aber sehr wohl, so dass am Ende zwei Themenseiten statt einer institutionellen Seite vorgeschlagen wurden.

Textdepot-Archiv: Mehr zu strategischen Fragen im Social Web

Globales Lernen digital: Das eBook

Wie vor einiger Zeit berichtet, haben einige der aktuellen PR-Studenten im Mai eine Konferenz zum Thema Globales Lernen digital organisiert. Gerade rechtzeitig zu Beginn der Semesterferien gibt’s nun ein eBook zum Thema.

Das eBook ist nicht als reine Konferenzdokumentation  gemacht, sondern soll auch Interessierten, die nicht dabei waren, das Thema ein wenig erschließen. Worum es nochmal ging? Es geht um die Frage, wie das Internet und speziell Social Media im Rahmen des Konzeptes des Globalen Lernens sinnvoll eingesetzt werden können. Dies bietet sich sicherlich an, geht es doch um entwicklungsbezogene Bildung und darum, weltweite Zusammenhänge zu erkennen. Und hier bietet das Internet natürlich Zugang zu vielen Quellen wie NGOs oder Aktivisten und natürlich gibt es auch im Lernen die Möglichkeit, dieses nicht auf das Klassenzimmer zu beschränken – im besten Fall könnten zum Beispiel Lernergebnisse wiederum im Netz publiziert werden.

Vor allem wendet sich das eBook an Lehrende und Mitarbeiter in NGOs, die sich bisher noch weniger mit dem Social Web beschäftigt haben. Auf 43 Seiten gibt es 15 Artikel von Studierenden und einigen Gastautoren. Hierbei haben sie sich an den Themen der Vorträge und der Workshops der Konferenz grob orientiert, hinzu kommen thematische Ergänzungen, beispielsweise zu Medienkompetenz oder eine Einführung in das Thema von Birgit Glindmeier vom Portal globaleslernen.de und mir.

Damit ist nun – zumindest für den Moment – auch für mich ein spannendes Projekt abgeschlossen. Es hat sich gezeigt, dass dieses nicht ganz einfach war: So war es zunächst für die Studierenden überraschend zu sehen, dass das Globale Lernen gleichberechtigt zwei Ansätze verfolgt: Denn in diesem Rahmen werden einerseits Unterrichtskonzepte entwickelt, oft in Zusammenarbeit mit NGOs; andererseits starten NGOs im Rahmen des Konzeptes auch Kommunikationskampagnen. Insofern wird in unserem Zusammenhang das Social Web also Lernort und Ort von Kampagnen. Eine andere Schwierigkeit war der Zeitdruck: In einem Semester galt es, die Veranstaltung zu organisieren, zu vermarkten und vier Workshops auf die Beine zu stellen. Insofern ist es aus meiner Sicht eine tolle Leistung der 15 Studenten, dass das eBook noch fertig wurde. Zu schaffen war das Ganze insgesamt auch nur, weil unsere Kooperationspartner vom Portal globaleslernen.de in allen Phasen des Projektes nicht nur intensiv im Boot waren, sondern einige Teilaufgaben übernommen bzw. in allen Phasen die Studenten intensiv unterstützt hatten.

Ursprünglich hatten wir geplant, das eBook in ganz unterschiedlichen Formaten für die verschiedenen Endgeräte zu veröffentlichen. Diese Optimierung fiel nun doch dem Zeitdruck zum Opfer. Deshalb gibt’s das Ganze auf Slideshare und issuu. Im Redaktionsprozess haben uns einmal mehr die Google Docs des Leben sehr erleichtert, die Fertigstellung ist dann in InDesign erfolgt.

Lehrprojekte: Globales Lernen statt Zukunft Online-PR

In letzter Zeit wurde ich ein paar Mal gefragt, ob wir – sprich: ein Studententeam – bald wieder eine Konferenz organisieren. Die Reihe „Zukunft Online-PR„, die wir 2007, 2009 und 2010 (dann als Weiterbildung) gestartet hatten, war ein sehr schönes Format. Dennoch setzen wir es im Moment nicht fort, sondern gehen in eine andere Richtung: Am 23. Mai 2012 gibt es die Konferenz „Globales Lernen digital„, die ein Studententeam und ich gerade in Kooperation mit dem Portal Globales Lernen der Eine Welt Internet-Konferenz (EWIK) vorbereiten. Mit dem thematischen Shift ist auch verbunden, dass wir eine andere Zielgruppe ansprechen.

Warum diese Entwicklung? Ein Grund für mich war, dass nach meinem Eindruck eine kaum überschaubare Zahl von Veranstaltungen angeboten wird, die sich allgemein mit Online-PR und/oder Social Media beschäftigen. Deshalb erscheint mir im Moment spannender, das Thema Online-Kommunikation auf spezielle Fragestellungen zu beziehen und eine speziellere Zielgruppe anzusprechen. Und da sind wir dann beim anderen Grund: Durch einen Besuch einer Mitarbeiterin der EWK auf der Werkschau unseres Fachbereichs, der mediale*, im letzten Jahr bin ich auf das Thema Globales Lernen gestoßen. Was hinter diesem Begriff steckt, hat eine Studentin nebenan in den PR-Fundsachen beschrieben:

Globales Lernen ist ein Bildungskonzept, in dem fachübergreifend zu Eine-Welt-Themen, Menschenrechten oder Umwelt gearbeitet wird – meist mit partizipativen Lernmethoden. Neben Schülern und Lehrern sind NGOs, die in diesen Feldern aktiv sind, wichtige Akteure in diesem Umfeld.

Auf anderer Ebene habe ich mich mit einzelnen Fragen aus diesem Umfeld früher schon beschäftigt. Und klar, soziale Medien sollten da ja ideal hineinpassen. Erstaunlich für mich war zu erfahren, dass die Community des Globalen Lernens einen großen Informationsbedarf zum Social Media-Einsatz hat, obwohl große Organisationen wie Brot für die Welt natürlich auf vielen digitalen Kanälen unterwegs sind. Insofern haben wir uns vorgenommen, mit unserer Konferenz in zwei Richtungen zu gehen: Auf der einen Seite möchten wir PR-Praktiker vor allem von NGOs ansprechen, die im Umfeld Globales Lernen kommunizieren. Auf der anderen Seite möchten wir mit Lehrenden in und außerhalb von Schulen sowie mit Lehramtsstudenten diskutieren, wie soziale Medien das Globale Lernen inhaltlich unterstützen können.

Wie schon bei unseren früheren Veranstaltungen ist vorgesehen, dass Studierende das Event organisieren und durch Kommunikation begleiten, aber auch, dass ein Team sich inhaltlich beteiligt. Deshalb sind vier Workshops auf dem Programm, die Studierende vorbereiten und halten. Dabei haben sie jeweils einen Sparringspartner aus der Praxis oder der Wissenschaft an der Seite. Besonders freut mich in diesem Zusammenhang, dass meine Kollegin Mihaela Vorvoreanu von der Purdue-University ein Team unterstützt. Deshalb halten die Studenten einen Workshop auf englisch. Ebenso froh bin ich, dass wir einen Partner haben, mit dem es eine gute Arbeitsteilung, viel zu lernen und vor allem den Zugang zum Thema gibt. Wir haben es im Stundenplan so organisiert, dass es das eigentliche Projektseminar gibt und ein begleitendes Seminar, in dem es um fachlichen Input zum Globalen Lernen geht. Meine Zwischenbilanz bisher: Es ist ein gigantisches Projekt für Studierende im 4. Semester, die sich gerade erst für den PR-Schwerpunkt entschieden haben – auf sie stürzt gerade alles gleichzeitig ein. An der ein oder anderen Stelle lässt sich deshalb weniger umsetzen als wir uns vielleicht wünschen – auch, weil wir extrem wenig Vorlaufzeit haben. Die Motivation des Teams ist aber riesig: Im nächsten nach außen sichtbaren Schritt soll die bisher recht schlichte Website ergänzt und bloggend zum Leben erweckt werden.

Bis 13. Mai 2012 ist die Anmeldung möglich, die Teilnahme ist dank der Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kostenlos. Wie gesagt ist das Ganze aber wahrscheinlich für einen großen Teil der Leser dieses Blogs gar nicht sooo spannend. Sie lade bei dieser Gelegenheit natürlich gern auch zur diesjährigen Werkschau unserer Studenten, der mediale* ein, die schon am 21. Mai beginnt und wie die Konferenz in der Centralstation Darmstadt stattfindet (bis 23. Mai). Hier schon mal der mediale-Trailer.

Greenpeace vs. Nestlé: Fortsetzung für’s PR-Lehrbuch

Als PR-Dozent sucht man ja immer nach praktischen Beispielen für die Lehre: Deshalb wird es hohe Zeit, dass ich mich einmal bei Greenpeace bedanke – denn die Palmöl-Kampagne gegen Nestlé ist ein wunderbarer Case, an dem sehr vieles gezeigt werden kann und der Stoff für mehrere Lehrveranstaltungen gibt, denn heute fand das Ganze eine interessante Fortsetzung.

Grundsätzlich zeigt das Beispiel auf der einen Seite, wie Campaigning einer NGO im Social Web funktioniert, auf der anderen Seite welche Probleme die Krisenkommunikation eines Unternehmens damit hat (und wie diese im besten Fall gelaufen wäre). Viel wurde hierzu in den vergangenen Wochen geschrieben und gesagt, zusammenfassend sei noch auf den brouhaha-Podcast von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach und Alex Wunschel verwiesen. Vor allem luebues Feststellung, dass das eigentlich so sperrige Thema der Palmöl-Herstellung in einigen Gegenden und ihrer Auswirkungen für die Umwelt erst durch die unglückliche Krisenkommunikation von der Fachöffentlichkeit in die breite Medienöffentlichkeit gelangt ist (wobei hier dann die Social Web-Auseinandersetzung großen Raum einnimmt), halte ich für einen wichtigen Gedanken.

Ebenso bedeutsam ist, dass sehr schnell ein Reputationsverlust von Nestlé festzustellen ist. Allerdings ist hierzu zu sagen, dass solche Konflikte zwar immer im Netz auffindbar bleiben und Nestlé gerade hier einiges tun muss, auf einer anderen Karte steht aber der langfristige Reputationsverlust z.B. bei Konsumenten. Dieser ist aus meiner Sicht noch nicht abzuschätzen und dürfte stark von den nächsten Schritten beider Seiten abhängen.

Heute liefert Greenpeace nun ein neues Kapitel im Anschauungsunterricht: Vor der Frankfurter Unternehmenszentrale von Nestlé wurde eine große Twitterwall aufgebaut und am Gebäude ein riesiges Plaket entrollt. Mit der ersten Maßnahme kommt das Netz und damit die Botschaft von Verbrauchern direkt zum Unternehmen, die zweite sorgt zusätzlich für emotionale Bilder – mal sehen, wie oft das Plaket morgen in den Zeitungen erscheint. Doch wichtige Zielgrupen dieser Aktionen sind Aktionäre (Jahresversammlung), Mitarbeiter und Unternehmensleitung. Ein Ziel dabei: eine unternehmensinterne Diskussion der Thematik. So schreibt Michelle Bayona im Greenpeace-Blog:

„Die Mitarbeiter haben die Diskussion um ihren Arbeitgeber bereits mitbekommen. „Eins muss man ihnen lassen, gelungene Aktion!“, sagt einer. Fast jeder passiert den Firmeneingang mit einem roten Greenpeace-Infoflyer. Die Forderungen von Greenpeace und die Rolle Nestlés bei der Urwaldzerstörung in Indonesien werden sicherlich gleich heißes Thema im Büro sein.“

Außerdem haben Greenpeace-Aktivisten eine Unterschriftenliste überreicht. Der Vorstandsvorsitzende von Nestlé Deutschland war zu einem Gespräch bereit, das Ganze wurde vom Unternehmen auch sehr schnell per Presseinformation bekannt gegeben. Darin betont das Unternehmen, dass es sich ebenso um den Regenwald in Indonesien sorgt und verkündet:

„Nestlé führt zudem Gespräche mit allen Lieferanten, um Zulieferungen zuverlässig auszuschließen, die aus nicht nachhaltigem Anbau stammen.“

Greenpeace kommentiert wiederum mit „wenig Neues„. Beide Sichten gehören wohl zum Ritual, in dem nun immerhin eine Dialogebene hergestellt ist.

Der Fall hat sich also lehrbuchhaft weiter entwickelt. Und er zeigt: Verhaltensänderungen sind eine Frage der Macht, der Meinungsmacht. Der erste Schritt zur Verhaltensänderung, der Dialog, setzt – wie es Studenten heute Vormittag in einer Vorlesung gut herausgearbeitet haben – ein genaues Zuhören und ein Verstehen der Argumente der anderen Seite voraus, aber genauso die Bereitschaft zum Kompromiss, also der Veränderung des eigenen Verhaltens. Denn nur so kann Glaubwürdigkeit für den nächsten Dialog gesichert werden. Ein schönes Beispiel also, um eine Theorievorlesung aufzulockern und die Modelle von Grunig und Hunt durchzudeklinieren – so langsam scheinen wir uns im Modell der symmetrischen Kommunikation zu bewegen…

Noch ein kleiner Nachsatz:

Eigentlich hätte ich gern ein paar Bilder von der Twitterwall und dem großen Plakat an der Nestlé-Zentrale hier eingebunden. Die stehen auch, wie es sich gehört, auf flickr – allerdings unter strengem Copyright („all rights reserved“), auf twitterisch eher ein #fail

Anti-Campaigning: RWE-Werber tappen in die Falle

Anti-Campaigning ist ein wichtiges Instrument der Nonprofit-Kommunikation. Und meist eines der unterhaltsamsten. Denn Anti-Campaigning bedeutet, eine bestehende Kampagne aufzuspießen, Gegenargumente zu bringen und die andere Seite ein bisschen vorzuführen. Die Werbeagentur Jung von Matt scheint mit solcher Kommunikations-Guerilla jedoch nicht umgehen zu können. Oder wurde die Agentur nur von ihrem Auftraggeber RWE vorgeschickt, um eine unliebsame Gegenkampagne von Umweltschützern juristisch auszuhebeln?

Immer wieder sind es Stromkonzerne, die Gegenkampagnen provizieren. Der Grund dürfte einfach sein: Sie polarisieren. Und sie haben aus Sicht ihrer Kritiker deutliche Glaubwürdigkeitsprobleme in ihrer Kommunikation. „Greenwashing“ ist denn auch einer der häufigen Vorwürfe, mit denen die Konzerne konfrontiert werden. Und so hatte zur großen Belustigung der Öffentlichkeit vor einem halben Jahr Greenpeace eine Vattenfall-Kampagne mit dem Instrument des Anti-Campaignings hochgenommen.  Nun hat es RWE erwischt, genauer: ein neues Atom-Produkt. Süffisant vermerkt die taz:

„Die (neue Strommarke) nennt sich fröhlich „Pro-Klima“, da sie zu gut zwei Dritteln aus Atomkraft besteht und daher besonders CO2-freundlich sei. Eine Einladung zur Parodie, die Umweltschützer gerne aufgriffen. „

Diesmal waren es die Campaigner von Urgewald, die das Werbemotiv von RWE ironisierend aufgegriffen. Aus „voRWEeg gehen“ wurde „fingeRWEg“, und auch das Werbemotiv wurde persifliert. Für die NGO geht es in der RWE-Werbung nicht nur um Greenwashing, sondern auch um die Unternehmenspolitik des RWE-Konzerns, der trotz heftiger Kritik an einem aus Kritikersicht höchst riskanten Atomprojekt in einer bulgarischen Erdbebenregion festhalten möchte.  

Doch nun soll die Anti-Kampagne mit juristischen Mitteln gestoppt werden. Nicht durch den RWE-Konzern, das würde vermutlich zu hohe Wellen schlagen. Statt dessen ist der Anwalt der Werbeagentur Jung von Matt auf den Plan getreten und will mit dem Urheberrecht die Umweltschützer stoppen (pdf).

Nun ist anzunehmen, dass es kommt, wie es so oft geht, wenn Kommunikationsprobleme mit juristischen Mitteln gelöst werden sollen: Der Schuss dürfte nach hinten losgehen. Neben taz haben bereits Horizont, telepolis und andere Medien sowie ein paar Blogs über den Fall berichtet. Und die tragen das Thema und vor allem das Bildmotiv der Gegenkampagne weiter. Julia Seeliger fordert ihre Leser gerade zur Verbreitung dieses Motivs aus der Gegenkampagne auf: 

 

Motiv der RWE-Antikampagne von urgewald
Motiv der RWE-Antikampagne von urgewald

 

Einen größeren Gefallen konnte Jung von Matt den Aktivisten von urgewald kaum tun. Ob die Agentur am Ende womöglich ihrem Kunden RWE sogar schadet, bleibt abzuwarten. Die Umweltschützer wehren sich jedenfalls juristisch (pdf), haben das Ganze an die Öffentlichkeit gebracht und schreiben auf der Website:

urgewald wird sich keinen Maulkorb verpassen lassen, wir lassen uns nicht einschüchtern. Ganz im Gegenteil: Das Vorgehen bei JvM/RWE zeigt uns, dass wir mit unserem breiten Protest bereits an empfindlichen Stellen getroffen haben. Wir sind ein ernstzunehmender Gegner und wir geben nicht auf. „

Da scheinen ein paar Kommunikationsprofis mal wieder in die David-Goliath-Falle getappt zu sein…